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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 'erschweren diese Tatsache entlveder vollständig oder suchen es so mrzustellen, als ob der Rat Zur Auflösung der jüdischen Schulen mindestens versteckt erteilt sei. Das ist absolut falsch; die Auffassung?es Verbandes soll lediglich für den Fall mitgeteilt werden, daß die Auflösung der Schule, sei es mit, sei es ohne den Willen der beteiligten, zur Tatsache wird. In diesem Falle ist es ganz selbll- 'erständlich, daß eine Paritätische (jüdisch-christliche) Volksschule noch unner besser ist als eine rein christliche, in welche bei Auflösung der üdischen Schule die dort unterrichteten Kinder ein geschult werden müßten. Es erscheint auch für den Lehrer die Stellung an einer üdisch-christlichen Volksschule uoch immer günstiger als die völlige Stellungslosigkeit. Die Leitsätze geben, mit diesen Erläuterungen gelesen, nur Richtnngsmerkmäle, über welche kaum zu streiten ist, md welche in der Vollversammlung des Ausschusses vom 30. De- .ember 1906 Zu keinerlei Nleinungsverschiedenheiten führten. Der Verband der Deutschen Juden hat seine Leitsätze aufstellen nässen für die Gesamtheit der durch das neue Gesetz betroffenen rreise der Glaubensgenossen. Daß in Fuld a oder Frankfurt a..M. >ie Verhältnisse anders liegen mögen als in den Orten, ans welchen Ratschläge erbeten wurden, soll in keiner Weise verkannt werden. Der Verband, dem es als besonderes Verbrechen angerechnet lvird, wß er in Berlin seinen Sitz hat, kann aber seine nach vielen Orten -estimmten Antworten nicht nach den Verhältnissen von Fulda und Frankfurt a. M. allein. zuschneiden. Wenn es ferner gerügt lvird, daß man die ministeriellen Ausührungsanordnungen nicht erst abgewartet habe, so liegt wohl für inen praktischen Arbeiter die Annahme nicht fern, daß die Meinungslußernng Per berufenen Zentralstelle der Deutschen Juden in einer ür die jüdischen Schuleil so wichtigen Frage vor der Entscheidung neht wohl überhört werden darf, daß aber dem Schweigenden nach >rlaß der Verordnungen mit Recht entgegen gehalten werden würde, r käme mit seinen Wünschen zu spät und Hütte sich rechtzeitig melden ollen. Endlich lvird in den verschiedenen Preßangriffen vor der jüdisch-!)ristliehen Volksschule gewarnt, weil eine solche weder den jüdischen mindern, noch bcn jüdischen Lehrern die Möglichkeit einer gesetzestreuen 5abbatbeobachtung gewährleiste. Der Verband hat sich streng unarteiisch jeder Stellungnahme in dieser Frage enthalten. Sache der rthodoxen Kreise lvird es sein, wenn sie eine Beobachtung der Sabbatnhe in jüdisch-christlichen Volksschulen erreichen lvotlen, wie es in llßerpreußischen deutschen Ländern sich als durchführbar erwiesen at, ihre Wünsche mit dem gehörigen Nachdruck an berufener Stelle u vertreten. Der Verband ist darüber erhaben, mit den Vertretern einer einen, ihm gehässig gegenüberstehenden Partei darüber zil streiten, b das Wenige, was bei der Schulgesetzaebung iul vorigen Jahr eracht lvorden ist, dein Verbände oder anderen Einflüssen zu danken n. Die am Eingang ausgeführten Zahlen Zeigen aber, daß drei Viertel > ller jüdischen Volksschulkinder in nicht jüdischen Volksschulen unterichtet werden. Für die Interessen dieser drei Viertel haben unsere egner keine Hand gerührt; wenn also für diese große Mehrzahl der inder gewisse Möglichkeiten geschaffen worden sind, um mindestens 1 iteii geordneten Religionsunterricht in die Wege 311 leiten, so kann > ie dem Verband feindliche Minderheit sich an diesem Ergebnisse ganz > ewiß nicht den leisesten Verdienst zuschreiben. Selbst wer die konfessionelle chule überhaupt und die konfessionell-jüdische Schule im besonderen n* die beste Volksbildnngsstätte ansieht — der Verband als solcher i hnt eine Stellungnahme 311 der Frage ab — wird zugeben müssen, l aß sie nur für wenige Orte erreichbar und daß sie an vielen Orten, ■ 0 sie noch besteht, wegen Mangel an Schülern auf der: Aussterbe- ' at gesetzt ist. Das Recht, hier die Uebergangsschwierigkeiten Zu 1 üldern, wird sich der Verband durch keine noch so gehässige und 1 igherzige Kritik nehmen lassen, selbst auf die Gefahr Hill, des Verrats ml der jüdischen Volksschule beschuldigt zu werden, wie es in der Hitze l es Gefechts geschehen sein soll. Eine solche Kampfesweise kann deln, t?r sie anwendet, leicht die wenigen Sympathien kosten, die er in ragen Kreisen hier oder dort etwa noch findet. Ein hübsches Satyrspiel wird gegenwärtig iu Ungarn aufgeführt. Dort hat der Justizminister Polonhi, dem mail bei seinem Amtsantritt, nachsagte, daß er eigentlich Pollak vor länger Zeit geheißen, der aber nichtsdestoweniger mit der antisemitischen Unabhängigkeitspartei bedenklich kokettierte, jetzt wegen seiner früheren Advokaten-Praxis die schärfsten Angriffe zu bestehen, die ihn schließlich gezwungell haben, sein Amt niederzulegen. Nun heißt es natürlich:' die Juden haben ihll 31t Fall gebracht. Eine getaufte Jüdin, eine Baronin Schönberger, deren Einfluß aur Wiener Hofe ziemlich groß sein soll, und der demokratische Abgeordnete Dr. Baszony sind allerdings die Urheber der Kampagne gegen den merkwürdigen Justizminister, das Strafgericht über ihn haben aber die leitenden Kreise des Landes gefüllt und nicht die Juden — wie die „Kreuzzeitnng" den deutsch-feindlichen Organen der Unabhängigkeitspartei törichterweise nachschreibt. Die Scheidung der Geister, die ihr sehr wenig unterrichteter ungarischer Berichterstatter von der Spaltung der „magyarisch-nationalen und jüdischdemokratischen Elemente" innerhalb der Unabhüngigkeitspartei erwartet, existierte auch nur iu seinem Gehirn. Der Rücktritt des vortrefflichen Herrn Polonyi wird jedenfalls keine Beranlasillng zu einer solchen Scheidung geben. ft Ueber das Possenspiel des russischen Parlamentarisllms, das anläßlich der inrmer näher rückenden Dumawahlen anfgeführt wird, schreibt man uns von sachkundiger Seite: Difficile est satvram non scribere! müssen wir mit Horaz ausrusen. wenn wir das lächerliche Schauspiel des werdenden russischen Parlaments da mit ansehen. Wie konnte auch nur erwartet werden, daß der unbeugsame Zarismus die Sache der Volkssreiheit, zu der er gewaltsam hingedrängt lvorden, ernst nehme/ Hat er uns ja schon vor 30 Jahren das lächerlichste Schallspiel der Weltgeschichte geboten, indem er Bulgarien befreite itnb mit einer Konstitution beglückte, lvährend seine eigenell Völker unter beit Streichen der Knute verbluteten. Und jetzt lvitt er dem Volke die Freiheit reichen, ohne sich selbst frei genlacht zu haben voll seiner antokratischen Allgelvalt. ail der ja noch kein Tüpfelchen gerührt lvorden ist. Wo sind die primitivsten Vorbedingungen für konstitutionelle Zustände vorhanden/ Die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, die Aufhebung aller Ausnahmegesetze, die Abschaffung der Grenzsperren, des Paßzwanges, der Zensur llsw. hätten ja zunächst vorangehen müssen. Und dies alles soll erst denr Parlament überlassen lverden! Wie lächerlich! Und wie, wenn dieses sich nicht dafür entscheidet oder aber die Absetzung der Romanoffs dekretiert/! Was dann/ Tie Wahlen für die im Februar zu eröffnende Dlllila gehen unter dein eisernen Zwang des „verstärkten Schutzes", der llichts weiter als der Belagerungszustand in verblümter Form bedeutet, vor sich. Sie erinnern genau all das französische Plebiszit der napoleonischen Aera, nur daß sich hier abderitischer Aberwitz mit moskowbischer Tücke wunderbar verquickt. Ter Senat hat entschieden, daß der Besitz eiiles eigenen Kochherdes wahlberechtigt lllache. Was tut nun die liebe Gonvernelnents- und Lokalbehörde / Sie untersucht, ob der Ofen oder der Feuerherd russischen Ursprungs ist oder nicht. In diesenl letzteren Fall gilt nun die Wahlberechtigung nicht, lvie tu Witebsk und anderen Ortell geschehen, wo den Juden alls dieser Ursache das Recht zur Wahlbeteiligung entzogen worden. Jll anderen Orten, in Smolensk, Jelisawetgrad, in der Krim usw., sind viele Hunderte von Juden willkürlich aus der Wahlliste gestrichen lvorden. Protestieren sie dagegen, so wird solches als Rebellion bezeichnet und das Dalnoklesschlvert des verstärkten Schutzes kann leicht auf ihr Haupt fallen. Der Verband des russischen Volkes, diese neue Schutzgarde des Zarisnrus, sorgt schon dafür, daß das Ghetto möglichst von den Wahlen fern bleibe, um das liberale Kontingent nicht zu vermehren und keine Vertreter zur Wahrnehmung seiner Interessen entsenden zu können.

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