Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228752--63296-3297180
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Dänen geschrieben, gibt es auch außer den bekannten von Gvldschmidt herrührenden wohl manche; aus meiner Kenntnis oer dänischen und norwegischen Literatur überhaupt vermag ich licht nachzuweisen, daß in der modernen Literatur jener Hegenden das Judenproblem eine derartige Rolle spielt wie -twa in der deutschen; Zeugnis dafür ist doch, daß bei Ibsen und Björnson diese Frage kaum aufgeworfen ist. Der beühmte Schriftsteller Georg Brandes freilich, der von Juden lammt, nimmt in Dänemark eine so außerordentliche Stellung in, daß er, wenn er nicht geradezu Hauptperson ist, wie in uer Darstellung seiner angeblichen oder wirklichen Liebesibenteuer — in dem Roman von Agnes Hennigsen — so doch n vielen Romanen als episodische Figur vorkommt. Dies ist unch in dem vorliegenden Werke der Fall. Zu dem Führer uer jungdänischcn Literatur, Dr. Nathan, hat Georg Brandes >,anz gewiß als Modell gesessen; er ist so deutlich in jeder Pose, in der Art seines gesellschaftlichen Betragens, in der Manier seiner lnterhaltung gezeichnet, daß man ihn unbedingt erkennen muß. 'lber das Hauptinteresse liegt nicht in der Zeichnung des Gelaunten und mancher anderen jüdischen oder mindestens von juden stammenden Koryphäen aus dem Kunst- und Geschäftseben, z. B. des in Finanzkreisen tonangebenden Rechtsanwalts Rax Bernhard, die alle in der dänischen Hauptstadt eine ,ervorragende Rolle spielen. Zur jüdischen Unterhaltungsiteratnr kann, ja muß unser Werk deshalb gerechnet werden, veil die Hauptperson Johann Andreas Sidenius, der Sohn ines Pastors, ein kraftvoller, durch verwegene Streiche und >anz untheologische Lebens- und Denkungsart sich von einen Geschwistern unterscheidender Junge, ein Jüngling, der eine eigenen Wege geht und große umwälzende technische Pläne ur Ausführung bringen will, ein schönes, höchst eigenartiges, geistig hoch beanlagtes, aber von stark sinnlichen Neigungen ueherrschtes Mädchen, Jacobe, die Tochter eines jüdischen Großländlers Salomon, zur Braut gewinnt. Dieses Erringen der abonderlichen, weit über das Mittelmaß hervorragenden Frau rfolgt, obgleich der Jüngling weder in das Milieu paßt, aus dem ene hervorgegangen ist und in dem sie lebt, noch eigentlich en Idealen des Mädchens entspricht, noch endlich von einer mbesiegbaren Glut zu ihr hingezogen wird. Es geschieht vielnehr fast aus Uebermut, aus Trotz; er verlangt und erringt :e, nachdem er sich eine Weile vor den Siegeswagen der üngeren, schöneren und koketteren Schwester hatte spannen tffett, deren Künste ihm auch zu der Zeit gefährlich werden, a er mit der Aelteren verlobt und sie mit einem anderen erheiratet ist. Dieses Verlöbnis führt indessen nicht zur >eirat, obgleich Jacobe sich von ihrem Bräutigam hatte verühren lassen und ohne Wissen der Eltern — ja auch des Bräutigams — demgegenüber die Braut schweigt, während er übst sich über die Folgen seines Leichtsinns, nicht weiter den wpf zerbricht — in der Einsamkeit einem Kinde das Leben egeben hat. Was sonst in dem Romane vorkommt: die roßen Hasenbaupläne des Helden, des Ingenieurs Sidenius, üt denen er scheitert, nachdem er sicher auf ihre Ausführung erechnet und durch reiche Gönner auch eine Aktiengesellschaft rr Ausführung seiner Gedanken gefunden hatte, sein höchst ltsames, nicht geradezu perverses Verhältnis mit einer verückten Baronin, seine Verheiratung mit einer anmutigen farrerstochter, mit der er in einer höchst bescheidenen Stellung! bt, seine religiöse Umkehr aus einem Freidenker nicht geradezu : einem Atheisten, sondern einem frommen Urchristen, mit nem gewissen mystischen Anhauch, schließlich sein Leben in er Einsamkeit und sein Tod — das gehört alles ebensowenig 11 unseren Zusammenhang (wenn auch in die große Entwicklung des Buches) wie die höchst interessante und lehrreiche Zeichnung der Gesellschaftskreise in der dänischen Provinz: der Pastoren, Kleinstadtbewohner, sowie die entgegengesetzten Kreise der Hauptstadt: Ingenieure, Gesellschaftsmenschen, Bankiers, Journalisten, Gelehrte. Auch der Titel des Buches braucht uns nicht viel zu kümmern, nur so viel mag angedeutet werden, daß „Hans im Glücke" nach Analogie der bekannten Erzählung den Manu bedeutet, der das höchste zu erringen wähnt, der oft meint, den lockendsten Kampspreis gewonnen zu haben und schließlich nichts übrig behält oder sich wenigstens mit einem äußerst bescheidenen Lose begnügen muß. Was uns angeht, das ist der jüdische Kreis, der in dem zur Behandlung stehenden Werk nicht eben mit Gunst, aber auch nicht mit ersichtlicher Ungunst geschildert wird. Das Mädchen, das sich als Braut dem Verlobten hingibt, nicht etwa der Gewalt des Mannes weichend oder im Rausch, der ihr jede Ueberlegung raubt, sondern in vollkommener Erkenntnis dessen, was sie tut, aus freier Wahl — denn sie reist von Dänemark aus zu dem im Süden weilenden Bräutigam und verbringt manche Liebesnacht mit ihiu — ist gewiß eine auch jetzt noch in jüdischen Kreisen nicht eben häufige Erscheinung. Aber es liegt dem Autor völlig fern, sie als eine Verworfene zu schildern; im Gegenteil, diese Frau, die in einem verborgenen schlesischen Dorfe ihr Kind zur Welt bringt und es bald nach der Geburt verliert, erkennt dort als ihre Lebensaufgabe, armen, schwächlichen Kindern zu helfen, steht der von ihr errichteten, diesem Zwecke dienenden, natürlich nicht zugunsten einer Konfession bestimmten großen Anstalt in Kopenhagen mit Energie und voller Würde vor. Sie ist also trotz ihres Fehltritts die Frau, die eine hohe Lebensaufgabe vor sich sieht und sie in großartiger Weise ausführt, während ihre Schwester, die schlimme Kokette, die zwar manchen Männern den Kopf verdreht, aber trotz aller Windigkeit sich stets vom letzten Schritt zurückgehalten hat, eine viel begehrte, viel beneidete, aber äußerlich der sogenannten Ehrbarkeit nicht untreue Frau, ihre Siegeslaufbahn fortsetzt. Schade, daß diesen beiden Frauencharakteren nun nicht auch der dritte, der der inneren und äußeren Sittlichkeit, beigesellt ist, denn die gute Mutter, die bloß drei Leidenschaften hat: ihren Mann, ihren Kinderhaufen und ihr prächtig wohnliches Haus, ist doch zu unbedeutend, um als hervorragender Typus der Weiblichkeit zu gelten. Auch unter den jüdischen Männern, von denen gar viele dem väterlichen Glauben untreu werden, um schneller in ihrem Berufe vorwärts zu kommen oder leichter eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sind keine Lichtgestalten, vielmehr Börsenjobber, redefertige Advokaten, talentvolle, aber gewissenlose oder jedenfalls charakterschwache Journalisten. Denn die beiden braven Juden, an denen nichts Wesentliches ausgesetzt werden kann, der alte Salomon und sein Sohn Iwan, haben zwar manche Tugenden: der Vater geraden, redlichen Geschäftssinn, innige Familienliebe und anständige Handlungsweise; der Sohn, obgleich er etwas nutzlos seine Tage verbringt, besitzt einen hübschen Idealismus, der ihn zur Hochschätzung wirklicher oder vermeintlicher Talente zwingt; aber dabei hat der Vater doch keinen Zug, auch uicht einmal von Güte und Großmut, der über das Gewöhnliche hinausgeht, der Sohn sogar zeigt ein wenig Großmannssucht und ein widriges Protzentum. So ist der Roman, der weit mehr bedeutet als gewöhnliches Leihbibliotheksfutter, wie ja auch sein Umfang weit über dem solcher Alltagsware hinausgeht, doch in seiner Schilderung der jüdischen Kreise kein erfreuliches, sondern eher betrübendes Werk. Es wäre noch betrübender, wenn es vollkommen zutreffend wäre; darüber jedoch steht dem Nichtdänen kein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.