Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Wir sehen, Auerbach hatte tust dem Leben abgeschlossen. Er wünschte nicht, daß sein Lebensfaden, den seine vielen Freunde noch gern verlängert gesehen hätten, sich weiterspinnen möchte. Auch Anerbachs größte Gegner können nicht leugnen, daß er einst, als er auf dem Höhepunkte geistigen Schaffens gestanden, von Fürsten und Volk verehrt und geliebt wurde. Hatte er diese allgemeine Wertschätzung seinen Dorfgeschichten und Romanen zu. verdanken, so hätte Auerbach wohl selbst nicht geglaubt, daß diese einst so viel gelesenen Schriften ihn doch nicht vor Vergessenheit zu schützen vermochten. Einem unscheinbaren Unternehmen war es Vorbehalten, Auerbachs Namen auf die Nachwelt zu verpflanzen. Er gab seinen Volkskalender heraus und suchte dadurch das Volk zu belehren und auf ein höheres geistiges Niveau zu bringen. Die meisterhaften Erzählungen finden sich in jedem Volksschullesebuche, und wer es verstanden hat, für die Kleinen zu schreiben, dessen Werke tragen den Stempel des Unvergänglichen, des Ewigen an sich; so wird Auerbach unvergessen bleiben, so sehr sich auch gewisse Kreise bemühten und noch bemühen, ihm den Sitz im Parnas streitig zu machen. Was hatten und haben eigentlich seine Gegner an ihin auszusetzen? Sehen wir von seiner jüdischen Abstammung ab, die gewissen Personen von vornherein schon als Defekt erscheint, so finden sie an seinem Lebensbilde gewisse Schatten. Aber finden sich diese nur bei Auerbach? Wir werden sie bei allen Menschen, ob Dichter oder Künstler, finden, und eS wird für die objektive Beurteilung dieser Schwächen nur darauf ankommen, wie man diese psychologisch zu erforschen und zu erklären vermag. Für Auerbachs Schwächen geben die eigenen Worte des großen Völkerpsychologen Lazarus, die sich in dem vor kurzem erschienenen Werke „Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen" finden, eine vollkommene Erklärung. Lazarus schreibt: „Auerbach, der sich anfänglich theologischen, dann philosophischen Studien gewidmet, auch bereits politische Abenteuer erlebt hatte (Hohenasperg!), mit seinem Spinoza die Aufmerksamkeit eines David Strauß erregte, der diesen freilich philosophisch weniger, als vielmehr kulturhistorisch bedentsamen Roman einer ausführlichen Besprechung würdigte, war trotz aller Vielseitigkeit seines bisherigen Studien- und Lebensganges in vielen Fragen wie ein Kind geblieben." Also Auerbach erschien den Psychologen auch im Alter wie ein Kind, das in seiner Unschuld manches unbeachtete Wort spricht, manche unüberlegte Tat vollzieht und dessen Tun man sicher nicht den Stempel der Böswilligkeit aufdrücken kann. Und so darf und muß es ausgesprochen werden: Was man auch Auerbach zur Last legte, alle seine Handlungen waren nur von dem einen Gedanken beseelt, Menschenwohl zu fördern und seinem Vaterlande, für das er schon in der Jugend gekämpft und gelitten, zu dienen. Am schönsten nnd deutlichsten sagt dies der Dichter selbst in den Worten Waldfrieds: „Mein Herz war so voll, daß ich diesen Tag erleben sollte, und inmitten des hochgespannten freudigen Lebens kam es über mich, daß ich mir Rechenschaft gab über mein Leben. Wenn ich jetzt, wenn ich heute sterben muß, ich habe mit bester Kraft der Wahrheit gedient, habe mit Willen niemand beleidigt und habe die Menschheit und mein Vaterland geliebt von ganzer Seele. Ich war oft schwach, aber ich habe durch meine Schwäche niemand wehe getan als mir selber." Was Auerbach am Abend seines Lebens bekannte, es wurde von vielen seiner Verehrer als richtig und wahr empfunden. Und wenn es wahr ist, daß die Liebe und Verehrung, die man bedeutenden Menschen bei ihrem Hinscheiden zollt, den besten Gradmesser für ihre Bedeutung im Leben darstellt, dann empfiehlt es sich auch bei Auerbach, sich in di? Zeit vor 25 Jahren zu versenken, als die Todesnachricht tooa Cannes aus sich rasch verbreitete. Was die Gegenwart vergessen, hat die Vergangenheit in unauslöschlicher Treue bewahrt. Alle bedeutenden Blätter und Zeitschriften wiesen in ihren Nekrologen auf die Bedeutung Arierbachs in de deutschen Literatur hin; in Berlin hielt ihm Friedrich Spiel Hagen iu der Singakademie die Gedächtnisrede. Bei der Beerdigung eines Freundes in Berlin sagte einst Auerbach beiri Verlassen des Totengemaches zu seinem Freunde Lazarus: „Du mußt mir auch einmal die Grabrede halten." Peinlic, berührt versetzte Lazarus: „Mit solchen Dingen scherzt ma > nicht!" Aber Auerbach rief dringend: „Ich scherze nid) , es ist mir heiliger Ernst!" So geschah es.. Währen > der Dichter in Cannes die Augen schloß, hielt sich Lazaru in Nizza in seiner Nähe auf und konnte so seinen letzten Wunsch erfüllen. Wer hätte auch das Bild des Dichters treue und wahrer zeichnen können als Lazarus, der ihm ein Väter licher Freund gewesen, ein aufrichtiger Berater in seine:, oft verwickelten Lebensverhältnissen. Lazarus empfand es al eine Pflicht, die Trostesworte, die er an die kleine, treu Trauergemeinde gerichtet hatte, auch manchen abwesende: Freunde des Dichters in die Heimat zu senden, und wenn wi den Brief der Gattin des Dichters und Intendanten Putlii: ausKarlsruhe,veröffentlicht in den schon erwähnten „Lazarus scheu Lebenserinnerungen" hier mitteilen, so geschieht es deshalb weil sich in ihm so recht die Liebe widerspiegelt, die ihn mi dem deutschen Volke verband, aber auch die Trauer, die sei» Tod fast überall hervorgerufen hatte. Frau Putlitz schreibt a» Lazarus: Karlsruhe, 3. März 1882. Verehrter Herr! Da Sie sich meiner so liebenswürdig erinnern, gibt mir meii Mann den Auftrag, Ihnen gleich für Ihre Sendung zu danken, sicl vorbehalteud, Ihnen selbst zu schreiben, wenn er beim Großherzo. war, der stets mit größter Teilnahme von dem lieben dahingefchie denen Freunde hört. Mein Mann liest jetzt einmal in der Wochdem Grobherzog vor, da er noch seiner Augen wegen von jede, Selbsttätigkeit fern bleiben muß, und wird in nächster Woche Ihr- Rede mitnehmen, die uns so recht aus dem Herzen gesprochen ist! Ueber Auerbachs Bedeutung als Schriftsteller ist ja längst da! Wort gesprochen und ebenso über seine Bedeutung als Deutscher Was er aber jedem einzelnen feiner Freunde war, das wird sich nocl mehr und mehr in dem schmerzlichen Vermissen kundtun! — Abe? gerade darin lag auch gewissermassen der wunderbare Zauber seine: Werke, weil sie alle in dem großen und weiten Herzen ihren Ouel, hatten. Ich fragte ihn mal, als er vor zwei Jahren täglich unse> lieber Gast war: „Wie machen Sie es nur, daß Sie so viele Ver bindungen nicht gelegentlich mal durcheinander mischen?" Dc lächelte er und sagte: „Ich habe für jeden ein apartes Kämmerchei in: Herzen, und das Herz vergißt eben nicht." — Das konnte icl später empfinden, als er mal extra im Winter herkam, um uns zi besuchen, weil er wußte, daß wir in großer Sorge um meiner jüngsten Sohn waren, der in einer Duellaffäre verwundet war Auerbach ruhte nicht eher, als bis der Arzt erlaubte, daß er micl ins Lazarett begleitete, damit er Joachim, den er sehr liebte, n seiner frischen, fröhliche» Weise selbst aussprechen könnte, daß er sicl freute über sein braves Benehmen. Wenn ich nicht schon vorheseine treue Verehrerin gewesen wäre, hätte mich diese Treue un löslich an ihn gesesselt. Ich schreibe Ihnen dies kleine Detail, web ich weiß, daß man im Moment des Entbehrens und Vermissens gern von den geliebten Dahingeschiedenen hört, und daß ich es Ihnen nur gestehe, ich habe die Feder schon einmal in der Hand gehabt, un: Ihnen nach dem Tode Auerbachs zu schreiben, und war dann doch zu schüchtern, in der Idee, daß Sie kaum noch von mir wußten! Sc danke ich Ihnen noch ganz besonders für Ihren Gruß nnd wünsch« Ihrer lieben Frau die beste Genesung.