Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 wieder empfindlich fühlbar gemacht. Der Patient begab sich nach Meran. Aber auch hier konnte er keine Genesung finden; die Krankheit wurde schlimmer und schlimmer und bat jetzt den traurigen Sieg über den geschwächten Körper errungen. Bernhard Ziemlich hat sich im Dezember 1881 mit seiner Gattin vermählt. Sie ist eine Tochter des sel. Tr. Joel in Breslau. Zwei hoffnungsvolle Kinder wurden dem Ehepaar entrissen. Es sei auch gestattet, über Ziemlichs Wirken als Rabbiner einige Mitteilungen anzufügen. Abgesehen von seiner sehr ersprießlichen Lehrtätigkeit lag sein Schwerpunkt in der Kunst der Kanzelrede. Wer diese mit Aufmerksamkeit und Verständnis verfolgte, der wird dem Urteil beipflichten müssen, daß sie sich häufig zu rhetorischen Leistungen ersten Ranges erhoben hat. Wie kein Mensch den Konsequenzen seines inneren Wesens sich entziehen kann, so hat Ziemlich seine Einfachheit auch in der Sprache widergespiegelt, und gerade diese edle Einfachheit der ungesuchten und doch gewählten Ausdrucksweise hat seinen Reden Würze und Reiz verliehen. Aber auch als Gelehrter hat er Tüchtiges geleistet. Hoffentlich wird ein Berufener sein Leben und Schaffen noch ausführlich schildern. Die Trauer um den zu früh Verstorbenen ist hier eine allgemeine, bei hoch und niedrig, bei alt und jung, bei arm und reich. Das zeigte sich besonders bei der Beerdigung; denn Tausende von Leidtragenden aller Glaubensbekenntnisse wollten dem Verblichenen die letzte Ehre erweisen. Es waren Abordnungen des Magistrats, der katholischen und protestantischen Geistlichkeit, der Mittelschulen, der Rabbiner Bayerns und vieler bayerischen Kultusgemeinden anwesend. Die Grabrede hielt der Schwager des Verstorbenen, Rabbiner Dr. Eckstein-Bamberg. Er entwarf in ergreifenden Worten ein Bild vom Charakter, vom Leben und Wirken des Heimgegangenen als Seelsorger, Prediger und Wohltäter; er schilderte den Schmerz des Mannes beim Verlust seiner zwei heißgeliebten Kinder, den Heldenmut der ausgezeichneten Frau, die ihn in allen Lagen aufrecht hielt und tröstete. Die Rede machte großen Eindruck und rührte die Anwesenden tief. Das Administrationsrnitglied der Verwaltung, Herr Heinrich Jung, widmete in Verhinderung des ersten Vorstehers der Gemeinde den Nachruf namens der Verwaltung und der Gemeinde; er schilderte den edlen Charakter des Verstorbenen, seine glühende Anhänglichkeit an die Gemeinde und seine Kanzelberedsamkeit, seine Wirksamkeit auf dein Gebiete der werktätigen Liebe, in lebhaften Farben. Rabbiner Dr. Neuburger-Fürth sprach namens des Bayerischen Nabbinerverbandes, Dr. Stein, Rabbiner von Schweinfurt, namens des Landesvereins, Lehrer Rülf namens der israelitischen Religionslehrer der Stadt, und zuletzt der Realschuldirektor Gombrich namens des Verbandes der Deutschen Juden und des Hilfsvereins. Der Redner hob die hervorragende Tätigkeit des Verstorbenen für den letzteren Verein hervor, betonte dabei, daß Dr. Ziemlich stets ein Herz für die Armen und Unglücklichen aller Konfessionen hatte, deutsch fühlte und seinem glühenden Patriotismus für das engere Vaterland und das Deutsche Reich bei allen sich bietenden Gelegenheiten beredten Ausdruck verlieh. Die Feier war würdig und gab Zeugnis von der großen Verehrung, die sich der Verstorbene zu erfreuen hatte. Noch zu erwähnen ist. daß der Vorstand der Chewra, Herr Meyer May, im „Metaarzimmer" nach Schließung des Sarges an die Mitglieder eine ergreifende Ansprache hielt, worin er dem Schmerze über diesen Verlust Ausdruck verlieh. (Mit. tiefer Wehmut geben auch wir dem Gefühl des Schmerzes Ausdruck über den Verlust des teuren Jugendfreundes, des vortrefflichen Mitarbeiters, des hervorragenden Gelehrten, des ausgezeichneten Menschen, den niemand vergessen wird, der ihm je 'nahegetreten. Möge ihm die Erde leicht sein! Sie deckt diesmal einen der besten und bravsten Menschen, die sie getragen! Die Red.) Gesterretch-Üngarn. Wien, 11. Februar. Es ist geradezu eine Schande, daß die österreichischen Juden bisher noch immer mit verschränkten Armen den umfangreichen Vorbereitungen Zusehen, die alle Parteien für die im Rai d. I. stattfindendeu Neichsratswa hlen machen. Es heißt allerdings, daß einzelne Männer sich selbst als Kandidaten ausstellen vollen, aber Bestimmtes hat man darüber noch nicht gehört. Und doch wäre es diesmal notwendiger als je, daß etwas geschehe und daß Männer ins Parlament kämen, die imstande wären, den Angriffen auf Juden und Judentum, die sicher nicht fehlen werden, mit Mut und Sachkenntnis entgegenzutreten. Statt dessen beschäftigt man sich hier mit der Krankheit des Bürgermeisters Dr. Lueger und mit der Hochzeit des jungen Londoner Rothschild, der ein Fräulein von Wertheimstein geheiratet und im Tempel der Josefstadt von Dr. Güdemann am Donnerstag getraut worden ist. — Am 20. v. M. fand in Teplitz unter Vorsitz des Professors Dr. Adolf Kurrein eine Ausschußsitzung des Rabbinerverbandes in Böhmen statt. Es wurde beschlossen, Schritte an maßgebender Stelle einzuleiten, um die Lage der Rabbiner wie auch der israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen Böhmens hinsichtlich ihrer Anstellung und Sicherung der Zukunft in einer den modernen Verhältnissen entsprechenden Weise zu gestalten. Eine Deputation des Rabbinerverbandes ist nunmehr hier eingetroffen, um bei den Ministern in dieser Angelegenheit vorznsprechen. Frankreich. ----- Paris, 5. Februar. Der gestern verstorbene Bankier Osiris hat dem Institut Pasteur 25 Millionen Franken verniacht. Der Verstorbene, dessen Vermögen auf 50 Millionen geschätzt wird und der auch sonst noch zahlreiche Legate zu wohltätigen Zwecken hinterlassen hat, bestimmte den früheren Präsidenten Loubet zum Testamentsvollstrecker. Daniel Osiris ist 82 Jahre alt geworden. Er war seit 50 Jahren Witwer und kinderlos. Schon bei Lebzeiten hat er für künstlerische und wissenschaftliche Zwecke große Zuwendungen gemacht. So hat er namentlich sich Mühe gegeben, gewisse wertvolle historische Gebäude dem Staate zu erhalten; er hat das Schloß Malmaison, die einstige Wohnstätte der Kaiserin Josefine, angekauft, restauriert, mit dem historischen Mobiliar versehen uub dem Staate zum Geschenke gemacht. Das Schloß ist jetzt ein sehr interessantes Museum geworden. Ferner hat er eine Anzahl von Denkmälern auf seine Kosten errichtet, wie dasjenige von Alfred de Müsset vor der Cornüdie Fram-aise. Auf dem Montmartre-Friedhof ließ Osiris eine Kolossalreproduktion des Moses von Michelangelo errichten. Unter diesem Monument wird der Verstorbene seine Ruhestätte an der Seite seiner Frau erhalten. Osiris war Israelit, er hat die Synagoge für den spanisch-jüdischen Ritus in der Rue Buffault in Paris und in den Departements eine große Anzahl israelitischer Tempel gebaut. Man konnte erwarten, daß er in seinem Testament fast sein ganzes, 50 Millionen Franken betragendes Vermögen öffentlichen und wohltätigen Zwecken zuwenden werde. Er hatte nur wenige Verwandte, mit welchen er keine innigeren Beziehungen unterhielt. An die Verwandten fällt nach dem Testament nur ein sehr geringer Teil des Vermögens. Die 50 Millionen sind fast ganz für Wohltätigkeitszwecke bestimmt. „Mit einer Million jährlich," sagte kurz vor seinem Tode Osiris, „kann das Institut Pasteur schöne Erfolge erzielen. Man hat mir vorgeworfen, daß ich das Geld zusamiuenraffe und sich über meinen Geiz lustig gemacht. Es erfüllt mich mit Befriedigung, zu denken, daß dieser Geiz den Unglücklichen zugute kommt und daß ich für Arme und Elende gearbeitet habe." Vvn Nah und ssern. — Im vorigen Semester gehörten von den hier studierenden Frauen 175 dem jüdischen Bekenntnis an. — Eine halbe Million Mark hat der verstorbene Bankier Sigismund Samuel der jüdischen Gemeinde testamentarisch vermacht. — 30 000 Mark hat der jüngst verstorbene Rentier Moritz Salomonsohn der Stadt Berlin vermacht, mit der Bestimmung, daß die Zinsen jährlich am 18. Oktober, als dem Geburtstage Kaiser Friedrichs, von dem jeweiligen Stadtverordnetenvorsteher nach seinem Ermessen in Beträgen von nicht unter 100 und nicht über 200 Mark vergeben werden. Der Magistrat hat das Vermächtnis angenommen. — In Br ieg ist der Bankier und Königliche Lotterieeinnehmer Joseph Marcus Boehm, Ritter des Roten Adlerordens IV. Klasse, Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, durch lange Jahre Repräsentant der jüdischen Gemeinde, im 53. Lebensjahre gestorben. — In Nordstetten fand am 8. d. M. anläßlich des 25jährigen Todestages von Berthold Auerbach am Geburtshause des Dichters die Enthüllung einer Gedenktafel' statt. Die Uebergabe an die Gemeinde vollzog der Vorstand des Schiller- Museums, Geheimer Hofrat Günther aus Stuttgart. Inzwischen ist auch ein Aufruf zu Sammlungen für ein Auerbach-