Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 6. (j5ßttl£fttfeuOt04 ^lin. 8. Februar 1907 Vellage zur „Allgemeinen >8orrrlponden?m und Aschrichten. Deutschland. Berlin, 31. Januar. Unter großer Beteiligung fand gestern aui dem Friedhof in Weißensee die Beisetzung der Aschenreste von Professor Dr. Moritz Steinschneider statt. Zu der Trauerfeier, die um 3 Uhr nachmittags in der Leichenhalle des Friedhofs begann, hatten sich außer den Familienangehörigen und vielen persönlichen Freunden und Bekannten auch eine großeZahlvon sonstigen Verehrern des hervorragenden Gelehrten eingefunden. Neben mehreren Repräsentarrten und Mitgliedern des Vorstandes der jüdischen Gemeinde waren erschienen: die Dozenten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, mehrere hiesige und auswärtige Rabbiner, Beamte der Königlichen Bibliothek, die Rektoren der jüdischen Schulen und viele Lehrer und Lehrerinnen. Der akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur war durch Chargierte mit umflorter Fahne vertreten. Rach einem vorangegangenen Chorgesang hielt Rabbiner Dr. Weiße die Gedenkrede. Er sprach im Aufträge der Gemeinde und zeichnete mit beredten Worten den Lebenslauf des Verblichenen sowie den großen Verlust, den die jüdische Wissenschaft durch den Tod dieses Mannes erlitten hat. Dann widmete Professor Dr. Ludwig Geiger dem Dahingeschiedenen warme Worte des Dankes und der Anerkennung namens des Schulvorstandes, der Bibliothekskommission und der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Zum Schluß hielt Rektor Dr. Guttmann einen tiefempfundenen Nachruf namens der jüdischen Mädchenschule, deren langjähriger Leiter der Entschlafene war. Nach abermaligem Gesang und den üblichen Gebeten erfolgte in der Ehrenreihe die Beisetzung neben dem Grabe der ihm vor neun Jahren im Tode vorangegangenen Gattin. Ehre seinem Andenken! 8. Berlin, 8. Februar. Beim Abschluß eines Schuljahres, wenn unsere Söhne ihre Abgangszeugnisse empfangen, treten an die Eltern die wichtigsten Fragen heran, nämlich welchen Berus sie ihre Kinder wollen ergreifen lassen. Für jüdische Eltern ist heute genau noch wie vor bald hundert Jahren die Wahlfrage eine sehr begrenzte geblieben. Entweder ein kaufmännischer Beruf, oder ein Studium, das in der Jura, Medizin, in weniger Fällen in Naturwissenschaften, ohne Aussichten auf eine staatliche Förderung, und zuguterletzt in die Theologie einmündet. Seit fünfzig Jahren ungefähr ist für eine kleine Zahl jüdischer junger Leute noch der Künstlerberuf hinzugetreten, der weniger von staatlicher Gunst und Bevormundung abhängig gemacht ist, aber um so größere persönliche Fähigkeiten bedingt, als auch hier der Weg zum Ruhme mit weit mehr Dornen besät ist, als bei den Nichtjuden. Allerdings ist auch im letzten halben Jahrhundert häufig zum Handwerk gegriffen worden, um jüdischen jungen Leuten den Weg zu einer Existenz zu bahnen. Es muß uns heute noch mit Dank für diejenigen Männer erfüllen, die mit klarem Blick in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, trotz der ihnen sowohl „jüdischer" als auch christlicherseits in den Weg gelegten Schwierigkeiten, unentwegt dem Handwerk Eingang unter den Juden verschafften. Inzwischen wurde es als eine Lücke in unseren Wohlfahrtsbestrebungen empfunden, daß landwirtschaftliche Berufsarten für unsere jüdische Bevölkerung nicht einbezogen'worden war, soweit Deutschland in Betracht kommt. In anderen Kulturländern Westeuropas, wo die jüdische Bevölkerung zahlreicher ist, finden wir einer! verhältnismäßig großen Prozentsatz, wie z. B. in Oesterreich, Ungarn Böhmen. Kroatien usw., landwirtschaftlich betätigt, und wahrlich nicht ohne beachtenswerten Erfolg. Es bleibt ein Verdienst weitansschauender Männer der Gegenwart, die deutschen Juden auf die bisher unbetretenen Bahnen landwirtschaftlicher Berufe gelenkt zu haben. Die Gründung Ahlems durch den verewigten Konsul Simon war der erste Schritt auf dieser neuen Etappe. Aber bald erkannte mau, daß dies noch kein ausreichender Schritt Leitung de§ Judentums". war, mn die neueröffnete Bahn gangbar zu machen. Die Gärtnerei und der Gemüsebau allein reichen nicht aus, um die Landwirtschaft, und ganz speziell den Ackerbau, bei den Juden populär zu machen. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde kurz nach der Gründung Ahlems von hervorragenden führenden Geistern der deutschen Judenheit die Anregung zu einer weiteren Schöpfung gegeben, und so entstand vor nunmehr acht Jahren der „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands". Wie vorauszusehen war, hatte dieser Verein von vornherein mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Zahl derer, die den hohen inneren Wert dieser Knlturaufgabe erkannten, war nicht sehr groß, wenn auch die Zahl von zirka 3000 Mitgliedern immerhin die Ermutigung gab, das gesteckte Ziel mit allen Kräften weiter zu verfolgen. Nachdem nun eine kleine Anzahl junger Leute, nach Eliminierung der nicht wenigen untauglichen Elemente, zu tüchtigen Landwirten herangebildet worden ist, die mit Liebe und Geschick ihrem Berufe obliegen, will der Verein wiederum eine Anzahl Eleven in der Bodenkultur ausbilden. Es bietet sich hier sür junge, schulentlassene Leute, welche Liebe und körperliche Kraft für den landwirtschaftlichen Beruf zeigen, eine gute Gelegenheit, sich darin praktisch und theoretisch gründlich auszubilden. Eltern und Vormünder, die ein Interesse hieran nehmen, wird vom Vorstand des Vereins jede gewünschte Auskunft durch den Generalsekretär Herrn Dr. Arthur Kahn, Charlotteuburg, Englische Straße 30, erteilt. Es darf nicht als überflüssig erscheinen, hier hinzuzusügen, daß der Verein sich nicht etwa als ein Sanatorium für nervöse „höhere" Schüler oder für kränkliche und schwächliche junge Leute als Land- und Luftkuraufenthalt, ebensowenig als Zufluchtsstätte für geistig Minderwertige hergibt, um mit solchen untauglichen Elementen kostspielige Experimente zu unternehmen. Als unerläßliche Bedingung zur Aufnahme wird Intelligenz, körperliche Gesundheit und vor allem Liebe zu diesem Beruf vorausgesetzt, ohne welche auch hier kein Erfolg erwartet werden darf, sowenig wie Fleiß fehlen darf, der vor allem dabei sein muß. S. Berlin, 3. Februar. Der Verein zur Bekleidung armer jüdischer Kinder hat sich in letzter.Zeit derart ausgedehnt, daß er sich gezwungen sah. ein eigenes Bureau zu errichten. Dasselbe ist am 1. Januar d. I. Motzstraße 8, Gartenhaus parterre, eröffnet worden, und zwar in Verbindung mit dem Bekleidungs-Depot. Bureaustunden täglich 3- 7 Uhr. Die Ansprüche, die an den Verein gestellt werden, sind aber so große, daß nur die Aermsten berücksichtigt werden können, und ergeht deshalb die herzliche Bitte an alle Menschenfreunde, sich dem Verein als Mitglied anzuschließen. Jährlicher Mindestbeitrag 3 Mark. Auch werden alle Kleidungsgegenstände sür Kinder mit bestem Dank angenommen. Alles Nähere durch das Bureau. lArnt VI, Nr- 12670.) 8. Berlin, 1. Februar. Der Fürsorgevereiu für hilflose jüdische Kinder eröffnete anfangs Januar d. I. sein Kinderheinr in der Artitteriestraße 36 b. Zur Einweihung hatten die angesehensten der Berliner jüdischen Wohltätigkeitsvereine ihre Vertreter entsandt. Die Feier wurde durch Gesang eröffnet; dann weihte Rabbiner Dr. Eschelbacher die neuen Räume. Er hob hervor, daß hier vielleicht die Hilfsbedürftigsten aller Hiljsbedürstigen eine Zufluchtsstätte finden werden. Hier sollen Kinder vom zartesten Lebensalter an, für die ihre Mütter nicht zu sorgen inrstande sind, bereitwilligst ausgenommen werden und sollen hier so lange bleiben, bis für ihr weiteres Fortkommen gesorgt ist. Mit warm empfundenen Worten schilderte Redner die Not, welche den Beistand des Vereins erheische; diese sei oft so dringend, daß es schwer falle, unter dieser Fülle von Elend noch einige besonders dringende Fälle anszusuchen. Die Zahl der Bittsteller um Unterstützung, die an den Verein herantreten, nehme stetig zu; ersreulicherweise habe aber auch das Interesse an der Tätigkeit des Vereins zugenommen. Die Zahl der Mitglieder hat sich stattlich vermehrt. Jetzt habe der Verein zu den Verpflichtungen sür Auszahlung von Pflegegeldern und Unterstützungen