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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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67 tiüUimiuufjti', benen es doch vor allein daran liegen muß, das schwere jüdische Problem zu lösen, in den einstigen blühenden Zustand und zn Heimstätten für Millionen umgewandelt werden. Aber es geschieht nichts. Genius der Menschheit! Erbarme Dich endlich des schwer geprüften Judentums, das angesichts der ganzen gesitteten Welt der Gnade und Ungnade des wilden Moskowitertums oreisgegeben ist! Zerstreue den dichten Nebel, der uns die Sonne echter Gesittung schon so lange verhüllt, daß ihr belebender Strahl die Nenschheit durchdringe, auf das; sie iviedcr genese und nicht n die alte Barbarei zurückfalle! ... SrrthoM ßluerbsch. (Zu seinem sü nfun dzwanzi gj ährigen Todestage.) Bon S. Rothschild-Worms a. Rh. ur 8. Februar werden es 25 Jahre, daß ment den Schöpfer der Schwarzwälder Dorfgeschichten in die Erde gesenkt hatte. Wenige Monate vorher hatte er, körperlich und geistig irisch, noch in Niedernau im Neckartale an seiner Autobiographie gearbeitet, als ihn eine Lungenentzündung schwer aufs Krankenlager warf und die Aerzte seine Uebersiedlung nach Cannes gebieterisch forderten. In Berlin hatte man in Schriftstellerreisen schon große Vorbereitungen zu seinem bevorstehenden , 0. Geburtstage getroffen. Keiner seiner vielen intimen Freunde vollte daran glauben, daß er, der stälnnlig Geballte und ounderbar Elastische, die Grenze des biblischen Alters nicht überschreiten sollte. Man hoffte zuversichtlich, daß der Aufenthalt im Süden die so sehr ersehnte Wiederherstellung seiner Gesundheit bringen werde. Doch der Kranke selbst, er fühlte ich in Cannes körperlich und seelisch gebrochener denn je, wie r dies in vielen Zuschriften an seine Freunde zlnil Ausdruck zebracht hatte. Er hatte schon lange den Keinl einer Krankgeil in sich allfgenommen, der immer tiefer in das Seeleneben des Dichters drang und dort eine Wucherung hervorwachte, die seinen Geisteszustand schwer belastete urld auch fein örperliches Befinden sehr ungünstig beeinflußte. Ich meine )ie antisemitische Bewegung. Ein entsetzlich elegischer Ton mrchzittert seit jener Zeit die Briefe all seine zahlreichen vrellnde,' mld denjenigen, die besonders intim mit ihm verehrten, war es nicht entgangen, daß diese trallrige Beweglmg j -hm das Herz gebrochen. Am deutlichsten spiegelt sich diese düstere Stimmung des Dichters in einem Briefe wieder, den r an Friedrich Spielhagen am 12. Januar 1882, also oenige Wochell vor seinem Tode, geschrieben und beit ich mit Genehmigung Spielhagens hier mitteile: Cannes, den 12. Januar 1882. Vor allem, lieber Spielhagen, eine Geschichte, zunächst nicht von uir. sondern von meinem Freunde David Strauß. Ich war kurze Zeit vor seinem Tode zum letztenmal bei ihm in?ndwigsburg. Er wohnte nicht lveit vom Bahnhof in einem der leiten Häuser, drei Treppen hoch und hatte eine alte Frau zu seiner Bedienung. Er lag in eine»»» wohl aufgeräumten, mit schönen Kupserlichen geschmückten Zimmer auf dem Sofa und rezitierte mir einige der tzedichte, die er damals verfaßte, indem er sagte: Abgesehen von Ulem andern, tue ihn» dieses Aufbauen geschlossener Formen und der Äohlklang an sich gut. Sonst sei er eben müde, arg müde, und es ei genug. Ich verstehe alles erst jetzt recht. Der Zuruf: Nicht müde werden! am» von einem Gesunden an Gesunde ergehen. Anders ist es aber, venn die körperlichen Kräfte versage»» und lvenn dazu das Gefühl ommt, daß man eineu Zeitsiimmung gegenübersteht, die mall »licht mehr zu bewältigen vermag. Da legt mau gern Wehr und Waffen ab und sich selber zur Ruh. Diese Empfindung in Ursache und Wirkung teile ich jetzt. Ich verließ damals Strauß auf eine Stunde, er mußte still ausrilhen. Ich kaufte Blumen und kam wieder. Er freute sich sehr mit den Blumen und besonders auch mit den Reseden. Es schien, daß er selten in dieser Art erfreut wurde. Ich hatte mir auch vorgesetzt, eine Aussöhnung von Strauß urld Bischer zustande zu bringen, denn Strauß las die Briefe Vischers nicht mehr, da dieser sich nicht ganz zu ihm, d. h. zu seiner Schrift: „Der alte und der lleue Glaube", gestellt hatte. Von mir selber, das wußte Strauß, konnte er das nickt erwarten, da ich schon lange erklärt hatte, »vre ich mich nicht für berechtigt halte, ein Wort in die internen Angelegenheiten des Christentums hiueinzureden. Da jetzt Strauß über Bischer sehr heftig wurde (leider werden »vir ja in Krankheit leicht übermäßig heftig), brach ich von dieser Sache ab und sprach (»vie ich glaube auf Veranlassllng des Sohlles Dr. med.) voll der Operation, die Professor Sinron in Heidelberg mit Strauß vornehmen wollte. Und ja — das ist es eigentlich, »varnln ich Ihnen, lieber Spielhngen, diese ganze Geschichte erzähle. Stralls; sagte, er »verde sich der Operation nicht entziehell, aber es wäre ihm nicht recht und wohl auch nicht gut, wenn er wieder ins Leben zurück müßte; er habe sich ganz fertig gemacht und dabei sollte es nun bleiben. Wie gesagt, lieber Spielhagen. das ist auch mein Fall, und es ist freilich bei mir anders geworden. Ich soll und muß lvieder leben, und ich war doch auch so ganz fertig gewesen, imb wer weiß, ob ich die" schöne Rllhe für das Aeußerste je wieder so gewinne, und wer »veiß, was ich überhaupt noch zu hm oder auch zu empfangen habe. Welch ein Wiederallfwachell »var und ist das. Ich lag »vochenlang, ohne von der Welt zu »vissen und ohne Wllnsch, davon 311 wissen. Ich dämmerte so hin und schwamm meistens in Mozartsche»l Melodien, die sich ulir von selber aufspielten. Ich konnte endlich »vieder eine Zeitung lesen. Was für eine Welt »var wieder da! Ein Wahlkampf ohnegleichen, in der die Reaktion die schamlose Roheit und Blutvergiftung ganz frei und offen betrieb, sekundiert von Iudenhetzen und Studentenkorruption. Der ganze ideale Bestand des deutschen Lebens immer frecher in Frage gestellt und speziell aus unserem Arbeitsfelde — der H. ist da! Warum ist denn Spindler vergessen, der viel derber und massiger Zugriff. (Beiläufig gesagt, in unsere Pension, »vo wir 12 Deutsche sind, wurden drei Exemplare eines H. zu Weihnachten geschickt.) Was sollen »vir noch da, die »vir die Ku»»st und die höhere Lebensauffassung erstreben? Es ist eine schwere Aufgabe, ein Deutscher unb ein deutscher Schriftsteller zu sein, und nun »»och gar dazu ein Jude. Ca»»»» es, den 1b. Januar. Ich habe, »vie Sie sehen, der» Brief liegen lassen. Schreiben greift mich doch noch arg an und nun gar das Hiueindenken in das Zeitelend. Ich bin stark genug für einen Brief an einem Tage, dann aber bin ich mit »»»einer Kraft zu Rande. Ich bin noch krank und bekämpfe die seelische Zerrissenheit, die sich für »nein Alter nicht schickt und nur eine jugendliche Entwicklungskrankheit sein dürfte. Ich möchte arbeiten und mich selber damit los »verden, aber »vie körperlich, so habe ich auch geistig keinen festen Griff mehr. Nun aber genug geklagt. Ich hoffe doch manchmal »nieder itnb halten Sie das ancf) fest im Denken an mich und lassen Sie sich nicht zu sehr betrüben. Ich habe in einem Zuge die Odyssee gelesen und das hat »uir »vohlgetan und hob »»»ich über alle Gegenwart hinanv. Ueber die Verzögerung Ihres Schreibens kein Wort. Ich »veiß, daß Sie »uir treu zuleben und ich habe selber zu oft um Indemnität für Versäumtes nachzusuchen, daß ich das gerne auch ge»vähre. O »vie recht haben Sie und »vie ist das ganz auch »»»ein Sehnen, die Stelle zu finden, in der man wieder das Innerste seines Wesens saßt, das von Geräusch und Kampf und Drang des Lebens so übertönt ist. Ich hoffe, nur» dazu zu kommen, und hoffe es rnanchmal noch. Ich habe meine Jugendgeschichte begonnen, bin aber jetzt aus dein Tone heraus. Die paradiesische Gegend hier empfinde ich wie durch einen Nebel. Ich hatte geglaubt, in der Einsarnkeit volles Genügen zu finden, aber ich bin doch ein Menschenmensch, der einer erwecktichen Ansprache bedarf. Ihr Bert hold Anerback.

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