Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unterzeichnet und am gleichen Tag der Aufruf zur Zeichnuug von Beiträgen bekannt gegeben. Präsident des Vereins ist Baron Edmond von Rothschild. Andere bekannte Mitglieder des Komitees sind u. a. Israel Levy, Großrabbiner Dretzfuß, Joseph Lehmann, Narzisse Leven, der Präsident der Alliance Israelile Universelle1, Saloin on Reina ch. Zu den ersten Beitragenden gehört der Pariser Wohltätigkeitsverein „Bienfaisante israelile“, der 1000 Franken zeichnete. So wird ein Teil des Werkes Zadoc Kahns fortgesetzt werden . Sein Name selbst bedarf solcher Mittel nicht, nm fortzuleben. Er ist unauslöschlich auf den Blättern der jüdischen Geschichte verzeichnet. Die Schahs und die Juden in Kerken. Von A b u Said I b n M a s ch a l l a. I. ^^^urch den Thronwechsel in Persien ist aufs neue die Aufnierksamkeit der gesamten gebildeten Welt auf jenes asiatische Reich der Sagen und Legenden, der Märchen und j Erzählungen, des Despotismus und der Harcmswirtschaft gelenkt worden. Das klassische Land der Hamans, des Urbilds der Antisemiten, ist dadurch noch uni so interessanter, ja gleichsam aktuell geworden, als der verstorbene Schah Muzaffer ed- 1 Din sich noch in seinen letzten Lebensjahren, nachdem er Europa auf wiederholten Reisen kennen gelernt und für die Bedürfnisse seiner in Elend, Knechtschaft und Verkommenheit lebenden Rayets (Untertanen) Verständnis gezeigt, zu einer Verfassung aufgeschwungen, die sein Sohn und Nachfolger, der jetzige Schah von Persien, Muhamed Ali Mirza, feierlich sanktioniert hat. Hoffentlich wird diese Verfassung kein bloßes Gaukelspiel bleiben, sondern zur Wirklichkeit werden, dann kann Iran in der Tat zur Höhe der europäischen Zivilisation sich emporschwingen, und mit Stolz darf dann jenes tüchtige,! intelligente und strebsame Volk i» dem einst so gefürchteten und die Welt beherrschendem Reiche auf die Errungenschaften seiner jahrzehntelangen Arbeit im Dienste des Fortschritts und der Kultur znrückblickeu. Lebt die Verfassung in Wirklichkeit, nicht bloß auf dem Papier, sondern entäußert sich in der Tat der „Schah it Schah" seiner absolutistischen Vorrechte, ernennt ein verantwortliches Ministerium, das dem Parlament Rechenschaft schuldig ist und sucht Persien nach europäischem konstitutionellem! Muster zu reformieren, so wird voraussichtlich auch die Lage! der Juden in Iran, die in dem letzten halben Jahrhundert . wahrlich keine beneidenswerte war, sich zum Besseren gestalten.! Während man in der Türkei keine Spur von Fanatismus > gegen die Israeliten bei den Anhängern des Korans entdecken kann und nicht nur Abdul Hamid, der jetzige Padischah, sondern auch seine letzten Vorgänger ihren jüdischen Untertanen gegenüber die größte Humanität und Gerechtigkeit walten lassen und ließen, waren die Ahasverusse Persiens, obschon auch für die der Koran ein heiliges Religionsbuch ist, ausgemacht Antisemiten. Wie in der alten Zeit, so war dies auch im neuen persischen Reich und in der Gegenwart der Fall. Ministerpräsidenten bezw. Veziere wie Haman spielten wie immer die Hauptrolle, und Verfolgungen aus Gründen der Konfession oder der Erpressung waren an der Tagesordnung. Ich erinnere nur an die furchtbaren Judenhetzen unter den neuen persischen Herrschern Jesdergerd 11. (455 bis 488 n. Ehr.) und Firuz (471 bis 484 n. Ehr.). Tie Freiheit und Unabhängigkeit, die der Exilarch Mar Sntra im Anfang des 16. Jahrhunderts für seine Glaubensgenossen erkämpft hatte, dauerte im ganzen nur sieben Jahre. Der Despot Kobad (518 bis 531 n. Ehr.) ließ an Grausamkeit und Blutgier nichts zu wünschen übrig. Nur ChosroeS 11. behandelte die Juden weniger hart als seine Vorgänger, ja er schloß sogar mit den Juden Palästinas, 26 000 an der Zahl, die in den Besitz Jerusalems zu kommen hofften, ein Bündnis gegen den Kaiser Heraklios, und die Geschichte erzählt, daß sie den Persern im Kriege sehr wesentliche Dienste geleistet haben. Wir wissen, daß die Juden in der Türkei und Palästina schon im Jahre 1840 durch einen Ferman des Sultans, den der große Philantrop Sir Moses Montefiore erwirkte, vom staatlichen Druck befreit wurden. Leider aber hat es in Persien leinen Montefiore gegeben, der auf die Träger der Kadscharendynastie — dieselbe wurde im Jahre 1704 von dem Aga Mohamed Khan gegründet und herrscht noch gegenwärtig - durch mächtige Bestechungen und sonstige Hilfsmittel, die in einem despotisch regierten Staate gang und gäbe sind, Eindruck geübt hätte. Daher waren denn auch Bedrückungen und Exzessen des höheren und niederen Pöbels gegen die Parias der Menschheit Tür und Tor geöffnet. Ein klein wenig besserte sich die Lage der Juden in Persien seit dem Regierungsantritt des intelligenten und Reformen nicht mehr ganz abgeneigten Nassred-Din, der am 15. Oktober 1848 den Thron bestieg und am 1. Mai 1896 sein Leben durch Meuchelmord beschloß, indem er von einem Fanatiker in einer Moschee bei Teheran erschossen wurde. Noch mehr wie sein Vater Muhmed Schah schätzte er namentlich die Juden als Aerzte, und er war es auch, der, wie unsere Leser wissen, den ausgezeichneten österreichischen Arzt und Reisenden, den Juden Dr. Jakob Eduard Polak — geboren 1818 zu Groß-Morzin in Böhmen und gestorben am 8. Oktober 1891 in Wien — als seinen Leibarzt und zugleich als Professor an das neue medizinische Kollegium in Teheran berief. Dieser Forscher hat vor gerade 42 Jahren über seine Berufung nach Persien sowie Land und Leute ein höchst interessantes, umfangreiches Werk herausgegeben, welches einen kulturgeschichtlichen Wert dadurch beanspruchen darf, weil darin zum erstenmal uns Ausschlüsse über die damalige Lage der Juden in Persien gegeben werden. Viele Aerzte, erzählt uns Polak u. a., seien in Persien Juden oder jüdischer Abkunft, namentlich befinde sich in Kurdistan und Turbistan die ärztliche Praxis fast ausschließlich in den Händen von Juden. Dies scheine nun von jeher der Fall gewesen zu sein, wenigstens besagen die Votivtafeln am Grabe Esthers in Hamadan, daß im 13. Jahrhundert das Grabmal durch drei Brüder, die sämtlich Aerzte gewesen, restauriert worden sei. Zur Zeit der Anwesenheit Polaks in Persien gehörten vier Brüder aus einer jüdischen Familie zu den beschäftigsten Aerzten der Stadt. Einer von ihnen, namens Hak-Näzar, war einige Zeit Leibarzt des genanuten Königs Mehmed Schah, und selbst der Umstand, daß ihm, obgleich dieser Fürst und der geliebteste Sohn Nassred- Dins unter seiner Behandlung starben, kein Haar gekrümmt wurde, zeugte, wenn auch nicht von seiner ärztlichen Befähigung, so doch jedenfalls von seiner diplomatischen Gewandtheit und der Toleranz, die die persischen Schahs gegen die jüdische» Aerzte hegten. Polak hatte anfänglich trotz der Berufung des Schahs mit dem Neid, den Intrigen und den Eifersüchteleien der persischen Aerzte und Kurpfuscher gewaltig zu kämpfen, und er wäre schwerlich zur Geltung gekommen, ja er hätte vielleicht 'auf persischemBoden seinen Untergang gefunden, wenn sich der Schah von Persien seiner nicht tatkräftig angenommen und ihn geschützt hätte. Besonders stieg er in der Achtung des Herrschers sowohl