Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Leuten in anderer Form biete? Und schließlich, ganz am Ende, fragen Sie: Ob ich mir wohl zntrane. Sie zu einem guten Juden zu machen? ' Diese letzte Frage hat mich mehr als alles gefreut. Um dieser Frage willen, nur um ihretwillen, beantworte ich Ihren j Brief. Glauben Sie nicht! daß'ich aus ihr allein auf ein! jüdisches Interesse oder wenigstens ein jüdisches Herz bei! Ihnen schließe. Ich schließe nicht so. Nicht etwa aus Diplomatie, weil Sie sich darüber ärgern könnten, wenn ich es täte; sondern, weil ich Sie nicht an einem Judentume ergreifen will, das Sie noch nicht haben. Diese Frage freut mich an Ihnen, weil sie Ihnen Ehre macht. Nicht jeder würde sie in Ihrer Lage stellen. Sie ist nämlich ei» Eingeständnis. Sie gestehen ein, daß Ihnen etwas fehlt. Und etwas sehr Schönes und Starkes, das fühlen Sie. Um es in Ihre Sprache zu übersetzen: Sie möchten gern so über Ihre Dinge reden können, wie ich über die meinen. Und Sie fühlen unbewußt, daß, was mich so zu sprechen befähigt, nicht eine persönliche Eigenschaft von mir, sondern eine Eigenschaft der Dinge ist, die mich bewegen: meines Judentums. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, sondern hören Sie mich bis zu Ende! Sie sind ein Schöngeist, Freund. Schämen Sie sich nicht! Ich war es auch und in gewissem Sinne werde ich es immer bleiben. Sie sind gleich den «leisten der gebildeten jungen Juden, wie die Großstadt sie erzeugt, ein Schwärmer, ein Idealist. Wie die meisten, haben Sie sich auf die Erzeugnisse der Kunst und Literatur, die herrenlosen Güter in der Welt der Ideale, geworfen. Es ist eine eigene Sache mit diesen herrenlosen Gütern. Ihr könnt sie Euch aneignen und doch werden sie Euch nie erfüllen. Ihr schöpft in einDanaidenfaß. Nur dem fchaffenden Genius wird die Kunst ein Streben. Dem Genießenden nie. Sie sind ein Schöngeist. Ein Schöngeist ist einer, der über gewisse Dinge schön reden kann. Sie finden, ich habe damals schön über mein Judentum geredet. Aber Sie irren sich, in einer Grundtatsache irren Sie sich: Es gibt nämlich noch ein anderes, als über die Dinge zu reden; man kann auch in ihnen reden. Und sehen Sie, so war es: Nicht über, in meinem Judentume habe ich geredet. Aus einem kreisenden Zirkel heraus. Das war es, was Sie ergriff, so stark ergriff, daß Sie heute ins Wanken geraten sind. Sie fühlen mit einem Male, daß Schöngeist zu sein, zu wenig ist für Sie. Sie fühlen, daß Ihnen etwas fehlt. Sie möchten gern etwas haben, in dem Sie leben und weben können, etwas Daseinsfüllendes, das nicht herrenloses Gut ist, sondern das Ihnen zu Recht gehört, ein Ideal, das stärker ist als Sie, das Sie äußerlich klein macht, indem es Sie beherrscht, innerlich aber groß, unendlich groß und stark, indem es die vielen Metalle Ihrer Seele einschmilzt zu einer Glocke aus einem Guffe. O, sie wird einen herrlichen Klang haben, diese Ihre neue Glocke. Und Sie werden sich wundern: Diese Glocke wird mehr in Ihnen zum Klingen bringen, als Sie ahnen. Es ist eilte Zauberglocke. Wenn sie klingt, müssen alle verborgenen Töne hervor aus den Winkeln Ihrer Seelenwelt und mitläuten. Nein, Sie werden nicht einseitig werden, lieber Kunstschwärmer. Im Gegenteil: Sie werden fast selbst zum Künstler werden, wenn.Sie immer so schöne Musik in sich hören. Sie fragen, wann Sie mich besuchen können? Kommen Sie, kommen Sie so schnell als möglich! Ich will Ihnen meine Glocke vorläuten. Sie sollen die jüdische Glocke hören! Heute Abend schon können Sie mich treffen. Ich bin im jüdischen Studentenverein. Ich lade Sie ein. Was dort los sein wird, fragen Sie mich? Nicht viel, Lieber! Wenigstens für Sie nicht. Wir werden Lieder singen. Und ich werde meine Frelinde um mich sehen. Sehen Sie sich meine Freunde genau an. Wenn sie singen, vor allem. Und auch sonst. Und reden Sie auch mit ihnen. Sie find ebenso alt wie Sie. Und alle läuten sie dieselbe Glocke. Ich grüße Sie! Berlin, im Januar 1907. Emil Cohn. -— Kertbold Euerbacbs Wegräbnis Zur Erinnerung an den 8. Februar 1882. Von Henriette Hirschberg. Hinauf zur Horber Höhe Zieht langsamen Schritts ein Gespann; Der Wagen ist schwarz umhangen, Drin ruht ein stiller Mann. Ein Mann, dess' jugendfrisch Herze Noch jüngst so feurig geglüht; Dess' klare, blaue Augen Noch jüngst so leuchtend gesprüht. Nun sind die Augen geschlossen; Es schweigt sein beredtes Wort — Sie führen den Toten von dannen, Zum trauten Heimatsort. Einst hier auf der Horber Höhe Ein fröhlicher Knabe stand. Und blickte hinaus in die Ferne, Weit in das blühende Land. Und sah die prangenden Fluren Vom Sonnenlichte erhellt; Die Heimatstäler, die Berge, Die weite, weite Welt! Und sprach: Wie schön bist du, Heimat, Mir lieb wie mein Vaterhaus! Doch musz ich dich verlassen. Mich zieht's in die Welt hinaus. Dort will ich kämpfen und ringen, Gewinnen Ehre und Glück, Und wenn ich beides ersieget, Zu dir kehr' ich wieder zurück! Will schlagen kühn die Saiten, Hell singen zu deinem Preis; Dich ziere, wenn ich es gewonnen, Das leuchtende Lorbeerreis. Leb' wohl, du meine Heimat Im gold'nen Sonnenschein; Dein kann ich nimmer vergessen, Mein Herz ist ewig dein! — Es rauscht in den dunklen Tannen, Es heult der Winterwind; Sie bringen nach Nordstetten wieder Des Schwarzwalds treuestes Kind. Hinauf zur Horber Höhe Zieht langsamen Schritts das Gespann: Nun bringen sie heim den Knaben Als stillen, friedvollen Mann. Und senken ihn in die Erde Am lieben Heimatsort . . . Des Schwarzwalds Tannen flüstern: Er hielt uns treulich Wort! Druck und Verlag von Rudolf Mvsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.