Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang;. Nr. 8. Berlin, 22. Februar 1907. Zeitung desAudentumL Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Hiese Zeitung erscheint wöchentlich. b o n n e m e n t s - Pr ei s: durch Buchhandel clerpost (in Berlin u. Vororten durch unsere i erkriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. ledakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Das librrsle Judentum. n Berlin. 19. Februar, in der Bewegung, das Judentum im liberalen Geiste auszugestalten, es mit dem modernen Bewußtsein in Einkl mg zu bringen und dem Leben anzupassen, ist leider seit i ihren ein Stillstand eingetreten. Wohl hören wir hin und v eder von einem Kampf zwischen Liberalen und Konservativen » läßlich der Wahlen für die Gemeindevertretung, aber dies >i >d lokale Ereignisse, ohne Bedeutung für die Entwicklung des Jidentums im Sinne des kulturellen Fortschritts. Für das identum ist es nicht mehr von großer Wichtigkeit, ob der i> entliehe Gottesdienst mit der Orgel ansgestaltet wird oder i! cht, und selbst die Frage, ob ein revidiertes Gebetbuch ein- 8 führt wird, ist im Grunde genommen vhne Belang. In d n deutschen Gemeinden, auch in vielen, die eigentlich konserv tiv sind, ist die Orgel keine Prinzipienfrage mehr, und wir gmuben, daß es in der nächsten Zukunft mit der einst so verp nten Orgel wie mit der deutschen Predigt sein wird. Noch p r siebzig Jahren waren die Frommen im Lande davon fest ü erzeugt, daß die deutsche Predigt „unjüdisch" sei. Sie riefen d n weltlichen Büttel nichtjüdischen Glaubens um Hilfe an, d mit die Synagoge vor diesem „Greuel" geschützt werde, und!i waren seelenvergnügt, als die preußische Regierung, die aus n immer Fürsorge für die Erhaltung des Judentums die ber chtigte „Judenmission" ins Leben gerufen hatte, die deutsche edigt in der Synagoge verbot. Heutzutage wird bereits in i dischen Gotteshäusern, selbst von der extrem - orthodoxen - chtung, eine deutsche Predigt gehalten, glücklicherweise ohne d ß die „Jüdischkeit" daran Schaden nimmt. Aber gerade das ist das Beklagenswerte, daß am Ende die 8 nze liberale Bewegung in einigen Aenßerlichkeiten ihre Kraft f ichöpst hat. Als der Liberalismus auftrat, strebte man da- >i i, daß das Judentum, welches wir als eine lebensvolle, der b itwicklung fähige, geschichtliche Idee betrachten, nicht antiguiert l nbe, sondern mit dem Bewußtsein der Zeit in Einklang gel acht werde. Das Judentum ist uns in seinem Wesen etwas? rtiges, weil es aus einer Idee in der Geschichte beruht; aber >| seinen Formen muß es sich an das anpassen, was in der Gegenwart lebt, und nicht als Reliquie gelten. Formen, die a gestorben sind, schaden bloß dem Judentum, wenn sie trotzd IN aus Gedankenlosigkeit beibehalten werden; sie verhindern 1c natürliche Entwicklung des Judentums und entfremden i' seinen Bekennern. Gewiß, es gibt eine kleine Zahl von Jiden, die in ihrer Pietät auch an den abgelebten Formen hingen, welche im religiösen Leben alles verehren, was aus " lerer Zeit auf uns gekommen ist, gleichviel, welchen Ursachen es seine Entstehung zu verdanken hat. Es liegt uns fern, jemand in'seiner religiösen Ueberzeugung kränken oder ihn auch nur darin irre machen zu wollen. Aber darüber müssen wir uns doch bereits klar geworden sein, daß die Stagnation in der liberalen Entwicklung des Judentums nicht der sogenannten Orthodoxie zustatten kommt, sondern bloß den religiösen Jndifferentismus in unserer Mitte heillos fördert. Die liberale Bewegung in der deutschen Judenheit hat sich anfangs nicht bloß auf die zeitgemäße Reform des öffentlichen Gottesdienstes beschränkt, sie wollte vielmehr den religiösen Inhalt auffvischen und neu beleben. Das Judentum beruht auf der Idee der Entwicklung und kann den Stillstand, den ihm äußere Verhältnisse aufgezwungen haben, ans die Dauer nicht ertragen. Man braucht nicht mit allem, was um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach dieser Richtung angestrebt worden ist, einverstanden zu sein. Aber der diesen Bestrebungen zugrunde liegende Gedanke war richtig. Das Judentum gehört dem Leben an und darf nicht als Schreinkästchen mit frommen Reliquien gelten. Daß sich der Hauptkampf uni die äußere Ausgestaltung des öffentlichen Gottesdienstes konzentrierte, ist ja begreiflich. Denn nur das ist das Gemeinsame in der Gemeinde und hängt von dem Beschluß der Mehrheit ab, während alles andere jedem einzelnen überlassen bleibt und deshalb zu keinem Kampf führen kann. Indessen ist es doch ein großer Irrtum, wenn man annimmt, daß wir uns um das religiöse Leben weiter nicht zu kümmern haben. Das Judentum besteht doch nicht bloß im gelegentlichen Besuch des Gotteshauses. Wir wollen zugeben, daß es sich als Praktisch undurchführbar erwiesen hat, durch Beschlüsse von Rabbinerversammlungen oder von Synoden Bräuche im Judentum aufzuheben oder zeitgemäß umzngestalten. Von oben herab, durch Beschlüsse von Körperschaften, ist die Entwicklung des Judentums niemals beeinflußt worden. Diese ging vielmehr stets vom Volke selbst ans, und die Sache seiner geistigen Führer war es bloß, das Volk durch Wort und Schrift zu belehren und auf das Volksbewußtsein aufklärend zu wirken. Das ist das Priesteramt, welches im jüdischen Volke zu allen Zeiten hoch in Ehren stand, das Amt der Belehrung und der Unterweisung. Und nun müssen wir zu unserm großen Bedauern gestehen, daß es uns scheinen will, als ob dieses Lehramt in der modernen Judenheit gänzlich aufgehört hätte. Das würde den Untergang des Judentums bedeuten. Das Judentum ist weder, ein Glauben, was schon Mendelssohn so unwiderleglich dargetan hat, noch ein „Gesetz", wie die meisten christlichen Theologen noch immer behaupten; es ist eine Lehre. Die Art und Weise, wie diese Lehre als Gemeingut des Volkes erhalten