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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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69 sollten Sie Ihren Weg bei der Heimkehr über Karlsruhe nehmen, würden Sie uns wahr und ausrichtig erfreuen, wenn Sie uns aufsuchten. Als treuer Freundin des geschiedenen Freundes bewahren Sie mir ein kleines Plätzchen in Ihrer Erinnerung — ich meine, es täte ihm wohl, daß seine Getreuen zueinander halten! Ihre aufrichtig ergebene Elisabeth zu Putlitz. Auerbach, der den größten Teil seiner Mannesjahre in Berlin verlebte und den es besonders in den Sommermonaten immer nach seinem heimatlichen Süden zog, wollte auch seine ewige Ruhestätte in seiner Heimat haben, und so ordnete er letztwillig an, daß er in Nordstetten, seinem Geburtsorte, neben seinen Eltern begraben sein wollte. Die an offener Gruft gesprochenen Worte des Aesthetikers Vischer-Stuttgart mögen den Schluß dieser dem Andenken des Dichters gewidmeten bescheidenen Skizze bilden. „Hier wolltest Du begraben sein, hier, in der Heimat bei dem stillen Dorf, wo Deine Wiege stand, wo Du als Kind geträumt, als Knabe gespielt hast. Du hast Dein Ende an Deinen Anfang geknüpft. Du hast wohlgetan. Denn hier in der traulichen Lage, fern von der lauten, bunten Welt, war ja die Heimat Deines besten Schaffens, in diesem Elemente floß die vollste Quelle Deines wohlverdienten Ruhmes. Hier, wo sich, nach der Natur, menschlich der Mensch noch erzieht, hier ist Dein Eigenstes. Hierin tut es Dir keiner gleich. So bist Du der Schöpfer der lebenswahren Idylle geworden. Du hattest Vorläufer, vereinzelt ist diese Form vor Dir dagewesen, aber Schöpfer heißt, wer eine Form reichlich entwickelt und als bleibende Gattung aufstellt im Saale der Dichtung. Bleibend — so werden auch Deine Charaktergestalten bleiben, sie sind ewig. Hoch, weit, ungehemmt von Schranken des Raumes und der Zeit, geht nun Dein Geist durch die Welt. In fernen Tagen wird er noch bei manchem, still in Deine Blätter vertieften Leser anklopfen, hier im Baterlande und weit hinaus über seine Marken, wird ihm leise die Schulter berühren und ihn grüßen, und er wird innig dankend den Gruß erwidern. Leb wohl, Toter! Sei gegrüßt Lebendiger!" Mein Großvater. Eine Episode aus den Iudenexzessen in Rußland. Von Z. Awrn nin. II. ehuliche Szenen kamen oft vor. Allein dieseraugenscheinliche Widerwille gegen Schmeichelei und Unterwürfigkeit verlieh ihm noch mehr Ansehen in den Augen seiner Bekannten und verschaffte ihm besonders große Achtung bei den Leuten, j denen er einmal eine Wohltat erwiesen hatte. Diese Achtung äußerte sich darin, daß viele von ihnen jeden Sonnabend zum Großvater kamen, damit er zu Hause einen Minjon machen könnte und nicht gezwungen wäre, seine alten Beine nach der Synagoge, die von uns weit entfernt war, zu bemühen. Zum Minjon kam der in unserem Städtchen allbekannte Melammed Reb Joffel, der Dicklippige — eine Bezeichnung, zu der ihn die Natur, die ihn mit ungeheuer dicken, blauen Lippen beschenkt hatte, vollkommen berechtigte. Vor einigen Jahren hatte ihm mein Großvater nach einem verheerenden Brande, der ihn mit seiner ganzen Familie buchstäblich ohne Hemd zurückgelassen hatte, 25 Rubel geborgt, die Reb Joffel noch jetzt in wöchentlichen Raten von fünf, hin und wieder von zehn Kopeken znrückzahlte. Diese Raten wurden von Großpapa in ein eigens dazu benutztes dickes Buch eingetragen, in dem auch alle anderen ausstehenden Schulden, die auf dieselbe Weise zurückgezahlt wurden, Aufnahme fanden. Zum Minjon schleppte sich auch mit seinem unvermeidlichen Husten der achtzigjährige Herschel, der Ehegatte der uns bereits bekannten Chaje-Ssore, heran. Sie war seine dritte Frau, und im Verein mit ihren beiden nunmehr selig entschlafenen Vorgängerinnen hatte sie ihm und der Menschheit fast ein volles Dutzend hoffnungsreicher Sprößlinge geschenkt. Fast sämtliche Mitglieder unseres Minjons waren dem Großvater Geld schuldig. Dem einen hatte der Großvater einmal 15 Rubel zum Einkauf einer Kuh geborgt, die nun schon seit mehreren Jahren dessen Sprößlinge mit Milch versorgte, dem andern half er sein Häuschen zu Ende bauen und dergleichen mehr. Alle diese Schulden wurden, wenn auch in den kleinsten Raten, doch immer bis auf den Pfennig bezahlt. In Gemeindeangelegenheiten pflegte Großpapa ebenfalls auf eigentümliche Weise Geldunterstützungen zu gewähren. Einmal fand man in einer Almosenbüchse, die an einem Beß-Hamidrasch unseres Städtchens angeschlagen war, einen Zehnrubelschein mit einem beigefügten Zettel, in dem der anonyme Spender den Wunsch äußerte, daß das Geld zum Graben eines Brunnens in der jüdischen Straße, den die Einwohner der Straße sehr nötig hatten, verwendet würde. Natürlich wirbelte die Sache viel Staub auf und wurde zum Gegenstand sehr eifriger Debatten. Die verschiedensten und seltsamsten Vermutungen über den hochherzigen Spender wurden ausgesprochen. Es wurden aufs Geratewohl die Namen verschiedener „Finanzbarone" unserer Gemeinde genannt, allein es war leider kein einziger darunter, der einer solchen Tat fähig wäre. Viele sprachen die Vermutung aus, daß es mein Großvater wäre; da sie aber keine triftigen Beweise für ihre Behauptung beibringen konnten, so blieb diese nur als wissenschaftliche Hypothese bestehen, bis sie von Reb Joffel dem Dicklippigen zur unumstößlichen Gewißheit erhoben wurde. Reb Joffel wies nämlich nach einer genauen graphologischen Untersuchung des Zettels nach, daß derselbe nur von meinem Großvater herrühren könne, mit dessen Schrift er sehr genau vertraut war, da Großpapa, der russisch nicht schreiben konnte, immer sich an Reb Joffel mit der Bitte, . oder richtiger dem Befehle wandte, für die Briefe, die er seinen Kindern schickte, die Adressen zu schreiben. Auf diese Weise hatte Reb Joffel die Möglichkeit, nicht bloß die klotzige, plumpe Schrift, in der diese Briefe geschrieben waren, sondern auch die zahllosen Schreibfehler, mit denen Großpapa trotz seines ungeheuren talmudischen Wissens seine Briefe schmückte und die auch der vorliegende Zettel in erschreckender Anzahl aufzuweisen hatte, kennen zu lernen. Einige Zeit! darauf fand man in derselben Büchse einen zweiten Zehnrubelschein mit einem beiliegenden Zettel von derselben Person, die das Geld für die Restaurierung der Gemeindemikwah bestimmte, die sich in jämmerlichem Zustande befand. Alles dies zusammen umgab den Großvater in den Augen seiner Mitbürger mit einer Art von Glorienschein und zwang sie, sein nervöses, meistenteils unberechtigtes Geschimpfe mit Ehrfurcht anzuhören. Dieser Umstand jedoch stimmte ihn, wie wir gesehen haben, nicht besonders freudig, und er wurde von Tag zu Tag mürrischer und zänkischer. Mir gegenüber tat er fremd und sprach nie mit inir, dagegen hörte er mich mit Vergnügen jeden Schabbes nach dem Mittagessen ab, wo an mich der lakonische Befehl zu ergehen pflegte, das während der J

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