Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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da sie bei einem Verleger erschienen ist, der durch seine Klassikerausgaben, denen er jetzt auch die Romantiker und manche neueren Schriftsteller, z. B. Laube, angegliedert hat, einen so sicher begründeten Rns besitzt, ein so großes allgemeines Publikum zu seinen Käufern rechnet, das; er auch dieser neuen Edition die Wege weisen wird. Zudem ist der Preis dieser neuen Ausgabe um ein Drittel billiger als der der früheren, so daß sie auch die Minderbegüterten sich anschaffen können. Es wäre Pflicht aller jüdischen Vereine, der Gemeinden, Schulen, Bibliotheken und der Privaten, diese Gelegenheit zu benutzen und Komperts Werke weit zu verbreiten. Man braucht nicht alles gleichmäßig bei ihm zu bewundern, sondern darf ruhig eingestehen, daß sich neben Hochbedeutendem auch Schwaches, selbst einzelnes Verfehlte findet, daß seine Sprache manche Mängel aufweist, die man keineswegs immer mit Austriacismen entschuldigen darf, daß der Fehler, in den außer schlechten Epikern freilich auch Goethe manchmal verfiel, die Person des Erzählers in die Geschichten einzudrängen, häufig vorkommt, daß er — weniger vielleicht infolge mangelhafter Erfindungsgabe, als der wiederholten Beobachtung derselben Zustände — zu häufig dieselben Motive braucht und gleiche Typen anwendet, daß gelegentlich ein unangebrachtes Christeln sich einstellt, daß der Autor nicht selten vor dem krassen, aber notwendigen Ansgange zurückweicht und in manchen Füllen dem Leser die Losung schuldig bleibt, die dieser erwartet und aus dem ganzen Zusammenhänge notwendig fordern muß — trotzdem wird man Kompert einen Ehrenplatz unter den jüdischen Erzählern anweisen. Denn er ist nicht nur ein scharfer Beobachter, sondern ein echter Humorist und ein sinniger, gemütvoller Poet, und da bei einem jüdischen Erzähler eine Tendenz kaum vermieden werden kann, so soll er gerade wegen dieser Tendenz, Verschmelzung des Judentums und Deutschtums, Festhalten an dem alten Glauben bei vollem Aufgehen in deutsches Wesen und deutsche Kultur, gelobt werden, und auch seine Träume von einer Kirchenunion zwischen Christen und Juden mögen eine nachsichtige Kritik erfahren. Der Herausgeber der neuen Ausgabe, ein junger Wiener Literarhistoriker, der sich durch einige wackere, anderen Gebieten angehörende Arbeiten gut eingeführt hat, hat der Sammlung eine Einleitung voraugestellt, in der das Leben des Autors genau erzählt und von seinen Schriften Rechenschaft gegeben wird. In dieser Darstelluilg waltet ein gesunder kritischer Blick; das ruhige Urteil wird weder durch Verhimmelungssucht, noch durch Nörgelei getrübt. Der erste Band der Sammlung enthält: Aus dem Ghetto, der zweite: Böhmische Juden, der dritte: Am Pflug, der vierte: Neue Geschichten aus dem Ghetto, der fünfte: Geschichte einer Gasse, der sechste und siebente den großen Roman: Zwischen Ruinen, der achte: Franzi und Heini, der neunte: Zerstreute Geschichten (fast ausnahmslos nichtjüdische), der zehnte: Kleine Schriften, darunter Gedichte, von denen eins den Titel führt: „Der deutsche Jude zur Mendelssohnfeier", und andere ähnlicher Art, ferner „Skizzen aus dem Ghetto"; unter den Reden auch eine „am Grabe Moritz Hartmanns". Während sich bei anderen Bänden unserer "Sammlung der Herausgeber darauf beschränken konnte, die vorhandenen Texte einfach abzudrucken, hatte er für den zehnten auch die liebevolle Arbeit des Sammelns und Sichtens eines weit verstreuten Materials übernommen und mit Glück durchgeführt. Die neue Ausgabe sei nochmals den jüdischen Kreisen aufs wärmste empfohlen. Es wäre freudig zu begrüßen, wenn diese auch sehr angemessen ausgestatteten Bände nicht nur dazu beitrügen, Komperts Ruhm wieder lebendig zu machen, sondern wenn sie auch dahin wirkten, seine Glaubensstärke und milde Gesinnung, sein wackeres Eintreten für deutsche Kultur und Gesittung immer weiter zu verbreiten! Mein Grohostrr. Eine Episode aus den Judenexzessen in Rußland. Bon Z. Awrunin. III. ^^leich und mit bekümmerter Miene trat der Großvater nach einer Weile wieder ein. „Nu, was, Dowid, sag^ doch um Gottes willen, was hast Du dort gesehen?" fragte die Großmutter. „Sie kommen," antwortete mit leiser, aber fester Stimme der Großvater. „Sie kommen? Wer kommt? Sag's doch um Gottes willen, quäll mich doch nicht!" flehte angsterfüllt die Großmutter. „Wer?" fragte der Großvater mürrisch zurück, indem er die Großmutter scharf fixierte, „unsere Sünden kommen, die sind es . . . Du wirst sie bald sehen . . . wirst Deine Freude haben." Die Großmutter preßte mich krampfhaft an ihre Brust und brach in ein furchtbares Schluchzen aus. Ich zitterte ebenfalls wie ein Espenblatt. Aber weinen konnte ich nicht. Ich beobachtete die Bewegungen des Großvaters. Es war an ihm etwas Ungewöhnliches zu bemerken. Er bekam gewissermaßen eine militärische Haltung, und seine Figur wurde gleichsain höher . . . Seine Augen funkelten fieberhaft durch die unheimlich zusammengezogenen Brauen hindurch. Auf seinem Gesicht war auch keine Spur von seiner sonstigen Schwermut zu merken; es zeigte vielmehr einen strahlenden, triumphierenden Ausdruck, den wir an Menschen finden, die für sich etwas Außerordentliches erwarten, etwas, was sie mit einem Schlage berühmt, glückselig machen, weit, weit emporheben wird. Er trat an den winzigen Schrank heran, in dem seine Thorarolle aufbewahrt wurde, machte die Türchen auf, nahm die Thora heraus, und nachdem er auf ihr Mäntelchen einen zärtlichen Kuß gedrückt, trat er auf die Seite und ließ sich mit ihr in einer Ecke auf einem Stuhle nieder, indem er sie mit der zärtlichen Besorgtheit in den Armen hielt, mit der eine junge Mutter ihren schlummernden Säugling an der Brust hält, aus Angst, ihn durch eine unvorsichtige Bewegung aus dem Schlafe zu wecken. Inzwischen hatte sich die Großmutter, mich immer fester umschlingend, in eine Ecke gedrückt, weinte leise weiter und zitterte wie im Fieber. Ich aber hielt den Atem zurück und lauschte mit Anspannung aller Kräfte dem immer wachsendem Geräusch auf der Straße. Da ließen sich im Flur plötzlich schwere Tritte vernehmen, die Tür flog geräuschvoll auf, und es stürzten einige betrunkene Bauern herein, die unverzüglich ans Werk gingen und alles, was ihnen in die Hände fiel, unbarmherzig zertrümmerten, indem sie ihr grausames Tun mit den kräftigsten Flüchen begleiteten. Das Wandbrett mit den daraufstehenden Töpfen flog krachend zu Boden. Der Schrank mit dem Geschirr sprang in Scherben auseinander. Ein Bauer begann die aus dem Tische liegenden Talmudfolianten wütend zu zerreißen und sie durch das Fenster auf die Straße zu