Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228750--63265-3297141- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
60 „Wozu kamst Du?" — fragt Großpapa in einem Tone, als ob er soeben auf einen ganz neuen Gedanken gekommen wäre. Aber da sieht schon der Gast ein, daß er mit Friedensunterhandlungen nichts ausrichten wird, und es bleibt ihm nichts übrig, als den Staub dieses ungastlichen Hauses von seinen Füßen zu schütteln und sich langsam zu entfernen, während Großpapa, die Pfeife schmauchend, in dem Zimmer auf- und abspaziert und die düsteren Schatten ans seinem i Gesichte sich immer dichter zusammenziehen. i Doch diese Misanthropie äußerte sich nur in Worten, in Wirklichkeit aber lag die Sache ganz anders. Man muß bedenken, daß Großpapa immer bei Geld war. Mein Onkelder Bruder meiner Mutter, schickte ihm allmonatlich eine kleine Pension, von der wir aber nur die Hälfte, und auch : die nur für meine und der Großmutter Bedürfnisse, verbrauchten! denn Großpapa selbst aß außer weichem Brot mit milchiger Perlgraupensnppe gar nichts mehr. Seine Kleidung war ebenso einfach. Eine einfache leinene Hose und ein alter abgetragener Kaftan, den er auch an Feiertagen nicht ablegte, machte seinen ganzen Kleiderstaat aus. Das auf diese Weise zusammengesparte Geld gab er nun auf Borg, ohne von seinen Schuldnern irgend welche Zinsen oder sonstigen Vorteile i zu verlangen. Zu borgen Pflegte er jedermann, sobald man ihn nur darum anging; allerdings mußte man die Sache anzufassen wissen. Man brauchte nur zu ihm zu kommen und | ohne weitere Umschweife zu sagen: Leiht mir, Reb Towid, so , und so viel Geld, und Reb Dowid nahm die gewünschte Summe, die selten drei, fast niemals aber fünf Rubel überstieg, aus seinem Portemonnaie heraus und gab ohne weiteres. Kam aber jemand zu ihm mit tiefen Verbeugungen und trug mit i jammernder Stimme eine lange Litanei vor, wie etwa: Tut j ne Mizwe, Reb Dowid, leiht mir so und so viel, ich brauche! es dazu und dazu, ich werde es auch bald zurückgeben, ich werde euch ewig benschen, ich werde für euch beten, oder sonst! dergleichen - da jagte ihn Großpapa mit Schimpf und! Schande fort, und nur in seltenen Fällen, wo er genau wußte daß der Bittende in großer Rot ist, gab er ihm das Geld, nachdem er vorher sein Mütcheir an ihm tüchtig gekühlt hatte. Ein ähnlicher Fall ist mir besonders im Gedächtnis haften : geblieben. Es war im Sommer. Ich war soeben aus dem; Eheder gekommen; da Großmutter nicht zu Hause war, stellte ich mich ans Fenster und veranstaltete in Ermanglung einer besseren Beschäftigung mit großen: Eifer eine Fliegenjagd. Es leitete mich dabei keine böse Absicht, sondern einfach die Liebe! zur Kunst, und ließ daher die Fliegen, sobald sie nur in meine! Hände geraten waren, sofort wieder frei. Großpapa saß, wie . gewöhnlich, an seinem Tische und war ins Talmudstndium > vertieft. Da öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle erschien! die verschüchterte Figur einer arni gekleideten, etwa fünf-! unddreißigjährigen Frau. Es war die mir bekannte Laden-! besitzerin Chaje-Ssore, bei der die Großmutter ihre Bedürfnisse l an Käse. Butter usw. deckte. i „Guten Tag!" wünschte sie mit leiser, unsicherer Stimme. .Gut Jahr!" erwiderte Großpapa, ohne von dem Folianten,! i» den er vertieft war, aufzublickeu. „Tut, Reb Dowid, a Mizwe", begann Chaje-Ssore, „und leiht mir drei Rubel. Ich werde es Euch..." „Und was wird sein, wenn ich keine Mizwes tun will und ivenn ich Dir kein Geld borgen werde?" rief Großpapa mit barscher Stimme, indem er mit seinen trüben Augen die Besucherin fixierte. „Was soll denn sein?" antwortete diese, unterwürfig schmunzelnd. „Nichts wird sein. Wenn Ihr mir kein Geld gebt, so habt Ihr wohl keins, nicht aber, weil Ihr keine „Mizwes" tun wollt. Ihr seid ja ein teurer Jud'. Geb' Gol, daß meine Kinder nicht schlechter seien als Ihr." „Wer ist ein teurer Jud'?" schrie sie Großpapa wüterd an, „dumm bist Du, weiter gar nichts. Was weißt Du m t Deinem Eselskopf, was ein teurer Jud' ist? Schafskop. Beheme!" Großpapa war iu diesem Augenblick nicht wieder zu e - kenne::. Seine trüben Augen schossen Zornesfunken dur', die zusammengezogenen Brauen nach der gegnerischen Sei c hin; rote Flecke traten auf seinen mageren Wangen hervo. seine dünnen Nasenflügel dehnten sich aus, und er atme c schwer und tief. Chaje-Ssore erregte Mitleid und Heiterke! zugleich. Sie zog sich furchtsam zusammen und begann ve legen den Rückzug nach dem Ausgange anzutreten, indem s: aus Verwirrung an den Enden ihres Kopftuches zupfte. S: stand schon an der Tür und war gerade im Begriff sie an zumachen, als sie der Großvater herrisch anschrie: „Wohin gehst Du?" Chaje-Ssore hielt an. Die Türklinke in der Hand, begani sie sich nach allen Seiten umzuschanen, aus Furcht, dem in guisitorischen Bl:ck des furchtbaren Grestes zu begegnen, uni ohne in ihrer Verlegenheit zu wissen, was mit ihren Hände: anzufangen. „Wozu bist Du gekominei:?" fragte sie zornig der Groß vater. „Ich hab's ja schon gesagt: ::»: Geld!" „Warum gehst Du nun fort?" „Ihr wollt ja nichts geben." „Wer hat Dir das gesagt? Na, ninun schon. Da ha! Du's!" sprach er etwas beruhigter, indem er aus dem Port: monnaie einen Dreirnbelschein herausnahm und ihn auf be i Tisch hinlegte. Chaje-Ssore trat ungeschickt an den Tisch Hera: nah::: das Geld, und als hätte sie etwas gestohlen, schlich si: sich unhörbar ans den: Zimmer. Großpapa setzte indesse seine durch den Besuch unterbrochene Talmudlektüre fort, un der düstere Schatten, der sein Gesicht bedeckte, schwand imme mehr. . . lSchluß folgt. Litersrilche Mitteilungen. — Die warm und innig empfundene Trauerrede, die Predige Dr. Jelski an der Bahre des verstorbenen Reichsgerichtsrat Dr Jakob Fr. Behrend auf dem Friedhofe in Weißensee geholte hat, ist hu Druck erschienen. Sie hat eine über den Einzelfall hinaus geheude geschichtliche Bedeutung, wenn es auch, soviel wir wisse!', kaum richtig sein dürste, daß Behrend der erste Jude war, der Rekto einer deutschen Universität wurde. Lnkkksltrn drr NeLaktion. 9Jc. h i e r. Nach alter Auffassung ist der Neumondstag ein Ta der Sühne, er heißt auch tut Gebet Seman Kaporah (Scheb. 9a ff. Die Kabbalisten des XVI. Jahrhunderts mit ihrer ausgesprochene! asketischen Richtung vertraten daher den Grundsatz, man müßte an Rüsttag jedes Neuuionds völlige Buße tun, ganz wie am Jom-Kipui Der erste, der diesen Brauch einsührte, war Mose Cordovero in Saß (um 1575); von Palästina verbreitete sich die Sitte und das ne: gebildete Ritual dafür (Selichot) schnell nach Italien und Polen, voi dort selbstredend nach Deutschland, wo der Jom-Kipur Katan heut noch selbst in Reformgemeinden abgehalten wird. (Vgl. Zunz, Di Ritus p. 150, Siddur p. 319). Druck und Verlag von Rudolf Mosse rn Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwih in Berlin.