Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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59 Ascolis Ruhm war begründet, auch im Auslande anerannt, wo man durch Uebersetzungen seine Werke kennen lernte und seine Forfchurrgen an den Universitäten den betreffenden Vorlesungen zugrunde legte. Man überhäufte ihn von allen Zeiten mit Auszeichnungen in verschiedenen Formen; aber am meisten sah sich Ascoli belohnt durch die Berufung als Proessor an die Accademia di scienze e lettere in Mailand, wo in eigener Lehrstuhl für seine sprachvergleichendeu Forschungen reiert wurde. Er, der weder auf einem Gymnasium, noch auf iner Universität den Grund zu seinem merkwürdigen Werdegang gelegt hatte, sah sich jetzt als wissenschaftlicher Leiter einer ahlreichen Schülerschar, die von »ah und fern zu seinen epocheuachendeir Vorlesungen strömte. Im Alter von 30 Jahren trat er sein Lehramt in Mailand m, und seit damals, seit 1860, bis heute, mehr als vier Dezennien, haben Tausende seine Vorlesungen gehört oder eine zahlreichen Werke studiert. Es würde den karg zugemessenen >iaum dieses Referats übersteigen, wollte ich alle seine selbsttändigen Werke, seine Abhandlungen in dem eigens von ihm >egründeten Journal für vergleichende Sprachwissenschaft, wie eine Arbeiten in anderen Zeitschriften und Archiven, auch nur infach aufzählen. Es sei daher nur auf einiges hieraus hingewiesen. Sein Verl „tlorsi di Glottologia“ wurde von der Akademie in Berlin init dem Bopp-Preis gekrönt. „Zigeunerisches" von ihnr;ab erst dem Werke Potts „Die Zigeuner in Europa und Asien" ne möglichste Vervollkommnung. Verschiedene Mundarten 'uropäischer Sprachen fanden durch ihn eine spezielle wissenschaftliche Behandlung. Seine „Saggi Indiani“ liefern wichtige Beiträge zur indo-germanischen Philologie. Aach seinem .Nesso Ario-Semitico“ (1863—64) haben die bedeutendsten Sprachforscher Europas und Amerikas weiter gearbeitet und ich in den Ruhm geteilt, Ascolis Theorie» zugrunde gelegt u haben. Seine „Iscrizioni di anlichi sepolcri gijdaici del 'Japoliiano“ ist die nähere Ausführung eines Vortrages über ne aufgefundenen jüdischen Inschriften in der Katakombe zu benosa, den Ascoli aus dem Orientalischen Kongreß in Florenz 1878) gehalten hat. Ich hörte zur Zeit diesen Vortrag aus >em Munde dieses Gelehrten, der schon in seiner äußeren Erscheinung, mit dem Adlerblicke und dein jäh herabfallenden barte, einen imponierenden Eindruck gewährt. Seit damals mtte ich mehrere Male Gelegenheit, auch die liebenswürdige Persönlichkeit Ascolis in der Unterhaltung kennen zu leriien md zu verehren. Seüic Vaterstadt ehrte Ascoli durch die Benennung einer Ztraße nach ihm. Italiens Gelehrtenwelt ehrte ihn dnrch die lufnahme als Ehrenmitglied in ihre Sozietäten. Sein König erlieh ihm Medaillen und Orden und berief ihn (1889) als Zenator in seinen Rat. Alle großen Akademien der Wissenschaft, uch die Berliner, machten ihn zu ihrem Ehrenmitgliede. inser Kaiser endlich verstand es, Ascolis Verdienste um die Üissenschaft mit der höchsten Auszeichnung, mit dem Orden our le merite, zu krönen. Wir aber wollen mit dem Worte Gottes an Jesaja (49,3) usrufen: „Siehe da ein Israelit, durch den ich mich vererrliche!" Ascoli ist ein Jude im eminentesten Sinne dieses Bortes sein Leben lang geblieben. Wie er in seiner Vaterstadt ie Angelegenheiten der Gemeinde geleitet und ihre Interessen ertreten, so hat er auch während seiner ganzen Laufbahn l ls gelehrter Forscher es zur Ehre sich angerechnet, ein Jude u sein, und zur Freude, als solcher zu fühlen und zu leben, hre seinem Namen und seinem Andenken für alle Zeit! leÜSf Mein Grohostrr. Eine Episode aus den Iudenexzessen i» Rußland. Von Z. Awrnuiu. I. mein Großvater galt in unserer Stadt für einen sonderbaren Kauz, und, wie ich gestehen muß, mit vollem Recht. In freundschaftlicher Beziehung stand er zu niemanden; jedenfalls erinnere ich mich nicht, daß er mit jemandem sich friedlich unterhalten hätte. Denn hatte er mit einem einmal ein Gespräch angeknüpft, so fand er immer irgend etwas nti dessen Ausdrucksweise auszusetzen, und.er ließ kein einziges etwa ungeschickt angebrachtes Wort oder einem ungeschickt vorgebrachten Gedanken entschlüpfen, ohne mit sichtlichem Behagen seine erbitterte Kritik daran zu üben. Das Ende vom Liede war dann immer, daß Großpapa in Hitze geriet und seiner Behauptung, daß sein Partner nichts weniger als ein „Esel", „Bauer" und „Schafskopf" sei, ziemlich lauten Ausdruck gab. Diese liebenswürdigen Epitheta sparte er nicht ün geringsten, sondern teilte sie freigebig jedem aus, der sein Mißfallen erregte, wobei ihm die Stellung oder das Geschlecht des unglücklichen Objekts seiner edlen Zornesglut höchst gleichgültig war. Viele, die schon seine Eigenheiten kannten, behandelten ihn mit Nachsicht und antworteten auf alle seine Zornesausbrüche mit einem gutmütigen Lächeln. Allein dies brachte den Großvater nur noch mehr in Wut und goß ilur Oel ins Feuer. . . . War es ihm aber gelungen, seinen Gegner so wütend zu machen, daß dieser alle Rücksichten vergaß und auf die Schiinpfereien des Großvaters mit gleicher Münze guittierte, da wurde Großpapa sofort ruhig, ja er sing mit einer gewissen Wonne jedes gepfefferte Wort auf, das ihnr von seinem Gegner entgegengeschleudert wurde. Gäste und sonstige müßige Besucher konnte er nicht ausstehen. Fanden sich aber welche ein, so machte er mit ihnen kurzen Prozeß und geleitete sie hinaus. Dabei schlich er gewöhnlich folgendes Verfahren ein. Keuchend und pustend rauchte er seine Pfeife an, fixierte dann schweigend den Besucher init dem bleiernen Blick seiner kalten graneu Augen und fragte ihn dann lakonisch: „Was willst Du?" „Nichts . . . .stur so . . ." lautete gewöhnlich die Antwort des Gastes, der nicht weiß, wie sich diesem kalten, durchbohrenden Blick zu entziehen. Der Großvater nimmt dann die Pfeife ans dein Mund: seine Lippen ziehen sich krampfhaft zusammen: ein unheimliches Feuer flackert in seinen trüben Augen auf. „Wie heißt nichts?" schreit er, sich wie ein Fieberkranker schüttelnd. „Du Esel, Schafskopf ... Da hast Du's . . . Wenn Du nichts willst, warum kamst Du gerade zu mir und nicht zu jemand anders?" Hierbei setzt er seine Pfeise an die Lippen, und ein dichter Tabaksgualm umhüllt den weißen Bart des gestrengen Greises, der, scheinbar beruhigt, weiter fortführt, das Gesicht seines Widersachers mit einer Aufmerksamkeit zu betrachten, die den Anschein erweckt, daß es sich hier um wichtige anthropologische Studien handelt . . . Und trotz der Lächerlichkeit dieser Szene wirkt sie auf den Besucher keineswegs erheiternd. Unter dem Einfluß dieses bleiernen eisigen Blickes vergißt man leicht das Lachen. Dieser Blick kann einem Mark und Bein durchbohren.