Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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kompetentes . Urteil zu, noch weniger darüber, ob und inwieweit in den erwähnten jüdischen Figuren und in den nicht besonders hervorgehobenen wirkliche Persönlichkeiten auS der Kopenhagener jüdischen Gesellschaft benutzt und abkonterfeit worden sind. -- In andere Zeiten und Orte führt ein jüngst erschienenes Buch von Martin Bnber.') Der Verfasser, der im selben Verlage, in dem sein erzählendes Werk erscheint, eine zwanglose, periodische Schrift „Die Gesellschaft", eine Sammlung sozialpsychologischer Monographien, veröffentlicht (in der sich auch eiu Heft von Georg Simmel: „Die Religion" befindet), ist der Enkel des gelehrten, jüngst verstorbenen Talmudkenners Salomo» Buber, dessen Werke namentlich den achtziger Jahren angehören. Ihm, „dem letzten Meister der alten Haskala, bringe ich dieses Werk der Chassidut dar, in Ehrfurcht und Liebe", ist die Schrift gewidmet. Als gelehrte Mitarbeiter werden von ihm S. Tubnow und M. I. Berdyzewski dankend genannt. Der Erzähler Rabbi Nachmann von Bratzlaw (bei Winter und Wünsche, Jüdische Literatur, finde ich diesen Namen nicht angegeben) 1772 bis 1810, als letzter jüdischer Mystiker bezeichnet, wird von dem Herausgeber biographisch geschildert. Einleitende Kapitel über jüdische Mystik und über die Erzählung des merkwürdigen Rabbi werden dem Hauptteil, den Geschichten selbst, vorangestellt. Diese Geschichten wurden von ihm nur mündlich vorgetragen und von seinem Lieblingsschüler Nathan von Niemirow niedergeschrieben; der Herausgeber versichert, die maßlos entstellten und verzerrten Niederschriften verbessert und die verworrenen, zudem in ungleicher Form überlieserten Erzählungen — dies alles nach seinen eigenen Worten, wofür ihm natürlich die Verantwortung überlassen bleiben muß — nicht übersetzt, sondern bearbeitet zu haben. Es ist nur eine Auswahl, sechs von den dreizehn im Jahre 1815 zum ersteninal gedruckten Geschichten. Auch diese Ausgabe kenne ich nicht, halte es indessen durchaus nicht für meinen Beruf, einen Vergleich zwischen dem alten Text und dem neuen vorzunehmen. Daß etwa, wie überskeptische Leute meinen könnten, hier ein literarischer Trug vorliegt, halte ich für ausgeschlossen; der ganze ernste Ton des Buches, die Widmung an den verdienten Gelehrten, macht eine derartige Täuschung unmöglich. Die Geschichten sind ausgezeichnet erzählt, und es ist ein Verdienst des Herausgebers, der westeuropäischen Kultur diese Novellen erschlossen zu haben. Aber sie führen uns in eine Kulturschicht, die uns nicht als Licht, sondern als tiefe Finsternis erscheint: Walten eines erbarmungslosen Schicksals, Heilighaltung von Wundermännern, die über Könige und Weise triumphieren und mit furchtbarer Grausamkeit ihren Sieg ausnutzen. In anderen Geschichten, zum Beispiel „Der Meister des Gebets", steht so viel Geheimnisvolles und Unbegreifliches, daß man dem Erzähler schwer folgen kann. Dagegen sind die Geschichten, die eben nicht jüdisch sind, sondern die man einfach als Märchen bezeichnen kann, sehr anmutig. Nur zwei seien hervorgehoben, die eine: „Die Geschichte vom Klugen und Einfältigen." Es ist eigentlich eine unendlich einfache Moral, die in dieser Erzählung vorgetragen wird, nämlich, daß der allzu Kluge durch seine ewige Tüfteleien, sein beständiges Erwägen zu nichts kommt, während der Einfältige, freilich auch Redliche (NB. wenn sich ihm das Glück zuneigt) zu Ehren kommt und die hohe Stellung, die ihm zugewiesen wird, ') Die Geschichten des Rabbi Nachman, ihm nacherzählt von Martin B u ber. Frankfurt a. M. Literarische Anstalt Ratten ck Löhning 1907. würdig ausfüllt, denn die Voraussetzung, von der der Erzähle dabei ausgeht, daß der Einfältige bei dieser Erhöhung auch zu Ver stände kommt, wodurch er ja freilich aufhört ein Einfältiger zu sein, ist eine solche, die man glauben muß, ohne sie be weisen zu können. Sehr anmutig und gut erzählt ist auch du Geschichte vom Königssohne und vom Knaben der Magd. Es handelt sich hier um zwei Kinder, die unmittelbar nach ihre Geburt vertauscht werden, so daß der Königssohn in dürftigste Lage einen Teil seines Lebens verbringen muß, von den Knechtssohn, der seinen Ursprung kennt, aber sich doch au seinem Posten halten will, verjagt wird, bis der Räuber seit Unrecht erkennt, bereut und es dazu bringt, daß der Prin zum wirklichen König erhoben wird. Schon dieser beider Geschichten wegen verdient unser Buch lobende Erwähnung Aber der Umstand, daß es von dem gewöhnlichen Wege voll ständig abweicht und einmal etwas ganz Neues bringt, mach! es zu einer empfehlenswerten Erscheinung. — Schon hoffte ich, daß diese Uebersicht ohne einen j zionistischen Roman schließen würde, ich Hütte ihn herzlich gern entbehrt, da kam er doch, wirklich in letzter Stunde. Während bei den früher von mir an dieser Stelle und auch sonst besprochenen zionistischen Romanen die Helden fast durchaus gläubige Juden waren, die sich nach der neuen Heimat sehnten, erscheint hier der vollkominen ausgeprägte Rassenzionist. Von Glauben, von innerer, geistiger oder gemütlicher Zugehörigkeit zum Judentum ist in dein neuen Buche') nicht inehr die Rede und noch iveniger von einer konsequenten Entwicklung. Denn das Motto aus Wilde: „Das Ziel des Lebens ist Selbst entwicklung, nur darin besteht der Zweck unseres Seins" steht zwar auf dem Titel und wird auch in dem Buche einmal vor gebracht, aber eine Entwicklung wird in keiner Weise dargestellt; eine sprunghaft sich zeigende, bald hierhin, bald dorthin sich wendende Neigung kann unmöglich als Entwicklung bezeichnet werden. Rene Richter stammt aus einer guten jüdischen Familie. Er ist ein Dekadent, kein Sinnenmensch, sondern ein aesthetischer Genießling, der die schönste Chantantsüngerin, die trotz ihrer sehr bewegten Vergangenheit ihn wirklich liebt, sein nennen könnte, aber nur mit ihr liebelt, nach ihrem Fortgang freilich der gemeinsten Sinnlichkeit zum Opfer fällt, schließlich die große Liebe zu einem wohlhabenden, schönen, geistreichen Mädchen, Ruth Hirschfelder, in sich fühlt, sie heiratet und schließlich mit ihr als Verwalter der Kolonie Wadi el Chanin nach Palästina geht. Wie kommt dieser Jüngling, 26 Jahre alt, zum Zionismus? Ohne jede Vorbereitung, als junger Mensch, der zuerst Kaufmann, dann Redakteur ist, weiß er vom Judentum wenig oder nichts. Er ist geradezu Atheist, geht nie in die Synagoge, hat einen völlig christlichen Umgangskreis, hatte sich sogar in seinem sechszehnten Jahre taufen lassen wollen, um Offizier ju werden. Er hatte ferner von seinem Judentum absolut nichts zu leiden, höchstens, daß er manchmal antisemitische Reden mit anhören mußte, die übrigens gar nicht so bös gemeint waren und vor allen Dingen nicht ihn speziell treffen sollten. - Plötzlich entdeckt er nun seine Zugehörigkeit zun Judentum, da in seiner Gegenwart ein jüdischer Vater, freilick in sehr frivoler Weise, die Taufe seines ältesten Sohnes, de: die Richterkarriere einschlagen will, als etwas Selbstverständ liches erklärt. Die zweite Phase offenbart sich, als er durck einen Wiener Agitator die Lehren des Zionismus hört und ') Nene Richter, die EnUvicktung eines inodernen'Juden, Berline» Roman in drei Büchern, von Lothar Brieger-Wasscrvogel. Berlin 1906. R. Schrödersche Verlagsbuchhandlung.