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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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T ' 84 I Paulus alsdann über das Gesetz gestellt wurde, als die neue Lehre durch ihre Verkünder den Juden der Diaspora mit Aufdringlichkeit und rücksichtsloser Energie gepredigt wurde, da begann der Kampf gegen das Christentum. Es war eine begründete Selbstwehr, die die Erhaltung des Judentums erforderte. Erst allmählich wurde er auch in Palästina ausgenommen, weil die neue Lehre, von den Juden nicht sogleich mit lautem Jubel ausgenommen, ihre Fangarme zuerst gegen die Heiden ausgestreckt hatte. Und gar bald zeigte sich die Notwendigkeit dieses Kampfes; denn die Entwicklung des Christentums fugte zur Lehre von der Auferstehung den viel gefährlicheren Glanbeu an die Gotteskindschaft Jesu, die Trinität. Das Judentum mußte für seine Erhaltung bedacht sein, damit es der Welt den reinen Monotheismus erhalten konnte, und es erreichte diesen Zweck durch schärfere Betonung der Nationalität, die es durch strenge Ausübung des Gesetzes 311 erzielen hoffte. Nur diesem Ziele dienten seine nationalen Bestrebungen, nur in diesem Sinne war das Judentum überhaupt jemals national. Der reine Gottesgedanke stand und steht ihm noch heute als schließliches Endziel vor Augen, so daß es nie und nimmer als partikularistisch bezeichnet werden kann. Das Judentum ist in Wahrheit stets als Weltreligion aufgetreten. Die Schrift ist wegen ihrer lebendigen Darstellungsweise, die'geradezu eine gewisse Spannung im Leser erzeugt, aber auch wegen ihrer tiefen Gründlichkeit, mit der die in Betracht kommenden Quellen behandelt werden, zu dem Besten zu zählen, was in diesen Jahren über die Frage geschrieben worden ist. Es kann nur gewünscht werden, daß sie allerweiteste Verbreitung finden möge, weil sie in vorzüglichstem Maße Aufklärung über dieses Zeitalter verschaffen wird. Ou8tav (!uhn, Berlin. ~ Salomon Maiin0ns Lebens geschichte. Bott ihm selbst geschrieben und heransgegeben von K. P. Moritz. Berlin 1792. 2 Teile. (Anastat. Neudruck.) Berlin, Louis Lamm 1906. Salomon Maimon gehört zu den merkwürdigsten und auch sympathischsten Persönlichkeiten in der literarischen Welt des 18. Jahrhunderts. Ich weiß recht wohl, daß ich mich mit vielen in Widerspruch setze, wenn ich den litauisch-jüdischen Philosophen nicht nur als einen merkwürdigen Mann bezeichne, sondern auch als einen sympathischen. Dennoch halte ich mein Urteil aufrecht. Salomon Maimon hat in seinem Leben, das er selbst mit seltener Anfrichtigkeit beschrieben hat, viele schwere Fehler begangen; an seinem Charakter hasteten Mängel und Schwächen, die zu verschleiern oder auch nur zu entschuldigen er gar nicht versuchte. Indessen unterliegt es gar keinem Zweifel, daß er von Grund aus eine gute und vornehme Natur war, voller Abscheu gegen das Häßliche und Gemeine. Es ist ein psychologisches Nütsel, wie dieser Mann, der in einer von Schmutz starrenden Armut ausgewachsen war, in frühen Jahren zu einer solchen Sehnsucht nach dem Schönen kommen konnte. Diese Sehnsucht nach dem Schönen hat ihn aus seiner schmutzigen Heimat nach Deutschland geführt. Und ebenso bleibt es ein Objekt der eingehendsten Forschung für einen Psychologen, Salomon Mainwns Charakter trotz aller Schwächen und Mängel in seiner edlen Grundlage zu erfassen. Nor allem darf man aber nicht vergessen, daß wir es mit einem genialen Menschen zu tun haben, mit einem tiefen Denker, der Kants Aufmerksamkeit erregte und Goethes Bewunderung fand. Es ist eine menschliche Tragödie, die sein Schicksal uns bietet, eine Tragödie, die um so erschütternder auf uns wirkt, als sie nicht das Phantasiegebilde eines Dichters, sondern einfache Wahrheit ist. Im Leben Maimons haben tausende Umstände und Zufälligkeiten dazu beigetragen, die Entwicklung seiner hohen Geistesgaben und deren Fruchtbringung zu hemmen -- kein einziger Zufall aber, dies zu fördern. Seine Fehler und Charaktermüngel haben eine mehr als uusreichende Entschuldigung in den Verhältnissen, unter denen er ausgewachsen ist, in der Umgebung, in der der Knabe Maimon gelebt hat; überhaupt in der Erziehung, die ihm zuteil wurde, wenn inan dies eine Erziehung nennen kann. Und als der Jüngling Maimon. äußerlich verwahrlost, den deutschen Boden betrat, mit seinen genialen Geistesanlagen, ohne profanes Elementarwissen, ohne Kenntnis irgend einer lebendigen Sprache, ohne imstande zu sein, sein immerhin reiches jüdisch-theologisches Wissen und seine tiefen Gedanken in geordneter Weise zum Ansdruck zn bringen, als er so nach Deutschland kam,, hätte'?r eine Liebevolle Ausnahme findei müssen, auf Menschen stoßen, dis seine Genialität erkannten und zu vollen Entwicklung zu bringen bestrebt gewesen wären. Dieser Edel stein, der viele Jahre hindurch iru Schmutz lag. mußte vom Schmuf erst gereinigt werden, um in voller Pracht zu erscheinen und die ihn gebührende Würdigung zu finden. Ich habe vor Jahren, als ich du Tragödie Maimon beschrieb, im Schmerz über die dem Philosophei widerfahrene Mißhandlung und Mißachtung gegen di, deutsche Judenheit den Vorwurf erhoben, daß sie Salomon Maimoi in Not und Elend verkommen ließ. Diesen Vorwurf will ich jetz zurücknehmen. weil ich zur Erkenntnis gelangt bin, daß kein Vol verpflichtet ist. das Genie zu erkennen und zu verehren. Jehudc Halevi sagt irgendwo so tiefsinnig in epigrammatischer Kürze, wi, sie nur in der hebräischen Sprache möglich ist: „Wenn ich Gott be griffe, wäre ich ja selbst Gott!" Ich möchte diesen Satz variieren unt sagen: llm ein Genie zu begreifen, das sich uns in einer so .verwahrlosten äußeren Form präsentiert, muß man selbst ein solches sein. Darin liegt eben die Tragik im Leben Mainwns, daß er an' ein solches Genie nicht gestoßen ist. Die Selbstbiographie Maimons, die ein Kulturbild von unvergleichlichem Wert bietet, ist in der letzten Zeit wenig beachtet worden. Vielleicht in erster Reihe deshalb, weil dieses Buch äußerst selten geworden ist. Die Verlagsfirma Louis Lamm hat zweifellos sehr gut daran getan, das Buch, wenn auch nur anastatisch, zu vervielfältigen und dem Lesepnblikum zugänglich zu machen. Ich bedaure es nur lebhaft, daß die Biographie nicht ganz neu gedruckt wurde mit einer ergänzenden Einleitung, durch die erstens die Lebensbeschreibung Maimons vollständig geboten wäre und außerdem der Philosoph eine Ehrenrettung hätte erhalten können. Das Mißgeschick verfolgt den Philosophen auch noch jetzt. S. Bernfeld. -- Jakob Wassermann: Die Juden von Zirndorf. Neubearbeitete Ausgabe. S. Fischer, Verlag, Berlin 1907. In einer neuen Ausgabe, vom Verfasser dnrchgesehen und verbessert, erscheinen die „Juden von Zirndorf", jener Roman Wassermanns, der sein Bild und seine Stellung fixiert hat. Der Eindruck, den das Buch bei seinem Erscheinen machte, hat inzwischen nichts von feiner Kraft verloren; die chronikenhaft sachliche und dabei so wundersam orgiastische Einleitung hat ihren aus Phantastik und Tiefsinn gewobenen Zauber bewahrt, und der Roman selber hat durch die spätere „Renate Fuchs", zu oer er teilweise eine Vorgeschichte bildet, ein erneutes Interesse gewonnen. Dem Buche haben die Kürzungen sehr genützt und es steht frisch und lebendig wie ein Neuling vor uns. Nur eine Stelle, die für die Auffassung, die der Dichter vom Judentum hat, wichtig ist. haben wir mit Bedauern in dieser neuen Ausgabe vermißt. ->$*- SPrechsasl. Sehr verehrter Herr Redakteur ur Warnung! Der in einer früheren Zuschrift als lästiger Rezitator und Literat gekennzeichnete Franz Graetz (Joseph Pick» scheint nach mir zugegangenen Mitteilungen ein geriebener Schwindler zu sein, vor dem hiermit öffentlich gewarnt wird. So hat derselbe den Vorsitzenden des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur in Thorn um 70 Mark beschwindelt unter der Vorgabe, beider „Königs berger Hartungschen Zeitung" eine Stellung zu haben, woran nach Erkundigungen kein wahres Wort ist. Außerdem wird aus Pozega in Slavonien angesragt, ob sich gu. Graetz als Kantor ausgegeben habe usw. Falls dieser Mann irgendwo gefaßt wird, so bittet der Unterzeichnete um gütige Mitteilung; auch werden etwa bereits Hineingefallene um Nachricht gebeten. Marburg i. W., 16. Januar 1907. Hochachtungsvoll E. Alexander. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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