Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sofort sein begeisterter, zunächst aber nur theoretischer Anhänger wird; die dritte gibt sich kund, da er von den Greueln von Kischinew genaue Nachrichten erhält und sich dädurch veranlaßt fühlt, in die Bewegung auch Praktisch einzugreifen und die jüdische Rasse in einem neuen Staate zu vereinigen. Diese feine Absicht wird in erschreckender Deutlichkeit in folgenden Sätzen ausgesprochen: „Es ist die Pflicht aller Vernünftigen, gleichviel welcher Rasse sie angehören, dafür zu sorgen und tätig zu sein, daß dieses unausbleibliche Ende nicht in gewaltsamer und blutiger Weise eintritt, sondern so, wie es unserer heutigen Gesittung und Kultur entspricht. Wie ist es möglich? Nur dadurch, daß die Juden sämtlich freiwillig oder durch landesherrliche Verfügung gezwungen aus den europäischen Völkern ausscheiden und in irgend einer Weise sich wieder zu einem Volke einen, einen neuen Staat bilden, einen Judenstaat. Darum nennen wir uns Zionisten, weil wir ein neues Zion, ein neues jüdisches Reich begründen wollen." Dieser Begründer eines neuen Staates, der von den ethischen und prophetischen Lehren des Judentums nichts weiß, der einen Glauben überhaupt nicht besitzt und wenn einen, so keinen jüdischen, der von der Geschichte des Judentums ebenso geringe Kenntnisse besitzt wie von seiner Literatur — der aber trotzdem plötzlich auf dem Zionistenkongreß in Basel 1903 hebräische Reden halten kann! — ist auch sonst gerade das Gegenbild von dem, was man sich als Staatengründer oder Kolonialherrscher zu denken gewohnt ist. Er ist ein kraftloser Träumer und ein endloser Schwätzer, wie sich denn überhaupt alle vorkommenden Personen eines geradezu beängstigenden Redeflusses erfreuen, so daß man Konversationen über sich ergehen lassen muß, deren jede fast ein Dutzend Seiten oder mehr füllt. Er ist ein Aesthet, aber von der übelsten Sorte, so daß ihm der unzüchtigste Mensch bei weitem vorzuziehen ist. Denn dieser Mann, der eine entzückende, junge, liebevolle Frau besitzt und schon bereit ist, seine palästinensische Rolle zu spielen, bringt es fertig, eine Woche lang tagtäglich viele Stunden mit der schon angedeuteten, von Paris zurückgekommenen Sängerin zusammen zu sein (wiederum in jenem ekelhaften Schwärmen), ohne ihr ein Wort zu sagen, daß er sich inzwischen verheiratet hat (er hat seinen Ehering vorsorglich versteckt) und ohne seiner Frau ein Wort mitzuteilen, was er hinter ihrem Rücken vornimmt. Erst als die Sängerin, die auch verlobt ist, aber ihren schwärmerischen Freund mehr liebt als ihren zukünftigen Gatten, von ihm fordert, sie nach Paris zu begleiten, erst da zieht er seinen Ehering wieder vor und legt, nach Hause zurückgekehrt, seiner Gattin eine Beichte ab. Und so etwas soll der Begründer eines neuen Staates sein! Ist so das Ziel verkehrt, der Held unmöglich, so können auch nicht einmal Einzelheiten für die mißlungene Zeichnung der Hauptperson schadlos halten. Denn wenn auch einzelnes ganz gut beobachtet und durchgeführt ist, etwa die Schilderung des Kaiser-Cafes und des Cafe Passage, eines Madchenpensionats und der Gesellschaft in IV. W., so findet sich doch in solchen Darstellungen; nichts, was man nicht anderswo schon besser und vor allem minder gemein gelesen hätte. So wenig der Held, so wenig vermögen auch die Heldinnen übermäßig zu fesseln. Die Schwester des Helden, Naemi, die es durchsetzt, Opernsängerin zu werden — sie hat glücklicherweise keine Lust, nach Palästina zu gehen — ist eine etwas ennuyante Person. Der oft genannte weibliche Star des Wintergartens ist eine ganz unmögliche Figur, übrigens keine Jüdin, denn wenn auch junge Damen mit bewegter Vergangenheit romantische Anwandlungen haben, so töricht ist doch wohl keine, sich wochenlang nur mit Huldigungen eines ästhetischen Verehrers zu begnügen, ja, wenn sie diese eine Zeitlang nicht genossen hat, eine förmliche' Sehnsucht nach ihrer Wiederholung empfindet. Endlich ist die Palästinaverehrerin, Frau Ruth, ebenso unmöglich wie ihr Gatte. Daß ein 23 jähriges Mädchen ihrem Tischnachbar, der sie vor zehn Jahren einmal angesungen hatte und ihr seitdem nie wieder begegnet war, seine sämtlichen Journälartikel wörtlich vorsagt, braucht freilich nur ein phänomenales Gedächtnis zu bezeugen; verwunderlicher ist es schon, wenn besagtes Fräulein sich nach dem Abendessen von dem dankbaren Journalisten küssen läßt und kräftig wiederküßt, noch seltsamer, daß sie sich täglich von ihm abholen läßt, am seltsamsten, daß sie es ist, die ihn zu einem Zusammensein in einem separierten Zimmer ausfordert und dort ihre Verlobung zustande bringt — ein Vorgang, in dem für gewöhnlich Männer die aktive Rolle spielen — und ganz unbegreiflich, wie sie sich die Hinneigung ihres Gatten zum Zionismus nicht nur gefallen läßt, sondern mit Begeisterung auf die Idee und ihre Ausführung eingeht. Es würde zu weit führen, in ähnlicher Weise alle einzelnen Personen und die verschiedenen Vorgänge durchzugehen; es lohnt sich auch nicht, daß man so lange bei dem Buche verweilt. Ob der Verfasser dieses seltsamen Romans selbst Zionist ist oder nicht, kümmert mich wenig. Da der zionistische Held durch eine Inspiration hebräisch lernt, so wäre auch dem Verfasser des Buches eine ähnliche Inspiration zu wünschen. Nachdem er eine solche erhalten, dürfte er nicht mehr Getto schreiben, statt „Ghetto", dürfte nicht mehr sagen „in den Schnl gehen" (S. 155), dürfte auch nicht mehr Goy, statt „Goj" schreiben, da zu solcher Schreibung nicht die geringste Berechtigung existiert, und würde auch wissen, daß man Kaddisch und nicht „Kadosch" (263) sagt. Da der Autor mit hebräischem Wissen noch nicht beschwert ist, so könnte er übrigens auch besser deutsch schreiben. In welcher Sprache „Schlappier" (S. 176) ein berechtigtes Dasein führt, weiß ich nicht, im Deutschen sicherlich nicht. „Sie übersprudelte sich" (S. 185) erscheint mir nicht allzu korrekt; schön kann ich auch Wendungen wie „ich habe alte Bekanntschaften wieder angeknüpft" oder „wenn er eine Partie Selbstschach spielte, wurde manchmal der Schmerz ihm übermächtig" und viele ähnliche nicht finden. So stellt sich der erste größere Roman des Verfassers als ein völlig verfehltes und recht unerfreuliches Buch dar. Daß es in urteilsfähigen jüdischen Kreisen Unheil anrichtet, fürchte ich nicht; eher ist zu besorgen, daß es in christlichen, namentlich Schriftstellerkreisen, denen der Verfasser nahesteht, eine falsche Vorstellung der Ideen erweckt, die das moderne Judentum bewegen. Denn solche Konventikel sind nur zu leicht geneigt, die. Stimme eines einzelnen für den Ausspruch der Ansichten der Gesamtheit zu halten. Aus diesem Grunde mußte vor dem Roman energisch gewarnt werden. — Eine große Freude ist es mir, zum Schluß aus Leopold Kvmperts gesammelte Erzählungen hinzuweisen.H Zwar ist es keineswegs die erste Ausgabe, die von diesen liebenswürdigen und der Erhaltung und Wiederbelebung in hohem Grade werten Schöpfungen erscheint. In den siebziger Jahren war bereits eine Ausgabe bei L. Gerschel in Berlin erfolgt, die von dem unfähigen Verleger nicht recht vertrieben werden tonnte und mit dem Zusammenbruch der Firma verstreut worden ist. Der neuen Ausgabe muß man ein besseres Schicksal wünschen und kann ihr ein solches ziemlich sicher prophezeien, ’) Leopold Komperts sämtliche Werke in zehn Bänden. Mit sechs Bildnissen und zwei Abbildungen und einem Stammbuchblatt als Handschristenprobe, sowie einer biographischen Einleitung von Dr. Stephan Hock. Leipzig, Mar Hesse? Verlag. Ter Preis der ganzen Ausgabe beträgt 10 Mark.