Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 5 (sequence 17)
- Language
- German
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5 zur eidlichen Bekräftigung des „jüdischen Ritualmordes" sich angebotem führte Kopp die Vertretung des wegen Ehrenbeleidigung angetlagten Redakteurs Dr. Josef Bloch in glänzender Weise durch. Und ebenso trat er für das Judentum in die Schranken, als Pfarrer Deckert 1893 mit dem berüchtigten Paulus Meyer auftauchte, der eine Ritualmordlüge aus Russisch-Polen aufgebracht hatte. Kopps Buch „Zur Judenfrage" ist ein Denkmal seiner eigenen umfassenden Tätigkeit im Dienste der Gerechtigkeit und Klarheit. Ehre seinem Andenken! * Schweiz. M.R. St. Galle»», 21. Januar. In seiner Sitzung vom 18. d. M. hat der Regierungsrat des Kantons St. Gallen unter vielen anderen den einzigen jüdischen Bewerber, Herrn Dr. jur. Markus Wyler, z»m BezUksschreiber g ewühlt. Dieses Amt entspricht, in deutsche Verhältnisse übersetzt, demjenigen des Untersuchungsrichters. Die Wahl ist in erster Linie höchst ehrenvoll sür den Erwählten, der noch in sehr jugendlichem Alter steht. Auf der andern Seite aber legt sie ehrendes Zeugnis ab für die Regierung, die bei Besetzung der Aemter nicht nach der Konfession, sondern nach den Fähigkeiten des zn Erwählenden fragt. Vmi Sah und Lern. --- Am Geburtstage des Kaisers haben Direktor Bal lin den Stern "zum Roten Adlerorden II. Klasse mit der Königlichen Krone, Dr. Richard Mühsam die Rote Kreuzmedaille III. Klasse erhalten.— Zu Professoren wurden die Oberlehrer Tr. Philipp Aronstein (Myslowitz), Heinrich Oppler (Berlin, Kgl. Friedrich-Wilhelmgymnasium), Dr. Moritz Goldschmidt (Kattowitz, Oberrealschule) ernannt. Unter den 74 jüdischen Oberlehrern an nichtjüdischen Anstalten in Preußen sind nunmehr 38 Professoren, unter den 92 jüdischen Oberlehrern in Preußen sind 49 Prosessoren. — Am 24. d. M. ist hier der Rechtsanwalt Dr. Curt Redlich im 29. Lebensjahr nach kurzem schweren Leiden gestorben. — Geheimer Kommerzienrat Gumpert in Brandenburg a. H., Ehrenbürger der Stadt, feierte am 25. d. M. das Fest der goldenen Hochzeit mit seiner Gattin Anna, geb. Cahn. Der Kaiser verlieh die Ehejubiläumsmedaitte. Stadt und jüdische Gemeinde, deren. Repräsentantenvorsteher Gumpert durch 50 Jahre war. ehrten ihn durch Geschenke und Deputationen. — In Thorn feierten am 22. d. M. der Rentier David Friedländer und dessen Gattin die goldene Hochzeit. Das allgemein geschätzte Jubelpaar erhielt zahlreiche Glückwünsche aus weiten Kreisen; die Einsegnung fand in der Synagoge durch Dr. Rosenberg statt. Abends erschien eine Deputation des Gemeindevorstands zur Gratulation. — Aus Breslau wird berichtet: Pastor Dr. Menzel von der Barbarakirche hielt mit dem verstorbenen Hauptlehrer Alexander lange Jahre durch Freundschaft. Am Montag vor der Beerdigung erschien er im Ornat im Trauerhause und überreichte der Tochter des Verstorbenen ein Kästchen mit Erde vom Tempel zu Jerusalem. Er hatte die Erde gelegentlich seiner Palästinareise vom heiligen Lande mitgebracht und sie für sein eigenes Grab bestimmt. Nun wollte er dieselbe mit seinem unvergeßlichen Freunde teilen. Mit Tränen der Rührung bat er darum, sie dem Freunde ins Grab zu legen. — Die Herren S alom. Meyersberg-Göttingen und Bankier G. Sichel-Kassel haben den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Die jüngst verstorbene Frau Charlotte Speyer, geb. Stern, in Frankfurt a. M. hinterließ dem „Mädchenstift" in der Rückertstraße 80 000 Mark, dem „Israelitischen Frauenverein" in der Theobaldstraße 40 000 Mark und einer größeren Anzahl weiterer jüdischer Vereine kleinere und größere Beträge. — Dem bekannten M ünchener Kunstantiquar Jacques Rosenthal wurde der preußische Kronenorden IV. Klasse verliehen. — In Fürth ist am 25. d. M. der allgemein bekannte Kommerzienrat Justus Ullmann nach langem Leiden gestorben. — Am 25. d. M. ist in Freiburg i. B. der Generalarzt a. D. Dr. Simon Kuzriitzky im 76. Lebensjahre gestorben. — Herr A. Ney mark, Mitglied des israelitischen Konsistoriums von ist zum Kommandeur des Ordens der Ehrenlegion ernannt worden. — In Paris ist der bekannte Dramatiker William Busnach, der ans einer altangesehenen jüdischen Familie in Algier stammte und ein Neffe des Komponisten Hülevy war, gestorben. — Einer der angesehensten französischen Aerzte war der in Paris im 68. Lebensjahre verstorbene Tr. Emile Javal. Derselbe war auch wiederholt Deputierter. In den letzten Lebensjahren war er völlig erblindet. — In Leiden ist der bekannte Professor der hebräischen Literatur und der jüdischen Altertümer Dr. H. Orth gestorben. Seine Spezialität war die Er. forschung des Judentums in den letzten vier Jahren vor der Zerstörung des Tempels. Großes Aufsehen erregte im Jahre 1880 ein zwischen ihm und dem Oberrabbiner Tal in Amsterdam geführter wissenschaftlicher Streit über eine schwierige Stelle im Talmud; eine Frucht dieses Streites war die 1881 erschienene Schrift „Evangelium und Talmud vom Standpunkt der Sittlichkeit verglichen". 1883 hielt er auf dem sechsten Orientalistenkongreß einen äußerst interessanten Vortrag über den „Ursprung der Blutbeschnldigung gegen die Juden". — Es ist gestattet worden, zeitweilig in Moskau jüdischen Kaufleuten Gewerbescheine sür das Jahr 1907 ohne den polizeilichen Nachweis der Berechtigung zum Aufenthalt und zum Betreiben eines Handels auszuhändigen. Die Anordnung bleibt in Kraft, bis die Entscheidung über diese Frage im Senat gefällt wird. — Die Maßnahmen gegen dieJuden werden in Rußland wieder verschärft. Ihr Prozentsatz in der Rechtsanwaltschaft wird herabgesetzt. Aus Moskau wurden wieder Juden ausgewiesen. — In Petersburg hat sich eine Gruppe der „Gesellschaft zur Erringung der Gleichberechtigung für die Juden" zusammengeschlossen, in der Absicht, alle nichtzionistischen Elemente dieser Gesellschaft zu einigen. Die Gruppe tritt sür die staatsbürgerlichen Rechte der russischen Juden ein, erklärt sich für russisch-national und bekämpft die Propaganda der Zionisten. Von ehemaligen Dumaabgeordneten gehören der Gruppe die Herren Winaver, Schestel und Ostrogorski an. — Der Kronrabbiner in Odessa, Krebs, ist nach Petersburg berufen worden, wo er dem Ministerium des Innern als Resereut für jüdische Kultusangelegenheiten zugeteilt werden wird. Insbesondere wird es seine Aufgabe sein, die Vorlagen betreffs der Judensrage, welche der nächsten Reichsduma vorgelegt werden sollen, zu begutachten. Die russischen Juden werden von dieser Berufung gar nicht entzückt sein. Man erinnert sich des Wirkens dieses Mannes aus der Zeit der Pogrome, wo er Unterschristen für eine Loyalitätsadresse an die Negierung und die Lokalbehörden sammelte. — Als Kandidaten für die Duma werden genannt: in Wilna Rechtsanwalt Ginse überg- Petersburg; in Cherson Dr. Temkin und Schwarzman; im Gouvernement Podol kandidieren Rechtsanwalt Sliosberg, Dr. Lander tZionist) und Silberfarb; in Bessarabieu Baron Gins bürg und Rechtsanwalt Schapiro; im Gouvernement Wolhynien Rainer und Zionist Schabotinski; im Gouvernement Kiew die Zionisten Motzkin und Margolin, ferner Dr. Mandelberg; in Tschernigow der Zionist Dr. A. Bruck; im Minsker Gouvernement Gertschyk, Gurewitsch und der Zionist Dr. Bruzkns; im Gouvernement Mohilew der Zionist Dr. Lurie; in Bialystok N. Sokolow und Rechtsanwalt Ostrogorski. — Der bekannte jüdische Schriftsteller Sch. I. Abramowitsch Menäele Mocher Sforim) feierte seinen 70. Geburtstag unter lebhafter Teilnahme weiter Kreise aus aller Herren Länder. — Zum amerikanischen Bundes-Senator wurde an Stelle von Thomas M. Patterson der in Colorado ansässige Finanzmann Simon Guggenheim gewählt. Dieser, aus einer süddeutschen Familie stammende Multimillionär ist ein dominierender Faktor auf dem Kupfer- und Silbermarkt. Guggenheim will jedoch bei seinem Eintritt in den Senat seine finanzielle Laufbahn aufgeben und erklärte, seine Verbindung mit den etwa zwanzig Gesellschaften, deren Präsident oder Aufsichtsrat er ist, lösen zu wollen. So handeln jüdische Politiker — im Gegensatz zu agrarischen! — Die jüdische Gemeinde in Tunis ist im Begriff, ein Krankenhaus zu erbauen. Tie tunesische Regierung hat ihr bereits eine jährliche Subvention von 12 000 Franken zugesagt.