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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 struggle for life, den sie zu futjieii habe», nvch (u viel Interesse für das Judentum bewahrt haben, daß sie den Ruf erheben: Mitzuraten und mitzutaten, wenn es gilt, die große Sache des Judentums zu fördern. Weg also mit dein Kastengeist, der unser Judentum verunziert! Es ist richtig, ohne die Abgaben der Reichen werden wir die großen Gemeinden mit ihren Budgets, die oft dem eines kleinen Reiches gleichkommen, nicht erhalten; sind wir doch ganz auf uns selbst gestellt. Aber bedenken »vollen wir doch, daß »vir manche geistige Potenz oft geradezu zurückweisen, indem »vir ihr nicht die Gelegenheit darbieten, sich auf dem Boden der Verrvaltung unserer Kultusgeinein den zn betätigen. Daher erheben »vir, da mm das allgemeine Wahlrecht sich durchgerungen hat, und selbst unser Herrenhaus sich dem demokratischen Zuge der .Zeit nicht zu verschließen vermag, den Ruf: Allgemeines Wahlrecht auch für unsere Kultusgemeinden. Man »vird dann sehen, wie die Gleichgültigkeit in jüdischen Angelegenheiten von selbst ' schwinden wird; frische Kräfte werden dein senilen Körper zugeführt »verden, überall »vird neues Lebe»» erblühen. Tempel- und Friedhofs-, Rabbiner- und Koscherfleischfragen mögen für »nanche sehr »vichtige Dinge sein; es mag noch unter uns naive Geinüter geben, die da meinen, daß Vorbeter und Orgel für den Bestand des Judentums unerläßliche Angelegenheiten bedeuten; wer aber die Zeichen der Zeit richtig zn erfassen versteht, »vird sich leicht überzeugen, daß ganz andere Fragen uns »verden bald beschäftigen müssen, und unter diesen nicht als unwichtigste die sozialen Probleine der Gegenivart; es »väre aber ganz verfehlt, »veiln diese nicht von allen geistigen Kräften, über die das Judentum noch verfügt, gelöst würden. Wie einstens zur Aufrichtung des Heiligtums alle in gleicher Weise beisteuerter», so »verden auch jetzt alle herangezogen »verden »nüssen, um ihr geistiges Scherflein beizutragerr zur Aufrichtung unseres arg beschädigten Judenturns. Mögen die bis nun Allmächtigen den Warnungsruf nicht überhören, denn sonst könnte es geschehen, daß eil» Verfall des Judentums eintritt, der sich auch in Zahlen, aber in nicht angenehmer Art, fühlbar machen »vird. Eine Affäre hat diese denklvürdige Sitzung des Wiener Kultusgerneindevvrstandes von» 23. Dezeruber noch beschäftigt, von der man freilich gewünscht hätte, sie hätte sich nicht ereignet. Arm aber, da sic geschehen ist,»väre es imJnteresse derGerechtigkeit, aber auch in» Interesse der Allgemeinheit, daß sie mit einer gewissen Offenheit und Aufrichtigkeit verhandelt und entschiedeir »vürde. Nicht nur in Wie»», auch anderwärts! kornmen derartige Affären vor, und es ist notwendig, daß sie aus der Welt geschafft »verden. Das aber kam» nur geschehen, »venn denr Rechte der freie Weg gebahnt »vird. Es handelt sich um einen Streit zwischen einem Lehrer einerseits und einen» Rabbiner, dessen sich die Kultusgemeindevertretung annahm, andererseits. Der Lehrer ließ sich angeblich arge Verstöße gegen die Disziplin zu Schulden konrnren, und mm wurde ihm das Brot entzogen. Wir »»reinen, es sei hier not- »vendig, reinen Wein einzuschenken. Ein einziges Mitglied des Kultusvorstandes sprach für den Gemaßregelten mit warmen Worten. Welches ist das große Verbrechen des Lehrers, das ihn seines Brotes beraubte, so daß seine gewiß schuldlose Familie darben und hungern muß? Wir sind der Anschauung, die Akteil über diesen Streit sollten veröffentlicht »verden. Man »vill die ganze Frage einer Koinmission übergeben; was aber bei solchen Koiiriirissionsverhandlungen herausschaut, ist bekannt. Was iiirmer auch der Lehrer getan hat, uns scheiirt es eine Härte zu sein, jemand unr sein Stückchen Brot zu bringen. Die Angelegenheit spukt schon seit Wochen in den Verhandlungen des Wiener Kultusvorstandes', und es »väre an der Zeit, ihr ein Ende zu bereiten. Aber „in omuibus earilas", diesen Grundsatz irgendeines Heiligen, »vollen auch »vir beherzigen. Es geschieht heute oft, daß inan Worte einer sehr berechtigten Kritik von Seite derer, »velche die Macht haben, streng bestraft. Man erinnere sich aber daran: Wer öffentlich wirkt, muß-sich auch eine Kritik seines Wirkens gefallen lassen. — Hier Haber» »vir gleichsam ein Schulbeispiel dafür, »vie notwendig es »väre, unsere Vertretungen auf breiterer Basis aufzubarren. Wären unter unseren Vorständen auch wahre Volksrnänner, vieles käme nicht vor, »vas uns durchaus nicht zur Ehre gereicht. Jenem »vackeren Vorstandsmitgliede aber, das sich der Sache eines Unglücklichen annahm, »nuß daher Dank gesagt werden vorr allen, die »vünschen, daß das Judentum aufgebaut werde auf den alten drei Säulen, die da sind: „Liebe, Wahrheit — und Gerechtigkeit." Diese aber geht allen» voran. hvri. Maija Gra?iadio psroli. Non Prof. Dr. A. Berliner. un ist auch der große Meister der Sprachforschung dahingegangen! Im 78. Jahre seines reichgesegneten Lebens ist er ain 21. d. M. in Mailand gestorben. Eraziadio Ascoli hat bei seiner Geburt am 16. Juli 1829 von seiner» Eltern in Görz die hebräischen Namen Elchanan Jesaja erhalten — Name»», die als eine gewisse Prädestination sich ertviesen haben. Während Elchanan an den Gottbegnadeten erinnert, den mair allgemein in dem unvergleichliche»» Sprachgelehrteir erkennt, erscheint Jesaja nrit dein klaren Seherblick, der in die geheimsten Gesetze der Sprache einzudringen versteht. Mcoli hat in» zartesten Knabenalter seinen Vater verloren; svurit fiel der Mutter die Aufgabe der Erziehung zn, in der sie durch einen treuen Privatlehrer unterstützt »vurde, der den Knaben in den Eleinentargegenständen unterrichtete. Dü» Mutter suchte alsbald den Sohn für ihr Geschäft, eine Papierhandlung, heranzuziehen, alleil» der »nit ausgezeichneten Geistesanlagen ausgestattete Knabe »vandte sich bald hiervon ab und, indem er fein eigener Lehrer »vurde, studierte er nrit einsigem Fleiße vorzüglich die Sprache seiner Heirnat, für die er in seinem 16. Lebensjahre mit einer Arbeit austrat, die allgemeines Staunen erregte. Das Buch, welches eine vergleichende Studie über das Idiom irn Friaul bildet und die Aehnlichkeit desselben mit der Sprache der Wallachen nach»veist, »vurde geradezu als ein Meisteciverk bezeichnet, das in dem jungen Verfasser den fertigen Philologen vom Fach erkennen ließ. Der Rektor »rnd die Lehrer des Gymnasiunrs seiner Vaterstadt traten mit ihn» in gelehrte Verbindung, »velche ihn zugleich zunr Studium alter uird neuer Sprachen führte. Sein Ruf drang bald über seine Heinrat hinaris; in Wien, »vohin er öfter kan», konnte er nrit dein berühmten Orientalisten von Hairrnrer-Pnrgstall verkehren, von dem er vielfach Anregung und Ernrutigung für seine sprachvergleichenden Studien erhielt, i Die Resrrltate derselben waren zunächst die 1854/55 | erschienenen zwei Bände: „Studii orientali e linguistici“ »rnd | ,Studii comparativi di Irrigere Ariani“. Dann folgten in jede»»» i Jahre neue Veröffentlichungen seiner sprachlichen Entdeckungen, j »vie man seine Studien bezeichnete, in denen man überall! sein schöpferisches Talent wie seine eigenartige Erkenntnis für die phonetischen Erscheirrrrngen in den Sprachlauten - bewunderte.

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