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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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werfen, während ein anderer die Ueberzüge von den Kissen und Federbetten herunterriß und den Flaum und die Federn auf die Straße und ans den Fußboden schüttete. Im Verlaufe iveniger Minuten war alles klein geschlagen, zertrümmert und auseinandergeworfen. Der Schrank, in dem die Thorarolle aufbewahrt wurde, lag in dem jämmerlichsten Zustande auf dem Boden herum; der umgeworfene Tisch starrte uns auf seinen drei Füßen an, während der vierte daneben abgebrochen im Weichen Flaume lag. Als nun die Vernichtuugsarbeit zu Ende war, verließen die Unmenschen unser Haus, mit Ausnahme eines kräftigen, mit einem roten Hemde bekleideten Bauern, in dem ich Taraß, den Vater meines Freundes Wanjka, erkannte und der eine Miene machte, als wollte er sich bei uns häuslich niederlassen. Er kletterte auf den Ofen, durchstöberte alle Ecken, und als er da nichts fand, nahm er eine gründliche Untersuchung des Ofenlochs vor, aus dem sobald das Lieblingsgericht des Großvaters, die Perlgraupensuppe, herausfloß, und als auch dieses nichts nützte, suchte er schließlich unter dem Ofen. Aber auch da fand sich nichts. „Wo hast Du Dein Geld hingelegt?" fragte Taraß, mit seinen blutunterlaufenen Augen meinen Großvater anstierend, der an die Wand gepreßt stand und die Thora mit seinen Armen umschlungen hielt. „Ich Hab' überhaupt keins," gab der Großvater ruhig zur Antwort. „Du lügst, hier liegt Dein Geld," zischte Taraß vor Wut auf, indem er mit seiner Faust die Thora anstieß und in den gemeinsten Flüchen seiner Wut Luft machte, „gib's her" . . . „Hier ist kein Geld, und ich werde Dir nichts geben," erwiderte der Großvater mit entschlossener und fester Stimme. „Wirst nicht geben?" und Wanjkas Vater lachte hell auf: „Nn, das wollen wir mal sehen!" Und seine dicken, schwieligen Finger umklammerten das Thoramäntelchen. Er zog es an sich, das Mäntelchen riß entzwei. Er faßte sodann die Thoragriffe und begann sie angestrengt an sich zu reißen; seine Augen füllten sich noch mehr mit Blut; die Halsadern schwollen noch dicker an; man sah es ihm an, daß er mit Anspannung seiner ganzen Körperkrast arbeitete. Der Großvater aber umklammerte noch fester die Thora mit seinen Armen und stand unerschütterlich auf seinem Platze. Seine Brust hob und senkte sich tief von den schweren Atemstößen, feine Augen funkelten in fieberhaftem Glanze, und dicke Schweißtropfen traten auf seine Stirn. Endlich brachen auch die Thoragriffe ab, und Taraß, dem das Trümmerstück eines Stuhles zwischen die Füße kam, fiel der Länge nach zu Boden. Durch diesen Mißgriff nur iu noch größere Wut versetzt, stürzte Taraß mit wildem Gebrüll auf den Großvater los, der noch immer die heilige Thora mit dem abgerissenen Mäntelchen und den abgebrochenen Griffen in den Händen hielt, und suchte sie ihm in tierischer Wut zu entreißen. Aber der Großvater ergab sich noch immer nicht; es schien, als ob seine Jugend und seine frühere Riesenstärke zurückgekehrt wären; schrille, dumpfe Seufzer entrangen sich seiner Brust zur Antwort auf die Flüche seines Gegners. Es läßt sich kaum beschreiben, was inzwischen mit mir und mit der Großmutter vorging. Die Arme drückte sich tiefer in die Ecke, sich wie im Fieberfrost schüttelnd und rief, vor Verzweiflung die welken, winzigen Fingerchen brechend, irgend jemanden zu Hilfe. Ich aber stand dern Kampfplatze näher und wartete mit zurückgehaltenem Atem das Ergebnis ab. Das Herz schlug in mir vor Furcht und Stolz. Ich war in furchtbarer Angst um den Großvater, aber zu gleicher Zeit war meine Brust von einem freudigen Stolz durchdrungen bei dem Anblick, wie dieser vierschrötige, wutentbrannte Bauer mit diesem Greise nicht fertig werden konnte, und als ich mich erinnerte, daß ich bis jetzt mit dem Sohne dieser Bestie freundschaftlich gelebt hatte, fühlte ich im Herzen eine brennende Scham, die allmählich in einen Haß gegen meinen früherett Freund überging, und ich fühlte in mir, daß. wenn ich ihn vor mir hätte, ich imstande wäre, ihn mit ineinen eigenen Händen zu erwürgen, vor den Augen seines Vaters, um sich an ihm zu rächen. In demselben Moment beugte Taraß, der mit der größten Kraftanstrengung die Thora an sich gezogen, seinen Oberkörper so zurück, daß er das Gleichgewicht verlor tn,d zum zweitenmal zu Boden stürzte, dieses Mal auch den Großvater mitziehend, der noch immer seinen Schatz nicht aus den Händen ließ.. Der Kampf zwischen ihnen dauerte auf dem Boden einige Minuten lang.. . Endlich sprang der Großvater, der einen seltsamen Laut, in dem Triumph und Zorn gemischt war, von sich gab, mit einem Satze auf, hoch in den Händen die zerpflückte und zerstückelte Thora haltend. Taraß erhob sich langsam vom Boden und verließ das Zimmer, indem er den Nacken, der von dem Falle blutete, kratzte und die „verfluchten Judenhunde" mit den kräftigsten Flüchen traktierte. Der Großvater seufzte tief auf. Er tat einige unsichere Schritte im Zimmer, aber plötzlich kam er ins Wanken, und mit beiden Händen die Thora haltend und sie fest an seine Brust pressend, brach er bewußtlos zusammen. Als ich und die Großmutter schreiend zu ihm stürzten, war er bereits tot. Literarische Mitteilungen. — Dr. Jgn az Ziegler: Der Kampf zwischen Judentum und Christentum in den ersten drei christlichen Jahrhunderten. Berlin 1907. M. Poppelauer. Zu den zahlreichen Arbeiten auf dem Gebiete „Judentum und Christentum" kounnt mit vorliegender Schrift erfreulicherweise eine solche, die nicht so sehr das religionswissenschaftliche Moment in den Vordergrund stellt, sondern vom historischen Gesichtspunkte aus an die Frage herantritt. Für den Laien, der um sich mit den wissenschaftlichen Problemen zu befassen, weder die Kenntnisse noch die Muße besitzt, mußte es immer schwierig, wenn nicht gar unmöglich bleiben, aus den wissenschaftlichen Streitschriften ein rechtes Zeitbild zu gewinnen. Ihm wird Zieglers Arbeit eine vortreffliche Einsührung in das Verständnis jener Zeit und der an sie geknüpften Fragen ermöglichen. Der Verfasser hat es, ohne dabei die Wissenschaftlichkeit zu Schaden kommen zu lassen, verstanden, die Beschäftigung mit dem behandelten Zeitalter zu einer angenehmen zu gestalten, indem er die ganze Untersuchung um einen einzigen Gesichtspunkt gruppiert: Warum hat das Judentum das entstehende Christentum nicht anerkannt und sich dadurch zur Weltreligion gemacht? — Es muß festgestellt werden, daß Jesus persönlich nicht bekämpft wurde. Er war ja kein Gesetzesverächter, gegen den man hätte auftreten müssen. Die Pharisäer, die man gerne als seine Feinde hinstellen will, sympathisierten mit ihm; auch in dem herbeigezogenen Fraternisieren mit Zöllnern und Sündern lag kein Grund zum Kampfe: Diese Klasse hatte erst viel später die Bedeutung, die man ihr schon für diese Zeit zuschreibt. Seine Sittenlehren waren die gleichen, die das Judentum aufstellte. Schließlich hatte man auch keinen Anlaß, ihn als den „Messias" zu befehden: Der Glaube an das Kommen eines solchen schwebte ja in der ganzen geistigen Atmosphäre, so daß keiner mehr daran zweifelte. Wenn dennoch Jesus angeklagt und verurteilt wurde, so war das nur das Werk der Herodianer, die in jedem Messias einen Gegner ihrer Dynastie erblickten und darum unterdrücken mußten. Erst als nach dem Tode Jesu das Dogma des Glaubens an den „Christus Jesus" verkündet und neben das Gesetz, durch

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