Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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wird, mag ja den Zeitumständen angepaßt werden. Aber sic setzt vor allen» den freien Meinungsaustausch voraus. Diesen müssen wir fördern. Aber gerade nach dieser Richtung geschieht seit Jahren nichts, und das ist ein wunder Punkt in unserem Gemeindeleben. Was auch jetzt von der deutschen Judenheit geplant wird, in allem wird darauf peinlichst Rücksicht genommen, ja nicht im mindesten das Mißfallen der Orthodoxie hervorzurufen. Unsere besten Unternehmungen scheitern daran oder müssen ihre Tätigkeit auf ein Mindestmaß beschränken, weil eine kleine Minderheit darin eine Verletzung ihres religiösen Gefühls erblicken könnte. Will man beispielsweise den Religionsunterricht zweckmäßig umgestalten, so fürchtet man den Widerspruch der Orthodoxen. In der Absicht, belehrende Schriften über das Judentum unter unseren Glaubensgenossen zu verbreiten, wird man ebenfalls durch die Rücksicht auf die „Gesetzestreuen" gestört. Es genügt nicht, daß man vielleicht die biblische Geschichte und das biblische Schrifttum nicht in den Kreis der Erörterungen zieht, was freilich an sich auch nicht richtig ist; es gibt fast keine Episode im Judentum, bei deren Behandlung man nicht die orthodoxe Fessel spürt. Auch.das talmudische und rabbinische Judentum gilt vielen als Tabu, wie nicht minder die jüdische Religionsphilosophie. Was bleibt also übrig? Man muß sich stets im Kreis um die großen jüdischen Dichter und um die jüdische Leidensgeschichte herum drehen. Das Judentum als große Idee im Rahmen der allgemeinen Geschichte der Menschheit zu behandeln, ohne Rücksicht auf den „Schulchan-Aruch" oder aus manche sich langst überlebte Bräuche, kann man nicht mehr wagen. Und was ist die Folge davon? Die Orthodoxie hat längst jede Werbekrast verloren. Mit jedem heimgehenden Orthodoxen verringert sich die Zahl ihrer Anhängerschaft, da das neue Geschlecht diesen veralterten Anschauungen völlig entfremdet ist. Aber lieber läßt man alles verfallen und den religiösen Jndifferentismus in erschreckender Weise um sich greifen, als auch nur das Pünktchen über dem i preiszugeben. Es ist begreiflich und auch ersprießlich, daß wir uns in allen gemeinnützigen Instituten zusammenfinden, soweit sie philantropischen Interessen dienen oder zum Schutz gegen Angriffe von außen ins Leben gerufen sind. Aber darüber hinaus muß den liberal denkenden Juden die Bewegungsfreiheit gesichert sein. Es denkt kein Mensch daran, nach irgend einer Richtung Gewissenszwang auszuüben, und mögen wir in unseren religiösen Meinungen noch so weit auseinandergehen, wir denken uns doch die gesamte Judenheit als eine einheitliche Glaubensgemeinschaft, selbst wenn manche Orthodoxe in arger Verblendung und in borniertem Fanatismus diese durch eine tausendjährige Geschichte festbegründete Solidarität verleugnen zu dürfen glauben. Die geistige Bewegungsfreiheit fordern wir auch gar nicht der Orthodoxie zu Trutz, sondern dem Judentum zum Schutz. Wir müssen die Möglichkeit haben, in der Heranwachsenden Generation Liebe und Begeisterung für das Judentum wachzurufen, indem wir unser geistiges Erbe nicht als eine Antiquität behandeln, sondern als ein Ideal, das tief im Bewußtsein unseres Volkes wurzelt, dessen Wesen sich aber nicht nach einer Seite beschränkt, sondern vielseitig und mannigfaltig ist, wie das Leben selbst. Abraham Geiger hat stets in seinen geisteshellen Schriften den Gedanken betont, daß wir nicht etwa eine Reformation des Judentums anstreben dürfen, denn eine Reformation bedeutet eigentlich einen Rückschritt. Wir wollen das Judentum s ortentwickeln. Einer solchen Fortentwicklung lassen sich keine bestimmten Normen zuweisen, denn ihre Grundbedingung ist die Freiheit. Das soll sich auch das liberale Judentum als Ziel stellen: freie Forschung und freie Auffassung des Jude;, tums im Geist seiner geschichtlichen Entwicklung, der kei ic Grenze gesetzt werden darf. Das Judentum hört nicht n it dem Abschluß des biblischen Kanons auf. ebenso nicht mit de it Abschluß des Talmuds und des „Schulchan-Aruch". Es gi religiöse Gebräuche und Anschaunngen, die viel jünger n Ursprungs sind. Warum also gerade etwa da steh i, bleiben, wo das Judentum um die Mitte des achtzehnt u Jahrhunderts gestanden hat? Das widerspricht seinem inner „ Wesen und auch der Auffassung, die der Talmud vom Jude tum hat. Den Faden der freien inneren Entwicklung muß tu* liberale Judentum wieder aufnehmen. Bit Mochr. Berlin, 19. Februrr ie große agrarische Heerschau ist diesmal ohne de üblichen antisemitischen Randglossen vor sich gegange i. Verschiedene Politiker zerbrechen sich den Kopf darüber; a mancher glaubt sogar an eine Wandlung, die seit den Wählt it eingetreten sei. Wir wüßten keinen Grund dafür aufzufinden, ebensowenig wie wir einen Grund für den Antisemitismus dr Agrarier vorher hätten auffinden können. Seit mehr als eine» Jahrhundert betrachten die Juden in ganz Europa „die Erziehen g der jüdischen Jugend zur Bodenkultur" als das beste Mittu, das antisemitische Vorurteil zu bekämpfen. Die deutsche n Juden, die sich als Landwirte trefflich bewähren, würden vic - leicht selbst gar keine üblen Vertreter der Landwirtschaft sei >, wenn man ihnen dies nicht so sehr erschwerte und besonde * durch eine verkehrte Politik und durch den zunehmenden Rassenantisemitismus . den Aufenthalt in den Ostmarken verleidet . Hier haben die Juden früher auf dem Lande zwischen du, katholischen Polen und deutschen Protestanten vermittelnd g - wirkt und die Kluft zwischen den Nationalitäten überbrückt, d e jetzt durch die Verdrängung des jüdischen Elements und ei> r ungesunde gegenseitige Güterpreistreiberei sich immer mehr e weitert. Die Entvölkerung der Ostmarken durch den Wegzv i der Juden ist nicht den Polen zuzuschreiben, wenn auch de. slavische Element sich dadurch dort immer mehr ausbreitc. sondern den Verwaltungskreisen, die sich durch nationa c Redensarten über den Wert des jüdischen Bevölkerungelements für eine Provinz mit gemischten Nationalitätc! täuschen lassen. Daß viele Juden in den Ostmarken de i Staub von den Füßen geschüttelt haben, war auch nur eii natürliche Folge der Wahrnehmung, daß ihre Begeistern»:; für deutsche Sprache und Gesittung von vielen protestantische > Deutschen unterschätzt, von den katholischen Polen aber ihm > arg verübelt und mit geschäftlicher Schädigung vergolten wir! Wenn bei einer neuen Ostmarkenvorlage diese Dinge im Pa lament zur Sprache gebracht werden würden, so könnte es g> c nichts schaden. * Ueber die russischen Paßvorschriften für deutsd c Handlungsreisende jüdischer Konfession haben wir in d r vorigen Woche ein Schreiben der Handelskammer zu Oppe > veröffentlicht. Die „Breslauer Zeitung" erhält dazu folgen r Zuschrift: Es ist erstaunlich, welche Unkenntnis über staatliche Vorschrift^' und Verordnungen nicht bloß in den breiten Schichten der Bevölkerun , sondern sogar bei den Vertretern öffentlicher Institute herrscht. T -