Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Lavor lkahn-Verein.! Bon Rabbiner Tr. Marr-Westhosen i. E. j Unmittelbar nach dem Tode des unvergeßlichen Großrabbiners Zadoe Kahn wnrde von seinen zahlreichen Freunden und Verehrern der Plan ins Auge gefaßt, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die seinen unsterblichen Namen! tragen und den Zweck haben sollte, das Werk, das er sich zur i Lebensaufgabe gemacht hatte, in seinem Geiste fortzusetzen. j Sein Werk! Gegenüber einer solch uinfangreichen Tätigkeit! auf den verschiedensten Gebieten, einem solch vielseitigen, I segensreichen Wirten sollte man sich der Hoffnung hingeben dürfe», man könne seine Lebensaufgabe, sein Lebensziel sich zu eigen machen? „Er war die Seele all unserer Werke, der religiösen wie der philanthropischen, ihr geistiger Urheber, ihr Leiter, des öfteren selbst ihr Schöpfer; er unterstützte, festigte, belebte sie durch seine unermüdliche Tätigkeit, durch seine hervorragende Geisteskraft, durch die Wärme seines Wortes. — Er verkörperte die mildtätige Liebe in ihrer höchsten Auffassung und im weitesten Sinne des Wortes, die jüdische - Wohltätigkeit, so wie sie dilrch unseren heiligen überlieferten Brauch geweiht ist. Er öffnete sein Herz jedem Elend, jedem Unglück, privatem oder allgemeinem, der bittenden Armut oder der sich verbergenden Dürftigkeit. Mitfühlend wandte er sich jedem Schmerze zu und wußte ihm ein wirksames Heilmittel zu bringen. Er war der Freund und Beschützer der Armen und Enterbten. Aber er war auch der Freund der Reichen und der vom Schicksal Begünstigten. Er war der Vertraute ihrer Freuden, aber auch ihres Kummers, von den, keine menschliche Gesellschaftsstufe verschont bleibt. Diese hatte er zu Mitarbeitern gemacht an seinen Guttaten, und durch sie verstand er sein wunderbares Werk der Menschenliebe und der Förderung des Nächsten zu vollenden und bis ins Unendliche zu vergrößern." So feierte der Großrabbiirer von Paris. Herr Dreyfuß,! bei dem Trauergottesdienst an der ersten Wiederkehr des Todes- > tags Zadoe Kahns in einem tiefempfundenen, wirkungsvollen Gebete das Gedächtnis des so früh dahingerafften geistigen Führers des französischen Judentums, der sich mit gleicher Innigkeit und Hingebung seiner Religion, seinem Vaterlande und der Menschheit gewidmet hatte. Das ist auch tatsächlich daS Bild des großen Mannes, wie es im Herzen derer weiterlebt, die ihm nahestanden oder jemals Zuflucht bei ihm gesucht haben. Doch: „Wer möchte behaupten, einen derartig lebensvolle»! Charakter genau umschreiben zu können, mit seinen vielfach zusammengesetzten Zügen, mit seinen verschiedenen, durch ihre Mannigfaltigkeit geradezu verwirrenden Erscheinungen, in dem sich, durch ein ivunderbares Zusaininentreffen, Eigenschaften vereinigt fanden, die mitunter gegensätzlich erscheinen und gewöhnlich nur bei verschiedenen Individuen einzeln anzutreffen sind?" fragt einer seiner Verehrer, und er erklärt die unbestrittene Liebe, die ihin von allen Seiten entgegengebracht wurde, dadurch, daß er! ein Jude »var im erhabensten Sinne des Wortes und eine! vertrauenerweckende Persönlichkeit, der jeder gern und frei-! »villig sein bedrängtes Herz ansschüttete.! Wie sollte nun, angesichts einer solch gelvaltigen Erscheinung, ein Werk geschaffen »verden, das nicht nur durch seinen Namen, sondern auch durch sein Ziel an den verehrten Seelsorger erinnerte? Nach Prüfung verschiedener Vorschläge und Entwürfe ivnrde schließlich beschlossen, durch eine Stiftung, die gleichzeitig der Wissenschaft einen Dienst leisten und Wohltätigkeit pflegen soll, wenigstens z»vei Zweige seiner vielseitigen Tätigkeit »veiter zu pflegen. Ein Zadoe Kahn-Verein wurde gegründet zur Unterstützung jüdischer Studierender i»nd der Witwen und Waisen derjenigen französischen Israeliten, die sich durch ihre Werke a»lsgezeichnet haben und die, indem sie in» Dienste der Wissenschaft standen, ihrer Fainilie »vohl einen geachteten und berühmten Namen, aber keine Reichtümer haben hinterlaffen können. Auf dieses Gebiet hatte Zadoe Kahn durch besonders rege Tätigkeit »lach dieser Richtung hin selbst hingewiesen. „Handelte es sich darum," heißt es im Aufruf, der am 8. Dezember, dem Todestage Zadoe Kährls, veröffentlicht wurde, „einen jungen Mann zl» ermutigen, einem Gelehrten zu helfen um Witiven, die sich in Not befanden und kein anderes Vermögen besaßen als einen geachteten Rainen, dann >var Zadoe Kahn immer bereit, sich in Bewegung zu setzen. Er war ein nnerinüdlicher Bittsteller, den» inan stets willfährig entgegen - kam, und er verstand auf diese Weife reiche Hilfsguelleu zu erschließen, »»in allen Bedürfnissen Genüge leisten zi» können. Das ivar sein Stolz als Jude und Rabbiner; er schätzte sich glücklich, den altüberlieferten Brauch der Pflege der Wissenschaft aufrecht erhalten zu können, der die Ehre Israels bildete in ruhmreichen Tagen und fein Trost »var in Tagen des Elends; gleichzeitig bot sein heiliger Eifer dein Vaterland eine immer zunehmende Schar selbstloser Arbeiter, gleichsam als Zeichen der Erkenntlichkeit gegen das Land, das zuerst den Juden zum Bürger erhoben hat. Das ist das Werk, das wir fortführeu »vollen auf breiter, fruchtbarer Grundlage, »venu Sie es fördern, das aber auch dann noch ersprießlich fein wird, wenn es dazu ver»»rteilt »väre, bescheiden zu bleiben." So »verden es denn in erster Linie die Jünger der Wissenschaft sein, denen es i»n Rainen Zadoc Kahns dargereichte Mittel erinöglichen sollen, sorgenfrei den Studien zu obliegen, denen dafür dieser Raine auch ein Ansporn sein »vird, ihn» nachzueifern, danach zu streben, gleich ihm, .»velchen Platz sie auch einnehmen, durch getreue Pflichterfüllung als Juden, als Bürger und als Menschen der Gesaintheit ein Segen zu »verden. Mit diesen» Zlveck, »velcher der Stiftiing gegeben wurde, ging inan auch allen Schwierigkeiten aus dein Wege, die ihr, falls inan ihr einen religiöse»» Charakter gegeben hätte, infolge der Trennung von Kirche und Staat von der Regier»»i»g hätten bereitet »verden können. Daß man dabei »nutig ans Werk ging, ohne zu befürchten, daß wegen der großen Forderungen, die mau bei der Gründung der Knltusvereine an die Gemeinden zu stellen genötigt »var, der Verein »venig Anklang fäiide, beweist »velches — inzrvischen glänzend gerechtfertigte — Vertrarien man zur Opferwilligkeit der französischen Juden hegte und »vie sehr »»»an überzeugt war von der Liebe und der Verehrung, die man allenthalben Zadoc Kahn entgegenbrachte, von der auch die große Teilnahme am Gedüchtnisgottesdienstc beredtes Zeugnis ablegte. Der Verein »vird bestehen ans Wohltätern, d.i. solchen, die einen eininaligen Beitrag von inindestens 1000 Franken, Spendern, die eiiren solchen von »»»indestens 800 Franken, und Subskribenten, die jährlich mindestens 6 Franke» zahlen. Eine Generalversammlung säintlicher Beitragenden soll einen Ausschuß von 22 Mitgliedern auf die Dauer von acht Jahren »vühlen, von denen alle vier Jahre die Hälfte ausscheidet und durch eine Neuwahl ersetzt oder wiedergewählt »verden müssen. Der Verein ist von der Regierung als geineinnützlich erklärt »vorden. Seine Stiftungsnrknnde wurde ain 8. Dezember, dein Todestage Zadoc Kahns, vom Präsidenten der Repllblik