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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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deren intime Zusammenhänge mit den innersten Triebkräften der sittlichen Kultur. Es liegt mir fern, bei diesem Anlaß Differenzen hervorheben zu wollen. Aber auf zwei Momente sei kurz hingewiesen. Unsere Gegner in allen Lagern gehen irre, wenn sie die Energie unserer sittlichen Ueberzeugung von der Vernunftgemäßheit der Idee des Einig-Einzigen Gottes unterschätzen. Es muß sonderbar im Geiste und Gemüte derjenigen Juden aussehen, welche selbst die Trinität nicht bekennen, ihre Kinder aber diesem Glauben zuzuführen den Mut gewinnen. Hier ist eine unüberbrückbare sittliche Kluft zwischen dem modernen Juden des liberalen Judentums und jenen, auf die Nöldeke als auf „seine Freunde" sich, beruft. Hier hat ihn seine Induktion, ich weiß nicht aus wie viele Fälle sie zu berechnen ist, in Irrtum gebracht. Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen. Der Einzige Gott verträgt schon darum keine Gemeinschaft mit Christus, weil er selbst und allein der Erlöser ist. Bei idealster Auffassung der christlichen Erlösungsidee aber bleibt der unausgleichbare Gegensatz zur jüdische» Gottesidee. Auf der Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch, ohne den Mittler, beruht die prophetische Idee der messianischen Menschheit. Diese Differenz liegt dem modernen liberalen Juden klar und sicher im Geiste und Gemüte. Sie ist eine tiefe Macht und Kraft in ihm. Daher sind unsere Gotteshäuser am Versöhnungstage überfüllt. Wer den Versöhnungstag nur aus dem Pentateuch kennt, der hat keine Ahnung von der sittlichen Bedeutung dieses Tages für die vielen Tausende moderner Juden, die an diesem einen Tage im Jahre ihren Zusammenhang mit ihrem Gotte, mit ihrem Seelenheil, mit dem geschichtlichen Bewußtsein ihrer Religion bekräftigen. Es kann kein größeres Vorurteil gedacht werden, als welches in der Meinung liegt, diese Tausende liberaler Juden würden nicht von einem tiefen Gefühl wahrer Religiosität getrieben. Es ist aber auch ein schweres Unrecht, von dom die liberalen Juden betroffen werden, wenn man ihnen die Wahrhaftigkeit dieses ihres religiösen Gefühls abspricht. Und das Unrecht wirkt um so schlimmer, als daraus schwere politische Fehler entspringen, welche zugleich die intimsten Kräfte der Kultur angreifen. Betrachten wir zunächst den allgemeinen Fehler. Die Methode, die Echtheit und das Recht des religiösen Rationalismus anzuschwärzen, kommt immer und überall unfehlbar den Schwarzen zugute. Für die Juden wird dieses Vorurteil aber noch dadurch zum Unheil, daß man das noch lebendige religiöse Gefühl im modernen Juden abzustumpfen und zu ertöten sucht, indem man es bezweifelt und als illusorisch erklärt. Wo die entsprechenden Fehler leider sich zeigen, da ist man schnell bereit, auf die Gefahr hinzuweisen, die deshalb das moderne Judentum darbiete. Es ist ja ganz außer Zweifel, daß ein Mann wie Theodor Nöldeke seine Freunde nicht zu dem beregten Schritte verleitet haben wird. Nehmen wir daher den umgekehrten Fall an, diese Freunde wären dem Judentum treu geblieben, so wäre Nöldeke der erste gewesen, der diese Treue bei ihnen anerkannt, hochgerühmt, und mehr als dies, natürlich und sympathisch empfunden Hütte. Dann würde er gefunden haben, in wie natürlicher Ebenmäßigkeit die Treue zur Religion, zu den Ideen, zum Wesen der Religion, zu den spezifischen Gefühlsmächten der Religion sich bei seinen Freunden verbunden zeige mit der Treue für das deutsche Vaterland, für seinen Staat, seine Geistesart, seine Wissenschaft, seine Kunst, seine gesamte Kultur. Auch die religiöse darf dabei eingeschlossen sein. Denn welcher gebildete deutsche Jude hätte nicht Sympathie mit den echten, geschichtlich fruchtbaren, kulturkräftigen Richtungen der christlichen Frömmigkeit? Nur die Zeiten des Kampfes können darin Ablenkungen und Unterbrechungen bewirken. Aber freilich ist es auch von jüdischer Seite zu hoffen, und ich gestehe es, auch zu verlangen, daß unsere christlichen Freunde das Wesen unserer Religiosität kennen zu lernen sich gedrungen fühlen, und daß es ihnen Bedürfnis werden muß, in diesem Heiligsten unseres Inneren uns die Sympathie der Verständigung und der Freundschaft zu widmen. Die Zeit wird kommen, in der diese Hoffnung Wirklichkeit sein wird; wie sehr sie jetzt auch noch im Dunkeln liegen mag. Aber ein wichtiges Erlebnis ist diese Kundgebung eines Theodor Nöldeke deshalb, weil sie manchen unter uns die Augen öffnen muß, die sie gern vor der krassen Einsicht verschließen möchten : daß unsere schlimmsten Feinde nicht die sogenannten Antisemiten, auch nicht die Konservativen prinzipiell sind, sofern sie die Reichsverfassung beschwören; sondern es sind jene „Freunde", deren Handlungsweise und Konsequenzen Nöldeke unfreiwillig charakterisiert hat. Sie sind unsere Ankläger. Sie sagen nicht etwa: Wir sind Opportunisten, sind moderne Menschen; was geht uns die Religion an? Wir wollen für unsere Kinder sorgen. So entschuldigen sie sich bei ihren jüdischen Freunden. Den Christen aber sagen sie: Die jüdische Religion ist minderwertig; wir wollen nicht, daß unsere Kinder mit ihr zusammenbleiben; das Höchste, was ihr Wahrheitsgefühl etwa noch leisten könnte, wäre, ut sagen: laute de rnieux; lassen wir sie Christen werden. Dagegen aber, ob sie es sagen oder nicht, wirkt ihr Beispiel im nationalen Sinne gegen uns, Ihr Verhalten wird als ein nationales Opfer angesehen, das die anderen Juden daher — aus Mangel an deutschem Nationalgefühl — verschmähen. Nach diesen „Juden".beurteilcrt uns die besten Christen. Darum glauben sie es uns nicht, wenn wir mit dein Propheten sagen: Ich bin Hebräer, weil ich den Ewigen, den Gott des Hinnnels, ehrfürchte. Diese Ueberläufer schwächen auch unter uns die Energie und den Enthusiasmus des religiösen Bewußtseins; sie stumpfen das sittliche Urteil ach über eine natürliche Ehrenfrage des schlichten Menschengefühls', und sie untergraben nicht minder auch die naive Ueberzeugung von der Verträglichkeit des Judentums mit dem deutschen Nationalgefühl. Trotz alledem aber leben diese beiden Gemütskräfte als natürliche Gefühle unauslöschlich in uns, und sie werden in uns fortleben, indem sie einander bald mäßigen und einschränken, bald beschwingen und kräftigen, bis die ethische Entwicklung der Menschheit zu ihrer Reife gelangen wird. Die Lage in hellen. i. ie wir unfern Lesern bereits mitgeteilt, haben die Vorstände der israelitischen Religionsgemeinden zu Mainz, Darmstadt, Gießen und Bingen auf die Vorstellung der Rabbiner und Vorsteher der orthodoxen israelitischen Religionsgesellschaften zu Darmstadt, Mainz, Gießen und Bingen betreffend den Gesetzentwurf, die Verfassung und Verwaltung der israelitischen Religionsgemeinden, eine Antwort an die Zweite Kammer der Stände des Großherzogtums gerichtet. Diese Antwort liegt uns jetzt vor. Sie ist ein bedeutungsvolles Schriftstück, eine Erklärung, die jeder gebildete und moderne Jude in ganz Deutschland billigen und unterschreibe,, kann. Wir halten das Schriftstück für wichtig genug, um es in seinem vollen Wortlaut hier mitzuteilen. Nachdem der Gesetzentwurf zunächst in der Hauptsache charakterisiert wird

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