Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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n. Breslau, 27. Januar. Soeben erscheint der 53. Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars, dem als wissenschaftlicher Teil „Geschichte der Juden in Schlesien". Heft IV, von Tr. M. Braun vorangeht; das Seminar zählt zurzeit 31 Hörer. Im Laufe des Jahres wurden die Herren Dr. Behrens und Heilbronn als Rabbiner entlassen. Die Bibliothek umfaßt zurzeit 17 409 Druckwerke in 23 250 Bänden und 212 Handschriften in 248 Bänden. Am heutigen Tage fand wie üblich im Anschluß an die Kaisergeburtstagsfeier die Gedenkfeier für den Heimgegangenen Stifter und die Entlassung eines Kandidaten statt. Die Festrede hielt nach einem einleitenden Gesang Seminardozent Dr. Horovitz und gedachte am Schlüsse in herkömmlicher Weise des Stifters. Darauf ergriff Seminarrabbiner Professor Lewy das Wort; er überreichte dem Nabbinatskandidaten Dr. Phil. Kober das Rabbinerzeugnis und entließ ihn mit herzlichen Segenswünschen. Dr. .Kober, der bereits in Köln als Religionslehrer und Hilfsprediger füngiert, dankte in tiefempfundener Abschiedsrede. Eine Preisarbeit, die zur Bewerbung um den Dr. David Rosinschen Preis gestellt war, „Die Ethik des Bachja ibn Pakuda", war eingegangen. Die Oeffnung des Kuverts ergab Dr. Kahlberg als Verfasser. Der Preis wurde ihm zuerkannt. Mit dem Kaisergebet schloß die erhebende Feier. -16. Chemnitz, 21. Januar. Unser vor wenigen Wochen an dieser Stelle zum Ausdruck gebrachte Wunsch, daß unserem Rabbiner Dr. Mühlfelder nach Genesung von schwerer Krankheit noch viele Jahre des Ruhestandes vergönnt sein möchten, ist, wie bereits mitgeteilt, leider nicht in Erfüllung gegangen. Am 16. d. Mts. wurde der verehrte Seelsorger unserer Gemeinde heimberufen, der an der Entwicklung derselben hervorragenden Anteil genommen hat. Als der Verstorbene 1884 sein Amt antrat, zählte die Gemeinde kaum 50 Familien und die Religivnsschule, welche jetzt von ca. 200 Kindern besucht wird, noch nicht ein Fünftel derselben. Das Begräbnis des Heimgegangenen am 20. Januar zeugte von der Verehrung, welche demselben verdientermaßen seitens der Gemeinde und weiterer Kreise auch über das Grab hinaus gezollt wurde. Der Beerdigung ging eine Trauerfeier in der Synagoge voraus. Die Gemeindemitglieder hatten sich zahlreich eingeftmden, ferner waren anwesend Oberbürgermeister Dr. Buk und andere offizielle Persönlichkeiten, sowie Vertreter der Schwestergemeinden Dresden. Leipzig, Annaberg und Zwickau. Die Feier begann mit einem stimmungsvollen Orgelpräludium, dem ein Gesang von Kantor und Chor folgte. Hierauf hielt Rabbiner Dr. Schwartz-Prag, der Schwiegersohn des Verstorbenen, die Trauerrede. In reicher Gedankenfülle zeichnete der gewandte Redner ein getreues Lebensbild des Verblichenen, der — selbst bedürfnislos und überaus bescheiden — stets nur das Beste seiner Familie und Gemeinde erstrebt und als wahrer Seelsorger Frieden gestiftet und werktätige Liebe geübt habe. Die Bescheidenheit war auch der Grund dafür, daß der Verewigte seine herrlichen Geistesgaben vor allem nur innerhalb seiner Gemeinde und Religionsschule betätigte, welch letzterer er sich mit ganz besonderer Hingabe widmete. Doch, wenn es das Interesse der Religion und des Gesamtjudentums erforderte, dann loderte die Flamme heiliger Begeisterung in ihm auf; überzeugend verstand er es, in Wort und Schrift dem Gegner zu widerlegen und die angegriffene Glaubensgemeinschaft zu verteidigen. In solchem Falle scheute er auch nicht die Härten und Widerwärtigkeiten der Oeffentlichkeit. Einer der Besten sei mit dem Verstorbenen dahingegangen, sein Andenken werde immerdar ein gesegnetes bleiben! Der eindrucksvollen Predigt folgte das von unserem Kantor N. Goldberg ergreifend vorgetragene El mole rachaniim. worauf der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Louis Ladewig, in einer längeren herzlichen Ansprache dem verewigten Rabbiner den innigsten Dank der verwaisten Gemeinde nachrief. Nach einem weiteren Gesänge des Synagogenchors sprachen sodann die Rabbiner Dr. Winter-Dresden und Dr. Porges-Leipzig, dem Beileid der von denselben vertretenen Gemeinden in zu Herzen gehenden Worten Ausdruck gebend; der Erstgenannte zugleich auch namens des Deutschen Rabbinerverbandes. Hierauf wurde unter Orgelklängen der Sarg von den Mitgliedern des Vorstandes der Ohebrah Kedoschah, deren langjähriges Ehrenmitglied der Verstorbene gewesen, aus der Synagoge in den Leichenwagen getragen und mit großem Gefolge nach dem Friedhofe geführt, woselbst nach einem Gebete deS Rabbiners Dr. Schwartz die Beisetzung in der Ehrenreihe erfolgte. DaS Andenken der Gerechten bleibt ein Segen! Dr. Jacob Mühlfelder wurde 1844 zu Bauerbach lSacksen-Meiningen) geboren, besuchte die Rabbinerschule zu Würzburg, das Gymnasium zu Mainz, die Universitäten und gleichzeitig Rabbinerseminare zu Breslau und Berlin und promovierte bei der philosophischen Fakultät der Universität Halle. Seit 1884 amtierte Tr. Mühlfelder als Rabbiner und Leiter der Religionsschule in Chemnitz. Allgemein in Erinnerung ist wohl noch sein offener Brief an den Oberpfarrer Graue, welcher eine herrliche, überzeugende Verteidigungsschrift des Judentums darstellt. e. Lippstadt, 22. Januar. Nach etwa zehnjähriger, durch keine religiösen Differenzen bedingter Trennung ist endlich die Vereinigu ng der beiden hiesigen jüdischen Gemeinden vor einigen Tagen erfolgt. Es ist das sehr erfreulich. Am verflossenen Freitag ist auch bereits die Genehmigung der neuen Satzungen durch den Ober- Präsidenten in Münster erfolgt. o. Paderborn, 28. Januar. Der Rechenschaftsbericht der jüdischen Waisen - Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen in Westfalen und Rheinland für 1904 bis 1906 gedenkt zunächst des im März 1906 festlich begangenen Jubiläums des 50 jährigen Bestandes der Anstalt und der ihr aus diesem Anlaß zuteil gewordenen Ehrungen. Mit besonderer Anerkennung gedenkt der Bericht ferner der von ehemaligen Zöglingen zur Beschaffung von Lehr- und Lernmitteln zwecks gründlicher Ausbildung der Kinder errichteten Fanny Nathan- und Johanna Marcks-Stiftung.solvie der unermüdlichen Wirksamkeit und Opferwilligkeit des seit 33 Jahren dem Kuratorium angehörenden Vorsitzenden Herrn Louis Mahler, Hierselbst, und des uneigennützig der Anstalt sich widmenden Rabbiners Dr. Jakob in Dortmund. — Die Zahl der Zöglinge betrug 48, von denen 35 Knaben und 13 Mädchen waren, 23 stammten aus Westfalen, 25 aus Rheinland. Entlassen wurden im Berichtsjahre 5, ausgenommen 9 Kinder. Das gesicherte Einkommen der Anstalt aus Zinsen des Kapitals beträgt nur 11 000 Mark; zur Bestreitung aller darüber hinausgehenden Ausgaben ist das Institut auf Spenden angewiesen. Die diesjährigen Jahrzeitstiftungen erreichten die Höhe von 17 000 Mark, die Spenden ca. 20 000 Mark, freiwillige Sammlungen und Beiträge von Gemeinden, Vereinen ca. 7500 Mark. Die etatsmäßigen Ausgaben erforderten 23 611 Mark, die außergewöhnlichen, nämlich für Neu- und Umbauten, annähernd 30 000 Mark. * Gesterreich-Nnsarn. L3 Wien, 28. Januar. Die näher rückenden Reichsratswählen beschäftigen die Antisemiten bereits in vollem Maße. Die Mitteilungen, die bisher über die Kandidaturen austauchten, sind sehr interessant. Sie zeigen, daß die Christlichsozialen sich in mancher „Hochburg" nicht mehr ganz sicher fühlen. So verläßt der Bürgermeister seinen angestammten Bezirk, in dem er schon als Demokrat kandidierte; er siedelt vom V. Bezirk in den XIII. über, wo er sich geborgen glaubt. Dagegen hat der Ministerpräsident Freiherr von Beck narfi Rücksprache mit den christlichsozialen Führern für einen der drei von den Christlichsozialen beherrschten Wahlkreise der inneren Stadt Wien seine Kandidatur angemeldet. Natürlich wird sich der Ministerpräsident als Parteiloser zur Wahl stellen; allein seine Kandidatur scheint doch mit einer großen parteipolitischen Transaktion im Zusammenhange zu stehen. Heißt es doch, daß die Fusion der christlich-sozialen Partei mit den Resten der klerikalen zu einer starken Zentrumspartei zu den Lieblingsgedanken des Ministerpräsidenten gehört. Der Bürgermeister ist einem solchen Plane allerdings entschieden abgeneigt, allein ebenso wie seine Krankheit im verflossenen Jahre ihn daran gehindert hat, der Wahlreformbewegung eine andere Richtung zu geben, muß man damit rechnen, daß seine Widerstandskraft nicht mehr stark genug sein wird, um diese Fusion zu verhindern, obgleich er von ihr, und zwar mit gutem Grunde, die Zertrümmerung der christlich-sozialen Partei, wie er sie geschaffen hat und wie sie imstande war, dein Ansturm der Sozialdemokratie erfolgreich zu widerstehen, voraussieht. —- Hier ist in hohem Alter ein Mann gestorben, der zu den Besten unserer Fürsprecher gehörte, der Advokat Dr. Josef Kopp. Als Professor Rohling von der Prager theologischen Fakultät bei Gelegenheit des Prozesses von Tisza-Eszlar 1883 dem dortigen Gerichtshöfe