Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Gedanke an die bevorstehende Begegnung mit den Moskals verlieh unserer Haltung eine militärische Schneidigkeit. Endlich waren wir an der Querstraße. Ich zog an den« einen Ende des Strickes, um meinem improvisierten Pferde verstehen zu geben, in welche Straße er einzubiegen hätte, und er verstand es auch und folgte sofort meinem Winke. In dieser Straße war das Geräusch deutlicher vernehmbar, und man konnte unschwer erkennen, daß es keine schneidigen Soldatenlieder waren. ... Es war vielmehr das wilde Toben einer besoffenen, zügellosen Menge, unterbrochen von verzweifeltem Franengeschrei. . . Das Herz pochte vor Unruhe in meiner Brust. . . Der Strick entglitt meinen Händen, ich achtete nicht mehr ans mein freigewordenes Pferd, sondern begann in rasendem Galopp vorwärts zu lausen. Die Vorahnung eines schrecklichen Ereignisses trieb mich immer schneller vorwärts. ... Da tauchten hinter der Hansecke, voll der ich iricht weit entfernt war, einige betrnnkene Bauern auf, die vorwärts rannten und mit dem Aufgebot ihrer ganzen Lnngenkraft irgend etwas schrien. Aus derselben Ecke brachen bald andere Bauern in großer Anzahl hervor, und init vereinten Kräften stürmten sie gegen ein zweistöckiges Haus an, das Chajim Scholem, dem reichsten Mann unserer Stadt, gehörte, und ich wurde bald der unwillkürliche Zuschauer einer von jenen Szenen, die den meisten russischen Juden als bllitige Erinnerung so tief ins Herz gegraben find. Ein furchtbarer Schreck ergriff inein kindliches Gemüt, und ohne vornoch rückwärts zu schauen, lief ich mit rasender Schnelligkeit nach Hanse. Es läßt sich nur schwer mit Worten ansdrücken, »vas in jenen Augenblicken in meiner Seele vorging. Bald schien es mir, als ob man mir nachsetzte, als ob bald mein Kopf von einem mir nachgeschleuderten Steine zerschmettert werden würde, und ich begann nur noch angestrengter zu laufen; bald wiederum verspürte ich in mir das heiße Verlangen, zurückzukehren und irgend jemanden durchzuprügeln, aber so, daß er nicht mehr imstande wäre, sich zu erheben. Und krampfhaft ballte ich die Fäuste, als ob ich auf jemand einhauen wollte und fuhr dennoch fort, immer vorwärts in der Richtung auf unser Haus zu laufen. Ich glaubte, daß ich den Großvater und die Großmutter zerschlagen, verkrüppelt vorfinden würde, und ich zuckte vor Angst zusammen. Endlich bin ich vor unserem Hause. Gott sei Dank! denke ich bei mir, bei uns ist noch niemand da. Es ist so leise .. . Geb' Gott, daß sie diese Straße «neiden . .. aber nein, sie werden auch sicher zu uics kommen. Gott, was soll denn dann ans uns Werder«? Man muß es ihnen schnell sagen, sie werden noch gewiß gar nichts wissen. Vielleicht können wir uns noch irgendwohin flüchten. „Großpapa, Großmama!" rief ich, ins Zimmer hineinstürmend, und erzählte ihnen keuchend, was ich gesehen hatte. „Scha! Was?" fragte mich die Großmutter in lallendem Tone, und ihr Gesicht verfärbte sich. „Wer hat's Dir gesagt, mein Sohn, sag', von wem hast Du's gehört?" „Ich Hab' es selbst gesehen," rief ich in Trärren ausbrechend, „laufen tvir voir hier weg, «na« rvird uns totschlagen." Und ich drückte mich krampfhaft an die Großmutter. „Gott ist mit Dir, meirr Kind," rief die gleich mir aufgeregte Großmutter, „das hat Dir wohl nur so geschienen. Dowid, hörst Du, was er sagt? Das wird wohl was bedeuten," rvandte sie sich an den Großvater. Aber anstatt einer Antwort erhob sich dieser von seinem Sitze rrnd verließ langsamen Schrittes das Zimmer. (Schluf; folgt.) Lin Lkilbriek. Dem B. I. St. „Maeeabnea" z» seinem Gründimgskvnimers gcividinet. Bon Rabbiner Dr. Emil Cohn. Mein verehrter Freund! ie haben mir einen so schönen Brief geschrieben! Wirklich schön! Beinahe ergriffen hat er mich. Und dabei ist es der erste Brief, den ich von Ihnen erhalte. Und dabei knüpft er sich an nichts als an ein leichtes Gespräch bei Tische, das wir kürzlich in jenem tvunderbar trauten Familienkreise führen durften, der uns beide damals zum erster« Male beisamnren sah. Ich hätte nicht gedacht, daß jene Viertelstunde so in Ihnen rrachwirkerr würde. Hatte auch keinerlei Wirkung beabsichtigt. Ich kannte Sie ja bis dahin gar nicht. Nun aber, da Sie mir schreiben, daß ineine Ausführungen über die jüdischer« Ideen Sie seitdem nicht losgelassen hätten, entsinne ich mich plötzlich «vieder, daß auch ich »«ehr als einmal an Sie gedacht habe. Ihre begeisterten Worte über die moderne Kunst «verde ich sobald nicht vergessen. Oder das vielleicht doch. Aber Sie selbst in Ihrer Begeisterung haben sich mir fest eingeprägt. Sie haben urir danrals sehr gefallen. Ich habe Sie lieb ge- «vonncn. Gestatten Sie mir, dies zu sagen. Sie «verden sich nicht zuviel darauf einbilden: Ich bin ja kann« sieben Jahre älter «vie Sie. Sie redeten über viele Dinge damals. Sie kamen, ansgehend von einer Theateraufführnng, auf Ibsen z«l sprechen, erörterten seinen dominierenden Einfluß ans die moderne Bühne, sprachen dann von seinen Frauengestalten, ««»«schließlich zu Friedrich Hebbel überzugehen, der ja Ibsen durch das Problematische seiner Charaktere am verwandteste«« ist. Sie sprachen nüt der entzückenden Eitelkeit junger Stridenten. die zeigen «vollen, «vie sie in den modernen Dingen beivandert sind. Mich rührte diese Eitelkeit, weil ich in ihr «««ich selbst «viederfand, so «vie ich vor zehn Jahren war. Bis dahin «var ich Ihren Gesprächen wohl gern gefolgt. Tiefer angeregt aber wurde ich erst, als ich sah, «vie Sie a««f «««eine jüdischen Geda««ken reagierten. Sie schienen zuerst verblüfft, dann lachten sie. Schließlich aber, als Sie «nir trotz mancher und sehr graziöser Versuche nicht entgehen konilten, hörten Sie mich au. Mehr aber auch nicht. Ich «vußte. Sie teilten nicht «««eine Ideen. Sie hörten ans Höflichkeit zu. Ich suchte nach tieferen« Interesse bei Ihnen; Sie aber schiviege«« sich aus. Schließlich, als die liebenswürdige Dan«e des Hauses die Mahlzeit gesegnet hatte, drückten wir uns die Hände und gingen auseinander. Wie erstaunt war ich, als heute, eine Woche danach, Ihr Brief kan«. Ich las ihn n««d kenne Sie nun. Ich sagte Ihnen schon, «vie schöi« Ihr Brief ist. Er «st schön, obgleich feine Gedanken unklar sind. Es koinint mir vor, als hätten Sie den Brief zur eigene«« Klärung geschrieben. Schadet nichts. Sie betonen zunächst, daß es ein rein künstlerisches, allenfalls «nenschliches, keüiestvegs aber ein jüdisches Jntereffe getvesen sei, «vas Sie zu Ihren« Schreiben veranlaßt hat. Ztvar «vären Sie lange nicht zur Klarheit gekommen, hätten sich auch kurze Zeit vorgespiegelt, «virklich ein jüdisches Interesse in sich wiedergefunden zu haben. Schließlich aber seien Sie zu der deutlichen Ueberzeugung gelangt, daß nicht meine Gedanken, sondern die Art, «vie ich sie vvrtrug. Sie gefesselt hätte. Wären dieselben Geda««ken Ihnen in anderer Art geboten «oorden, sie hätten gewißlich keinen Eindruck auf Sie gemacht. Und Sie fragen: Ob ich dieselben Gedanken anderen