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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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wie der Perser, als ihm so manche gute Kur glückte. Er erzählt darüber in seinem schon genannten Werk u. a.: „Ich habe allein 158 mal den Steinschnitt gemacht, und es verging kein Tag, wo nicht eine oder mehrere, namentlich Augenoperationen vorkamen. Hauptsächlich der gesunden und frischen Luft schreibe ich es zu — denn ich unternahm alle Operationen unter freiem Himmel und ließ die Operierten nicht im Zimmer, sondern unter Verandas und Bäumen lagern — daß mir die meisten Kuren glückten und die Zahl der Unfälle verhältnismäßig gering war." Schließlich aber mußte auch er einsehen, daß er gegen die eingewurzelten und verrotteten Vorurteile nichts ausrichten konnte, und so schüttelte er nach neunjähriger Tätigkeit den persischen Staub von seinen Füßen und kehrte wieder nach Oesterreich zurück. Vor seiner Abreise, am 25. April 1860, verabschiedete er sich vom Schah, der ihn sehr lieb gewonnen hatte, und zwischen beiden entwickelte sich der folgende Dialog, der für die ganze am Golde hängende und nach dem Golde drängende Lebens- und Weltanschauung des Königs der Könige in hohem Grade bezeichnend ist. „Du hast wohl viel Geld gesammelt?" fragte der Schah. „Ich habe wenig Bedürfnisse, ich bin ein Derwisch," antwortete Polak. „Hast Du 20 000 Dukaten?" „Mache, o König, selbst die Rechnung. In den ersten vier Jahren bezog ich 9000 Dukaten jährlich als Professor, später gegen 2000 Dukaten. Tie Geschenke waren nicht bedeutend, die Einnahmen aus meiner Praxis sehr mäßig." „Würdest Du, im Fall Dein Land Krieg führte, Militärdienste nehmen?" „Allerdings." „Wenn aber eine Kugel Deine Kulla (Mütze) träfe?" „Um die Kulla wär's nicht schade, aber ein Kopf findet sich nicht alle Tage wieder." „Wenn Dich Dein Kaiser zum Minister des Aeußeren machte? „Das würde ich nicht annehmen." „Warum nicht?" „Ich fühle in mir einige Fähigkeit zum Hekim, aber keine zum Vezier." „Und doch - " „Große Minister des Aeußeren wie Pitt in England, Talleyrand in Frankreich und -- Mirza Said Chan in Persien sind rar!" „Was wirst Du in Europa ansangen?" „Ich werde reisen, um die Spitäler zu besichtigen." „Komme bald mit Deiner Frau zurück." „Jnschallah!" Mit welcher Sympathie übrigens der Schah seinem Leibarzt und Professor in Teheran zugetan war, beweist der Umstand, daß er es nicht unterließ, ihn anläßlich seiner Anwesenheit in Wien im Jahre 1873 zu besuchen. Unsere Leser wird gewiß die Aeußerung des Königs der Könige über diesen Sohn Aeskulaps, die wir in dem europäischen Reisetagebuche Nafsred-Dins vom Jahre 1874 niedergelegt finden, interessieren. Es heißt dort u. a.: Luxemburg, den 6. August. Mit Hekim (Arzt) Polak, der Tholazans jetzige Stelle einstens bei meinem gesegneten Leibe so gut versah, eine Stunde verplaudert. Ich fragte ihn vertraulich über die böse Seuche (Cholera) aus, von der in Wien soviel die Rede ist. Zwar hat mich der ehrliche Mann, der mit den Quacksalbern, die sich Hekims nennen, so gar nichts gemein hat. schon telegraphisch in ausführlichster Weise über die hier herrschenden Gesundheitsverhältnisse zu beruhigen verstanden, und seinem Berichte haben sie es hier zu verdanken, daß ich zu ihnen auf Besuch gekommen bin. Ich fand es aber bei dem vielerlei Gerede, das hier von der Cholera geht, denn doch ratsam, den Hekim Polak mündlich auszuforschen. Nun, ich kann ruhig sein nach all dem, was er mit sagt. Fürchtete ich mich überhaupt noch, Polak hätte meine Furcht schon mit dem artigen Wort entwaffnet, das da lautete: „Majestät, Du bist in der Geschichte stark genug bewandert, um zu wissen, daß die Cholera noch nie an dem gesegneten Leibe eines Königs ihre unsaubere Hand gelegt hat." Wie artig und wie Vertrauen einflößend zugleich das klingt. Der Hekim hat recht, die böse Krankheit meidet, so weit ich weiß, das Lager der Gekrönten für gewöhnlich, es wird aber jetzt so viel Unwesen mit Kronen getrieben, daß am Ende auch die Cholera eine respektlosere Richtung hinsichtlich ihrer Opfer einschlägt. Wir wollen hoffen, sie läßt dies fein bleiben, bis ich wieder draußen bin aus der Hauptstadt von Austria... Heute habe ich einer Photographin den Hochgenuß verstattet, mein Bildnis zu fertigen. Hekim Polak hat sie mir gerühmt und mir gesagt, sic nehme jeglichen hochgestellten Kopf, der nach Wien komme, auf Sie sollen einmal ein ordentliches Bild vom König der Könige haben. Mit dem vollen Bewußtsein, den Mauren hier einen hohen Gefallen zu tun, indem ich ihnen zu einem gelungenen Abbilde des Königs der Könige verhelfe, um so bei ihnen in einem guten photographischen Andenken zu verbleiben, postierte ich niich vor dem von einem Knecht der Sonne aufs feierlichste aufgestellten Kasten. Es waren auch von meiner Seite schon die wichtigsten Vorbereitungen zu diesem königlichen Akt gemacht worden, und Allah hatte mich auch mit einem neuen großen Gedanken begnadet, mit einem Gedanken, der dem Abbild des Königs der Könige gewiß neuen, überaus großen Pomp verleihen dürfte. Ich beschloß nämlich, auf dem photographierten Abbild mit auf der einen Seite in die Höhe gedrehten und auf der anderen Seite herabfallenden Schnurrbart zu erscheinen. Es war nicht geringes Erstaunen unter meinen Vezieren und Mirzas, da ich ihnen diesen plötzlich eingetretenen Systemwechsel in der Toilette meines gesegneten Schnurrbarts ankündigte. Sie schienen alle überrascht von der Kühnheit des Gedankens und fanden ihn voll Geist. Ich hätte es ihnen auch nicht gewünscht, anderer Meinung zu sein. Nur au! Hekim Polaks Antlitz glaubte ich ein Lächeln zu bemerken, das mir nicht ganz reine Bewunderung zu sein schien. Das veranlaßte mich zu der Frage: „Nun, und was sagt mein alter treuer Diener zu dieser Schnurrbartstellung?" „Majestät," antwortete Polak, „der Schnurrbart ist Dein, und so hoch ist kein Sterblicher unter uns geboren, daß er über die neue Bahn, die Du mit ihm einschlagen willst, mit Dir rechten könnte." Und da blieb ich bei der „Neuen Bahn", wie Polak das nannte, imb von des gesegneten Schnurrbarts Spitzen ward die eine in die Höhe gedreht, während die andere gesenkt wurde. (Fortsetzung folgt.. Wdilchr Lr?ählungslitkratur. Von Prof. Ludwig Geiger. ie nachfolgende Ueberstcht mehrerer in den letzten Monaten erschienener belletristischen Werke dient vielleicht manchen Lesern als willkommener Wegweiser. Sie erhebt durchaus nicht den Anspruch auf absolute Vollständigkeit, berücksichtigt vielmehr nur das, was mir von den Verlegern zugesendet worden, oder was ich von Novitäten in der Bibliothek der hiesigen jüdischen Gemeinde fand. Zunächst soll der Roman „Hans im Glück" >) an dieser Stelle erwähnt werden, obgleich er weder ein völlig jüdischer Roman ist, noch von einem jüdischen Autor herrührt. (Letzteres kann man aus der gar zu objektiven Schilderung der jüdischen Kreise und aus der außerordentlich intimen Kenntnis der evangelischen Theologenwelt und der christlichen Theologie überhaupt schließen.) Jüdische Geschichten von i) Henrik Pontoppidan: Hans im Glück. Ein Roman in zwei Bänden. Aus dem Dänischen übertragen von Mathilde Mann Leipzig im Jnselverlag 1906. Die beiden Bände zusanimen nehmen den stattlichen Umfang von fast 1000 Seiten (genau 939) ein. Das Buch ist in vornehmer, moderner Art, ohne die unerquicklich modernen Zutaten, ausgestattet.

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