Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ganzen Woche bei einem langbärtigen Metailimed Reb Schlojme iin Talmud durchgenommene Pensum laut aufzusagen. Diesen allsabbatlichen Prüfungen wohnte gewöhnlich auch die Großmutter bei, die mit wichtiger Miene den kopfbrecherischen talmudischen Debatten andächtig lauschte, obwohl sie für ihr altersschwaches Hirn nichts weiter als böhmische Dörfer, waren. An meiner Großmutter stand ich in freundschaftlichen, man könnte sagen intimen Beziehungen. Und es ist nicht zu verwundern. Sie war so klein und hatte ein solch liebliches Gesichtchen, daß, wenn nicht die winzigen Falten in solcher Anzahl dasselbe durchfurcht hätten, man sie für ein Mädchen in meinem Alter hätte halten können. Mit ihr brachte ich einen großen Teil meiner Mußestunden in verschiedenen Unterhaltungen zu. Sie erzählte mir mit Vorliebe, wie die Leute in alten Zeiten gelebt haben, und wie sic selbst im Hause ihrer Eltern, da sie noch jung und schön war, gelebt hat. Sie genügte mich nieiner Wißbegier betreffs meiner Mutter, die ich als dreijähriges Kind verloren hatte, und die mir gleichsam wie eine schattenhafte Vision in meiner Einbildung vorschwebte. Wir sprachen auch hin und wieder über den Großvater, konnten uns aber über ihn nicht anslassen, da er auch uns, wie allen, seltsam und rätselhaft erschien. Und aus alle meine Fragen über die Sonderheiten und Seltsamkeiten des Großvaters, die zu erklären mein schwaches kindliches Hirn sich umsonst abmarterte, antwortete die Großmutter mit einem Kvpsschütteln und tiefen Seufzern. Es war ein herrlicher Julitag. Die Sonne hatte die Btittagshöhe erreicht und sandte nach allen Seiten ihre Hellen, freudigen Strahlen aus. Ich ging spazieren. Eine ungewöhnliche, wonnevolle Schlaffheit bemächtigte sich all meiner Glieder. Mir wurde es so froh und hell ums Herz, und ich begann, ohne es zu wissen warum, über das ganze Gesicht zu lächeln. Bon Ferne schlug an mein Ohr ein dumpfes Rollen, ivie das Geräusch eines Jahrinarkts. Eine heimliche Angst beschlich mich, und ich begann aufmerksam zu horchen. Aber bald darauf wurde meine Aufmerksamkeit durch eine Ziege abgelenkt, die am Eingang des nachbarlichen Hauses seelenvergnügt in der Sonne lag. Ich lief auf sie zu und versenkte meine Hände in ihre warme, weiche Haare. Ich empfand plötzlich in meiner Brust einen Ueberschwang von Zärtlichkeit. „Wie nett und lieblich bist Du, meine kleine Ziege," murmelte ich leise, ihren Rücken nüt meinen Händen umschließend, und im Drang der Gefühle drückte ich meine Lippen an ihr warmes Fell. Aber die Ziege schien von meinem ungenierten Benehmen nicht sonderlich erbaut zu sein, denn sie sprang entrüstet auf und schüttelte den Staub von ihren Ziegenbeinen, indem sie mich mit ausgebreiteten Armen und Füßen znrückließ, was aber mein Entzücken nur noch größer und mich laut und herzlich lachen machte. — Bon einem naheliegenden Bäumchen flogen einige Schwalben herab und begannen, auf der Erde hüpfend, irgend etwas zu picken. Eine Schwalbe schoß an mir vorbei, mit den Flügelchen die Erde berührend, und sich weit in die Lüfte erhebend, verschwand sie irgendwo im blauen Himmelsfirmament. . . Und der Himmel ist so blau, so klar . . Je mehr man ihn betrachtet, um so blauer und klarer erscheint er. Und die Sonne lacht so hell. .. Nur das ferne Rollen wird innner vernehmlicher. Das wird wohl irgendwo ans den: Markte sein, sage ich zu mir in Gedanken, indem ich mir überlege, woher das Geräusch herrühren könnte, man müßte hiulaufen lind Nachsehen, was es ist. Ich stand von der Erde auf und war eben im Begriff, auf den Marktplatz zu laufen, als plötzlich ans dem benachbarten Hause Wanjka auf mich zurannte. Dieser hübsche Junge ist mit mir in gleichen! Alter, hat weißes, kurzgeschorenes Haar, kleine lebhafte blaue Augen und eine kleine regelmäßige Nase. Ich stand mit ihm auf sehr freundlichem Fuße. Und obwohl er Wanjka und ich Moschka hieß, das heißt, obwohl er ein „Schejgez" und ich ein einfaches jüdisches „Jungel" war, mißbrauchte er trotzdem seine bevorzugte Stellung nicht, verfolgte mich niemals in feindseliger Absicht auf der Straße, warf nicht nach mir mit Steinen, hetzte auf inich nicht die Hunde, was mit solchem Vergnügen und Eifer die „Schojozim" an den armen Junglech gewöhnlich üben. Und iudern ich diese Huld Wanjkas gegen mich gebührend zu schätzen wußte, blieb ich durchaus nicht in seiner Schuld, sondern vergalt ihm seine Gunst mit der ergebensten, innigsten Liebe. Wir gaben uns beide immer unserm geliebten Pferdespiel hin, in dem die Rolle des Pferdes dem Wanjka znzufallen und ich die Funktionen des Kutschers zu übernehmen pflegte. „Weißt Du nicht, Wanjka, was dort für ein Geräusch istk" begann ich in meinem gebrochenen Russisch, indem ich mit der Hand unbestimmt in die Richtung zeigte, woher das immer wachsende Geräusch zu kommen schien. Wanjka legte den Zeigefinger an das Kinn und begann mit halbgeöffnetem Munde aufmerksain zu horchen. „Ich weiß es nicht, aber ich glaube, die Moskals) sind zu uns gekonunen," bemerkte er endlich tiefsinnig in seiner kleinrussischen Mundart. Diese wenigen Worte waren in hohem Grade dazu angetan, mich in eine außerordentliche Aufregung zu versetzen. Das Wort „Mvskal" zauberte im Nu vor meine Phantasie eine Reihe von bewegten und interessanten Bildern. Da trabt eine endlose Zahl von Pferden der verschiedensten Gattungen, graue, weiße, braune usw. vorbei. In kriegerischer Haltung sitzen aus ihnen die bewaffneten Soldaten und erschüttern die Luft mit ihren lustigen Liedern; hier tummeln die schneidigen Offiziere auf ihren gepflegten Pferden herum. Alles dies ist so anziehend und so großartig. „Die Moskals, die Moskals!" rief ich freudig, als ob ich sie schon vor Augen hätte, und machte meiner Freude in einigen kräftigen Purzelbäumen Luft. „Komm, Wanjka, schnell, wir wollen mal hinlaufen," fügte ich hinzu und faßte ihn am Aermel. „Man inuß tatsächlich Nachsehen, wa» dort vorgeht," verkündete Wanjka mit der Kaltblütigkeit eines echten Kleinrusse». Mit diesen Worten zog er aus seiner Tasche einen Strick, dessen Mitte er in den Mund nahm, während er mir die Enden desselben in die Hand gab, und nach dieser Prozedur drehte er sich zu mir mit dem Rücken um. Ich zog am Strick und Wanjka sprengte in sausendem Galopp die Straße herunter und beugte, um das Bild eines Vollblutpferdes vollständig zn machen, den Kopf etwas auf die Seite und gab schrille Laute von sich, die das Wiehern ersetzen sollten. Ich meinerseits faßte meine Rolle als Kutscher nicht minder ernst auf, und mit etwas zurückgebeugtem Kopf und schneidig hervorstehender Brust lenkte ich mein edles Roß und rief fortwährend: „Ej, vorsehen!" Dieser Ruf galt jedoch bloß den Schweinen, die seelenvergnügt in de» Schmutzlachen lagen, und den unschuldigen Schwalben, die so geschäftig auf der Erde herumhüpften. Der h Moskowiter, Soldaten.