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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 Zukunft der Gememdebeamten sicher zu stellen; der im März > des verflossenen Jahres erfolgte Anschluß an die Provinzial-! Pensions- und Reliktenkasse in Münster war nur der Schluß- . stein des Werkes, zu dem Moritz Katzenstein vor neun Jahren i das Fundament gelegt hat. Der Heimgegangene vertrat prinzipiell die Auffassung,, daß jede Gemeinde verpflichtet sei, ihren Beamten definitive Anstellung und Pensionsberechtigungzu gewähren. Das Gegenteil erschien ihm unwürdig. Aus s dieser Gesinnilug heraus hat er die Pensionskasse geschaffen. Ein Stück sozialer Arbeit umschloß auch seine Tätigkeit für die Marks-Heindorf'sche Stiftung, die in ihm einen ihrer allsgezeichnetsten Kuratoren verliert. Es gibt überhaupt keine jüdische Wohltütigkeitsanstalt in der Provinz, der er nicht sein tatkräftiges Interesse zugewandt hat, und auch über die Provinz hinaus hat er zahlreichen sozialen Hilfswerken als Leiter oder Mitarbeiter gedient. Und wie wohltuend berührte die Art, in der er die Einheitlichkeit des religiösen Lebens in Westfalen zu fördern suchte! Ich habe selten einen Laien kennen gelernt, der mit so viel Begeisterung und gesundem Verständnis für die Reform des Judentums gewirkt hat. Als wir im Jahre 1892 die Herausgabe eines neuen Gebetbuches beschlossen hatten, da trat er als einer der Eifrigsten für die energische Durchführung des Beschlusses ein. Der Gottesdienst sollte den berechtigten Forderungen unserer Zeit entsprechen und äußere s Würde mit innerer Wahrheit verbinden. Für dieses Ideal j hat der Entschlafene an der Spitze des Verbandes unermüdlich! gekämpft. Aber obwohl er ganz in diesen Ideen aufging, duldete er doch keine unzulässige Beeinflussung der Verbandsgemeiilden zugunsten der religiösen Refornl. Insbesondere die kleinen, von uns subventionierten Gemeinden behielten trotz der ihnen gewährten Unterstützung in der Einrichtung ihres Gottesdienstes stets ihre volle Unabhängigkeit. Ich wüßte für den Geist echter Toleranz, in dem der Entschlafene den Verband geleitet hat, kein besseres Beispiel anzuführen, als die Tatsache, daß keine der von uns subventionierten Gemeinden das neue Gebetbuch eingeführt hat. Moritz Katzenstein nahm für sich das unbedingte Recht in Anspruch, seine religiöse Ueberzeugung rückhaltlos zu betätigen, und deshalb erkannte er auch denen, die einer anderen religiösen Weltanschauung huldigten, das gleiche Recht zu. Er war zielbewußt und duldsam; Selbständigkeit im Urteil paarte sich bei ihm mit echter Toleranz. Toleranz aber wurzelt in der Objektivität; nur objektiv Denkende können wirklich tolerant sein. Und diese vornehme, würdevolle Sachlichkeit hat der Entschlafene in besonders hohem Maße besessen. Darum blieb er immer ein so einfacher und schlichter Mensch. Die Idee galt ihm alles; nie stellte er seine Person in den Vordergrund. Am meisten aber offenbarte sich der Zauber seiner Persönlichkeit in seiner schlichten Güte. Sein ganzes Wesen atmete eine so herzgewinnende Liebenswürdigkeit, daß niemand sich seinem Einfluß entziehen konnte. Wer ihm näher trat, mußte ihn lieb gewinnen. Darum war er der berufenste Führer der westfälischen Judenheit; er wirkte ausgleichend und versöhnend. Seine Nachfolger in der Verbandsleitung haben das Werk, das er begonnen, in selbstloser Hingabe und mit ausgezeichnetem Erfolge weitergeführt. Das hat er selbst am dankbarsten anerkannt. Und doch haben wir alle so viel an ihm verloren. Der Zauber seines Wesens ist für uns unersetzlich. Srirk sus Lelterreich. Ende Januar 1907. ekanntlich reden Steine (saxa loquntur); aber auch Zahlen führen eine sehr beredte Sprache, die man in unserem Zeitalter der Statistik und Soziologie nicht überhören kann. Wir schreiben diese Worte nieder, nachdem wir den Voranschlag der Wiener Kultusgemeinde „pro" 1907 gelesen haben. Also mögen sie denn ihre trockene Sprache reden, die dürren Zahlen. Die Einnahmen betragen nach dieser Budgetierung 2 569 014,59 Kronen, die Ausgaben 2 722 142,40 Kronen, das macht ein Defizit von 153 127,81 Kronen. Mancher dürfte über einen solchen Fehlbetrag erschrecken. Aber der Referent gibt die tröstliche Versicherung, „daß es im Lause des Jahres durch besondere Ersparungen möglich sein werde, das Defizit, zu beseitigen". (Beifall der Versammlung.) Ein schwacher Trost ist's, der hier ausgesprochen wird, aber ein Trost, ebenso wie die alten Lateiner von der „dura lex" sprachen, die aber trotzdem eine „lex" bleibt. Die Frage ist nnr: Wo wird erspart werden? Doch wohl nicht beim Unterricht, dessen Kosten mit 205 127 Kronen eingestellt wurden? Oder bei den Ausgaben für die Armen- und Wvhltätigkeitsangelegeicheiten, für die eine Sunnne von 271 117,15 Kronen angesetzt wird? Und wer bürgt dafür, daß die Kultussteuern in der Höhe von 1 280 000 Kronen verbleiben? — Auf alle Fälle ist der angeführte Fehlbetrag ein gewaltiger und man wird bei den jetzigen Zeitläuften, in denen überall eine Erhöhung der Ausgaben und eine Verminderung der Einnahmen zu beobachten ist, Mühe haben, ihn herabzusetzen. Doch es ist nicht unsere Sache, der Zukunft nachzuspüren, da dabei wirklich nichts herauskommt. Interessant ist es jedenfalls, dieses Riesenbndget im Jahre 1907 ins Auge zu fassen, wenn wir das interessante statistische Moment anführen, daß vor 50 Jahren d. i. im Jahre 1857 (5617), in der Wiener Geineinde nur 15 000 Juden lebten, während sie jetzt als die größte Gemeinde Mitteleuropas bezeichnet werden kann, mit nahezu 160 000 Seelen und einem Millionenbudget von Einnahmen und Ausgaben, freilich auch mit einem nach Tausenden, ja Hunderttausenden sich beziffernden Defizit. Auch sonst bot diese Sitzung der Wiener Kultus- Gemeindevertretung manches Beachtenswerte. Vor allein wegen der, betreffs der letzten Wahlen, eingereichten Proteste von seiten der Oppositionsparteien. Gestehen wir es nur, diese verfügten nicht nur in Wien, sondern auch in anderen großen Gemeinden, zuin Beispiel in Brünn, über eine den Unbeteiligten in Staunen versetzende, sehr bedeutende Minorität. Ich sage: den Unbeteiligten, und meine damit die Indifferenten, die sich wenig um Kultusangelegenheiten bekümmern. Wenn aber die Wahlen kommen, dann müssen alle erkennen, es sei etwas faul, auch in unseren Kultusgemeindeu; denn woher sonst die Opposition gegen die bis jetzt Regierenden? Diese „beati possidentes" beginnen zu erzittern auf ihren kurulischen Stühlen. Wir leben eben in einem sozialen Jahrhundert, das seine Reflexbewegungen auch auf das Judentum überträgt. Wollen wir, daß unsere Kultusgemeinden im modernen Sinne geleitet werden, dann dürfen wir auch den breiten Volksmassen den Zutritt zu deren Verwaltung nicht versagen. Alle müssen zur Erhaltung dieser Gemeinden beitragen, daher steht auch allen das Recht zu, ihre Vertreter zu wählen und auch solchen, die nicht so vorsichtig waren in der Wahl ihrer Eltern, daß sie die Söhne von Millionären wurden. Wir Juden dürfen diesen demokratischen Zug unserer Zeit nicht verkennen. Im Gegenteil, seien wir froh, daß sich die unteren, das heißt weniger wohlhabenden Schichten unseres Volkes, trotz des schweren

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