Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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jährigen Bestehens des Ordens neu zu errichtende Fürsorge- und Waisenheim: doch hält er es für dringend erforderlich, daß seitens der Gemeindeverwaltung etwas für diese Kinder geschehen möge. Kommissar Jnstizrat Lachmann erwidert, daß zur Ausführung dieser Anregung eine Statutenänderung der Waisenkommission notwendig sei, daß diese Kinder aber auch jetzt nicht im Stich gelassen werden. Direktor Dr. Minden hält für manche Fälle eine engere Beziehung der Fürsorge-, Armen- und Waisenkommission rurdringend geboten. Herr Emil Pincus macht darauf aufmerksam, daß in den von Dr. Cohn erwähnten Fällen die Armenkommission, der jetzt auch eine Dame angehört, eintritt. Herr Dr. Cohn behält sich vor, einen dahinzielenden Antrag zur Aenderung der Statuten der Waisenkommission zu stellen. Professor Blaschke verweist schließlich noch auf die guten Erfahrungen, welche im Reichenheim'schen und im Auerbach'schen Waisenhanfe mit den verlassenen Kindern gemacht worden seien. — Beim Abschluß der Schulverwaltung regt Professor Baginsty an, darauf das Augenmerk zu richten, ob die jüdischen Schulkinder auch hinreichend von den Eltern verpflegt werden können, und im Nichtfalle Gemeindemittel bereit zu stellen. Vom Verein für Schulgesundheitspflege ist übrigens auch auf Anregung Baginskhs, welcher Vorsitzender dieses Vereins ist, eine derartige Agitation in Angriff genommen worden. Kommissar Sanitätsrat Dr. Stern erwidert, daß die dankenswerte Anregung für die Schüler der jüdischen Schulen nicht in Betracht komme, da die Eltern dieser Schüler wohl ausnahmslos in der Lage seien, ihre Kinder genügend zu verpflegen. Auch der Schularzt richte pflichtgemäß seine Aufmerksamkeit auf den Ernährungszustand der Kinder. Professor Blaschke hebt hervor, daß die Leiter der jüdischen Schulen an jedem Morgen sämtliche Kinder vor Beginn des Unterrichts Revue passieren lassen und sie bezüglich^ ihres körperlichen Befindens mustern. Er gibt 31t erwägen, ob nicht dem Schuldiener der Verkauf von Milch gestattet werden könnte. — Die Ausgaben für den Religionsunterricht von drei Proselyten werden mit allen gegen die Stimme Dr. Mindens, der auf Grund seiner Ausführungen bei der im Vorjahre stattgehabten generellen Beratung dieses Themas den Religionsunterricht an Proselyten für wenig zweckmäßig erachtet, genehmigt. - Mit der Einsetzung einer gemischten Deputation zur Beratung der Frage der Anlegung eines zweiten Friedhofes, der hauptsächlich für die im Westen und Südwesten wohnhaften Gemeindemitglieder bestimmt sein soll, erklärt sich die Versammlung einverstanden. In diese Deputation werden die Herren Dr. Cohn, Hirsch, Benas Levy und Dr. Minden entsandt. — Schließlich gelangt und: die Antwort des Gemeindevorstandes betreffs der Besteuerung der Mischehen zur Kenntnis der Versammlung, (f. u.) Aus der geheimen Sitzung heben wir hervor, daß die Anstellung des Rabbiners Tr. Hochseld aus Düsseldorf als Rabbiner der hiesigen Gemeinde beschlossen worden ist. 8. Berlin, 27. Januar. Alls den von den Repräsentanten überreichten Antrag, eine Aenderung der Steuerordnung betreffs der Besteuerung der Mischehen in die Wege zu leiten, ist jetzt vom Gemeindevorstand die Antwort eingegangen. Es heißt in diesem Schreiben, daß „wir eine solche Aenderung in Erwägung ziehen werden, sobald eine allgemeine Revision des Gemeindestatuts in Angriff genommen wird. Inzwischen haben wir zur Beseitigung der infolge der Kirchensteuergesetze des Jahres 1905 hervorgetretenen Unbilligkeiten beschlossen, auf die Gesuche der in einer Mischehe lebenden Gemeindemilglieder, ihre Beiträge in Rücksicht auf die an eine andere Neligionsgesellschaft zu zahlende Steuer zu ermäßigen, den S 60 Abs. 2 Satz 2 des revidierten Statuts anzuwenden. Wir werden demgemäß, vorbehaltlich der Prüfung des einzelnen Falles, eine Ermäßigung um die anderweit gezahlte Steuer bis zur Hälfte der von uns ausgeschriebenen Beiträge eintreten lassen. Wir bemerken übrigens ergebenst, daß bisher im ganzen 20 Anträge von Personen, die in einer Mischehe leben, auf Ermäßigung ihres Beitrages um ihre anderweit zu zahlende Steuer gestellt worden sind. Die 20 Antragsteller sind zu einer Steuer von zusammen 1284 Mark herangezogen worden." Berlin, 27. Januar. Aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universelle wird uns geschrieben: Der Vorsitzende der Deutschen Konserenzgemeinschaft der Alliance Tsra^lite Universelle hat soeben die Einladung zu der regelmäßigen Jahre sttzung der Deutschen Konferenzgemeinschaft auf Dienstag. bi 1 19. Februar, ergehen lassen. Dem Wunsche der Mitglieder d,.i- Deutschen Konferenzgemeinschaft entsprechend, findet diese Tagung 11 Frankfurt a. M. statt. Auf der Tagesordnung stehen: Rechenschaft- und Arbeitsbericht des Präsidiums für das Jahr 1906 und Arbeit; plan für 1907, Bericht der Mitglieder über ihre Bezirke, derweite: j Ausbau der Organisation der Deutschen Konferenzgemeinschast, V : schlnßfassung über die an die Zentrale nach Paris zu richtenden A.--! trüge und die Stellung der Deutschen Konferenzgemeinschaft! anderen jüdischen Organisationen im Jnlande. Außerdem hat dt > - Präsidium der Deutschen Konserenzgemeinschaft beschlossen, den ersü t Alliancetag in Berlin stattfinden zu lassen, im Anschluß cm b e Generalversammlung des Lokalkomitees Berlin, die bis zum 1. Ir 1! einzuberusen ist. Nähere Mitteilungen über diesen Alliancetag, 1 dem alle Vertreter der deutschen Bezirks- und Lokalkomitees ei: berufen werden, und alle Mitglieder der Alliance Zutritt habe. ,; werden rechtzeitig erfolgen. ' Berlin, 24. Januar. Am 20. b, M. fand eine Sitzung tu Hilssvereins der Deutschen Juden statt, in der eine Reil:; Fragen, die gegenwärtig weite jüdische Kreise interessieren, zur Ve j Handlung kamen. Auf Grund eines Antrages von Herrn Faitlovitscl ' Paris, der nach Abessynien gereist war, um die Verhältnisse de dortigen jüdischen Bevölkerung, der Falaschas, zu studieren — und de es sich zur Ausgabe gemacht hat, derselben die Sympathien und d j Hilfe der aus l än d i s ch en Gl au b en s genoffen zuzuführen — wurde Herr Tr. Nathan ein Dispositionsfonds zur Verfügung gestellt, der daz! , dienen soll, eine Unterstützung zu gewähren, um die nötige Ve:; bindung dieser afrikanischen, völlig isolierten Glaubensgenossen m : dem Judentum der zivilisierten Welt wieder herznstellen. Professe! Philippson, der auf besondere Einladung der Sitzung des geschafft! führenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Inden beiz: wohnen die Güte hatte, hielt einen außerordentlich fesselnden, leh reichen Vortrag über die Lage der Juden im Orient, speziell in bu asiatischen Türkei. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Besserung; der vielfach traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen B'! völkerung daselbst durch Ausgestaltung des Bildungswesens — E: öffnung von Fachschulen für Handwerker und technische Berufe, wi; höherer Bildungsinstitute — allmählich anzubahnen. Der Hilfsverei; der Deutschen Juden, der entsprechende Bestrebungen verfolgt und i! gewissem Umfange in Palästina bereits realisiert, sprach Herrn Pro! fessor Philippson seinen lebhaftesten Dank für die wertvollem j Informationen und Anregungen aus, und es wurde beschlossen, i der von Herrn Professor Philippson bezeichneten Richtung tätig zm I sein. Zur Unterstützung der Jeschiwot in Rußland, die unter de; Ungunst der Verhältnisse ganz außerordentlich zu leiden haben, wurde: i 10 000 Mark bewilligt. Für die durch eine Feuersbrunst heimgesucht! Gemeinde der russischen Stadt Krzepitz — über 150 Familien wurde! durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen — sind 800 Mark ge i währt worden. In der Sitzung wurden alsdann noch die Sul; ventionen für die Schule Reschith Daath in Bukarest und die Haus! haltungsschule „Lumina" in Galatz, der der Hilssverein die Ar: j gliederung einer fünften Klasse ermöglicht hat, erneuert.! 8. Berlin, 25. Januar. Eine der edelsten und besten Fraue.! ist in dieser Woche nach langen Leiden von uns geschieden: Fra Pa ula Berliner, die Gattin des allgemein geehrten Herrn Prc fessors Dr. A. Berliner hier. Sie war das Glück seiner Jugend, der StoU seiner Mannesjahre, der Trost seiner Alters. Alle, die die vortreß liche Frau kannten, wußten ihre Herzensgüte, ihre Frömmigkeit, ihr Bescheidenheit und Demut zu rühmen. Was sie in dem von ih jahrzehntelang geleiteten Frauenverein der Adaß Jisroel-Gemeind geleistet, wissen alle, die je Gelegenheit hatten, sie in ihrem stillen Wirke zu beobachten. Bei der Beerdigung hielt Rabbiner Dr. Munk eine e: greifende Gedächtnisrede, in der er die Tugenden und Vorzüge diese i eschet chajil im vollsten Sinne des Wortes schilderte. Als aber zur! Schluß der verehrte Gatte der Dahingeschiedenen ihr das letzte Leb: wohl nachrief, da blieb kein Auge in der großen Trauerversammlun tränenleer! Möge Herr Professor Berliner Trost finden in der Er innerung an die edle Frau, deren Andenken fortleben wird als Muste und Beispiel eines jüdischen Biederweibes!