Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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so ausführlich erteilte Antwort der Handelskammer spricht nur von! den Mißständen, welche von den russischen Behörden geschaffen sind, von der Rechtlosigkeit, unter welcher die russischen Juden zu leiden haben, und von der Unmöglichkeit, seitens der preußischen Regierung in dieser Sache in Rußland zu intervenieren. Die Handelskammer vermutet, daß es auch den jüdischen Geschäftsreisenden aus Amerika und England in Rußland nicht besser ergehe. Ueber die wirklichen Tatsachen, über die wahren Urheber dieses den jüdischen Bürgern preußischer Staatszugehörigkeit angetanen Unrechts scheint also die Handelskammer gar nicht informiert zu sein. Zunächst soll hier bemerkt werden, daß die jüdischen Reisenden aus Amerika und England in Rußland gar nicht behindert werden, aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht als Juden, sondern als englische oder amerikanische Staatsbürger sich daselbst legitimieren. Das Unrecht, welches den deutschen Juden in Rußland angetan wird, geht nicht von der russischen, sondern zunächst von der preußischen Regierung aus. Der Satz in dem Bescheide der Handelskammer: „Soweit uns bekannt, enthalten die deutschen Paßformulare keine Angaben über Religionsangehörigkeit. Diese Angaben werden vielmehr . . . von den russischen Konsuln gefordert . . ist uns völlig unverständlich. Wenn die russische Negierung sich von der preußischen über die Behandlung der Juden nichts dreinreden laßt, wie kommt es da, daß die preußische sich eine solche Forderung seitens Rußlands im Gegensatz zu Amerika und England ausoktroyieren läßt! Es sei zur Klärung der Sache noch folgendes bemerkt: Bis vor etwa zwanzig Jahren bekam jeder deutsche Staatsbürger einen Auslandspaß ohne Vermerk über Religion. Als die Judenverfolgungen in Rußland begannen, da ging man auch gegen die ausländischen, besonders gegen die deutschen, strenger vor. Der russische Konsul inquirierte bei Erteilung des Visums den Paßinhaber über seine Religionszugehörigkeit. Dieser konnte sie beliebig angeben, das hatte er mit seinem Gewissen abzumachen. Auf diesem Wege kam die russische Regierung mit ihren Beschränkungen gegen die Juden nicht weiter. Da kam die preußische Regierung dem russischen Despotismus zu Hilfe. Man denunzierte den Juden als solchen bei dem russischen Konsul. Das Paßsormular wurde zwar nicht geändert, aber dem Paßinhaber für die Reise nach Rußland wurde ein besonderer Schein mit Angabe seines Religionsbekenntnisses beigegeben. Das war eine in einem Verfassungsstaate unerhörte Verordnung. Wie weit ein solches Verfahren gegen Tausende von loyalen Staatsbürgern dem Geiste der Humanität, der Gerechtigkeit, dem modernen Empfinden entsprach, soll hier nicht erörtert werden. Eine andere Frage ist die: Ob diese Beschränkung der deutschen Juden in Rußland, im Gegensatz zu der Freiheit, die den englischen und amerikanischen Juden daselbst gewahrt ist, den deutschen Handelsinteressen, der Ausfuhr deutscher Waren von Nutzen sei, und wie kommt es, daß die gesetzgebenden Faktoren, und besonders die preußischen! Handelskammern, solchen unwürdigen und schädigenden Verordnungen und Verfügungen gegenüber sich so indifferent verhalten? $ Die Wahlen zur russischen Duma sind oppositionell ausgefallen, obwohl die Wahlbewegüng soviel als nur irgend möglich eingeschränkt wurde. Es steht zu hoffen, daß auch wieder eine Anzahl jüdischer Abgeordneter in die Duma kommen wird, um die Rechte der russischen Juden zu vertreten. Natürlich haben vor den Wahlen sich fast alle Parteien um die Gunst der Juden bemüht und diesen goldene Berge versprochen. - Wieviel von diesen Versprechungen gehalten werden wird, ist freilich eine andere Frage. Sehr interessante Mitteilungen über die besonders wichtige Wahlbewegung in Nussisch-Polen bringt die „Kölnische Zeitung". Sie schreibt u. a.: „Die polnischen Bemühungen, die Juden für sich zu gewinnen, werden von den Russen mit Hohn kritisiert. Man wirft ihnen vor, daß. sie mit unlautern Schmeicheleien und durch das wiederholte Ausgraben von Erzählungen über die durch polnische Magnaten in früheren Zeiten den Juden so oft angeblich bewiesene Großmut und Mildtätigkeit versuchen, die Gunst der Juden zu erobern. In russischen Wählorversammlungen Wilnas hörte man z. B.: Juden säen zwar die Anarchie, aber trotzdem bemühen wir uns, den Juden im Wahlkampf zum Siege zu verhelfen, denn ein Jude spricht russisch und haßt nicht Rußland, während jeder Pole die Kenntnis der russischen Sprache verleugnet und Rußland Verderben wünscht." Solche Aeußerungen erregen den Zorn des Verbandes wahrhaft russischer Männer, deren unversöhnlicher Antisemitismus keinen Juden aufkornmen lassen will. „Die Polen sind schlecht, aber die Juden sind schlechter, ein Jude ist schlimmer als zehn Polen!" ries ein Redner in einer Sitzung des Verbandes in Wilna. In einem von dem Vorsitzenden des Verbandes, Dubrowin, Unterzeichneten Aufrufe, der in jener Versammlung verteilt wurde, heißt es: „Der Jude hat bei der Wahl in die erste Duma nur durch trügerische Versprechungen von Vorteilen den Sieg davongetragen. Mit den Juden ist in die erste Duma eine Bande von Lumpen und abgerissenen Habenichtsen gelangt, eine Rotte vaterlandsloser Subjekte ohne Ehre und Gewissen, ohne Glauben an Gott, ohne Liebe zum Vaterland und zum Zaren. Russische Männer, wollt ihr. daß die Schmach sich wiederholt? Der Jude ist unser Feind und seine Kapitalien haben uns besiegt, weil die Juden einig sind und weil hinter jedem Juden das Gebet des ganzen jüdischen Volkes steht. Wir aber sind uneinig und zersplittern unsere Stimmen. Hört nicht ans die schmutzigen Lügen der Juden, sondern verfolgt diese Verleumder. Ihr, die ihr schreiben könnt, unterschreibt selbst bei der Wahl, und die des Schreibens Nichtkundigen dürfen nur solche Männer bevollmächtigen, die nicht fähig sind, für einen jüdischen Rubel oder ein jüdisches Fünfzigkopekenstück ihre Brüder zu verraten." Die Juden sind klug genug, um einzusehen, daß ste allein, ohne Unterstützung einer andern Partei, keinen Erfolg haben werden und haben daher in Wilna und Bialystock beschlossen, auch für christliche Kandidaten zu stimmen: „Wenn wir uns fortreißen lassen und nur für Juden stimmen, machen wir einen unverzeihlichen Fehler und zerstören dadurch unsere eigene Sache." Jedoch haben sich die jüdischen Versammlungen in Wilna gegen eine Vereinigung mit den Polen und ebenso gegen eine solche mit dem Verband der friedlichen Erneuerung ausgesprochen, da eine solche Vereinigung den Interessen der Juden schädlich sein würde. In dem Verhalten der Regierung gegenüber den Juden läßt sich ein einheitlicher Gedanke nicht erkennen. Was sie mit der einen Hand gibt, nimmt sie mit der andern. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Juden trotz aller Verfolgungen und Anfeindungen an Selbstbewußtseiu sehr zugenommen und auch, infolge mancher toleranter Strömungen an den maßgebenden Regierungsstellen, einige praktische Erfolge zu verzeichnen haben. Es würde, wenigstens im Nordwestgebiet, kaum noch angebracht sein, die Juden als ein geknechtetes Volk zu bezeichnen." * Nach einer Kabelmeldung aus Amerika bereitet Staatssekretär Root ein Amendement zur Einwanderungsbill vor, nach welchem der Präsident Ausländern, welche ihre Zulassung auf das kontinentale Gebiet der Vereinigten Staaten auf Grund von Pässen nachsuchen, die auf irgend ein anderes Land als die Vereinigten Staaten oder deren insulare Besitzungen oder die Zone des Panamakanals lauten, diese Zulassung verweigern kann, wenn er überzeugt ist, daß die Pässe in einer Art benutzt werden, die den Interessen der amerikanischen Arbeiter schädlich ist. Dieses Amendement wird vielfachen Widerstand Hervorrufen. Daß es die Bestrebungen der verschiedenen Kvlonisationsgesellschaften für jüdische Auswanderer vielfach durchkreuzen würde, läßt sich leicht denken. Indes ist die Annahme der Bestimmungen noch keineswegs gesichert.