Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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Durch die Zeitungen ging in dieser Woche die Nachricht, daß es in den Bestrebungen der preußischen Reaktion liege, auch die Frauenvereinein reaktionärem Sinne zu zentralisieren und Aufsichtsbehörden zu unterstellen. „Es gibt Vaterländische Frauenvereine mit Zweigvereinen, Provinzialverbänden und dem Hauptverein in Berlin. Diesen Vaterländischen Frauenvereinen, die das edle Ziel haben, für den Kriegsfall die Hilfstütigkeit zu organisieren, stehen Geistliche und höhere Regiernngsbeamte zur Seite. Die Vaterländischen Frauenvereine haben aber auch den Zweck der Linderung außerordentlicher Notstände im Frieden, und in diesem Zweck begegnen sie sich mit unzähligen lokalen Frauen- und Hilssvereinen. Es wird nun offenbar beabsichtigt, diese unabhängigen lokalen Frauenvereine dem von Berlin aus im konservativsten Sinne geleiteten Vaterländischen Frauenverein anzuschließen und von ihm abhängig zu machen. Die preußischen Oberpräsidien nehme» das vielfach unter der Beihilfe der Landräte erfolgreich in die Hand. Beamte des Oberpräsidiums versammeln besonders in kleineren Orten Frauenvereine, die vielfach von Staat und Kirche bisher ganz unabhängig waren, und fordern diese zur Klarstellung der Frage auf, wie sich die Mitglieder im Kriegsfälle verhalten würden. Wenn dann die Zusage erfolgt, daß im Kriegsfälle der Frauenverein eine dem Vaterländischen ähnliche Tätigkeit entwickeln werde, wird mit Erfolg darauf hingewiesen, daß eine Verschmelzung mit dem Vaterländischen Frauenverein oder die Umgründung als Zweigverein desselben höchst wünschenswert sei. Vielfach sind sich die Damen des Frauenvercins gar nicht darüber klar, in welche geschlossene Organisation mit christlich-konservativen Tendenzen sich der bisher ganz freie Verein dann umwandelt. Unter dem Druck von Landrat und Geistlichkeit wird eine Erklärung abgegeben, auf die hin der Frauenverein dann auch glücklich eine Aufsichtsbehörde erlangt hat, wenn auch nicht, wie beim Kriegerverein, durch fälschliche Anwendung einer außer Kraft getretenen Kabineltsorder. so doch tatsächlich durch den geschäftssührenden Ausschuß des Provinzialverbandes und des Hauptvereins. Es sind hier vor allen die Damen der höheren Regierungsbeamten, die in den Ausschüssen ivohl meist j unbewußt zugunsten der Reaktion tätig sind." Da die lokalen Frauenvereine völlig unabhängig sind, da ferner — namentlich in der Provinz — viele jüdische Mitglieder in diesen Vereinen Mitwirken, in manchen sogar an leitender Stelle, so erscheint eine rechtzeitige Ansklärung für diese Kreise dringend erwünscht. * , Der Heeresausschuß der französischen Kammer beschloß auf Antrag seines Vorsitzenden Berteaux einstimmig, von der Regierung die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes zu verlangen, derben Offizieren der Reserve und der Territorialarmee, die wegen Parteinahme für Drehfus von früheren Ministern oder parteiischen Militärgerichtshöfen aus dem Heere entfernt wurden, ihren Osfiziersrang wiedergeben soll. Zu dieser Kategorie von Opfert!, an denen begangenes Unrecht gesühnt werden soll, gehört auch Joses Reinach, früher Generalstabshauptmann der Reserve, der jetzt selbst Mitglied des Heeresausschusses ist. Die Nationalisten- und Antisemitenpresse, die sich noch immer nicht darin finden kann, daß ihre Partei endgültig besiegt und zermalmt ist, erhebt ein Jammergeschrei über diesen Beschluß, den sie einen Anschlag auf das Heer, den Todesstoß gegen die Manneszucht, jüdische Machinationen u. dergl. nennt. — Alles vergeblich! Die Steigerung der jüdischen Einwanderung in Nord- Amerika drückt sich in folgenden Zahlen aus: 1901: 85 000; 1902: 107 000; 1903: 136 000; 1905: 184 000 russische Juden. Die Zahl der Juden in New Port kann jetzt auf über 750 000 geschätzt werden. Während der zwölf Monate von Juli 1905 bis Ende Juni 1906 hat die russisch-jüdische Einwanderung im Hafen von New Dort allein 106 895 Personen betragen. Angesichts dieses mächtigen und immer breiter werdenden Einigranten-Stroms sowie der Ueberfüllung New Horks und der imnier strenger werdenden Bedingungen für die Zulasiung zur Landung, sind die wohltätigen jüdischen Organisationen in Amerika schon seit langem bestrebt, neue Ansiedlungsgebiete mit günstigeren Erwerbsverhältnissen für die Einwandernden ausfindig zu machen. Das neueste, von den führenden jüdischen Persönlichkeiten in den Vereinigten Staaten, an ihrer Spitze der unermüdliche Philantrop Jakob H. Schiff, ins Auge gefaßte, und wie wir bereits mitgeteilt, in absehbarer Zeit zur Realisierung bestimmte Projekt ist die Ablenkung der Emigration nach Galveston-Texas. Ein Wohltäter hat für die Ansiedlung einer großen Anzahl russisch-jüdischer Familien in Texas und den anderen Südstaaten 500 000 Dollars, wie berichtet wird, unter der Voraussetzung zur Verfügung gestellt, daß eine ungefähr gleiche Summe auch in Europa aufgebracht werde. Dieser Tage ist bekannt geworden, daß Lord Rothschild in London und Baron Edmund Rothschild in Paris zu diesem Zwecke bereits ebenfalls je 10 000 Pfund Sterling gespendet haben. Die leitenden Organisationen in Europa, die sich während der letzten Jahre wiederholt bei großen Emigranten- Ansammlungen an der russischen Grenze vor die schwere Frage gestellt sahen, nehmen selbstverständlich am neuen, von unseren amerikanischen Glaubensgenossen sicherlich wohlerwogenen Vorschläge das aüerwärinste Jntereffe, und wenn er greifbare Gestalt angenommen haben wird, tvird an sie die Ehrenpflicht herantreten, wie bei allen großen internationalen Hilfsaktionen, bei der Aufbringung des erforderlichen Fonds sich mit einer entsprechenden Quote zu beteiligen. Texas ist, nach allem was man erfährt, ein für die Einwanderung russischer Juden überaus günstiges, sehr geräumiges, freies Land, wo eine blühende Baumwoll-Jndustrie (mit Galveston als Zentrum) sowie Holz- und Oel-Jndustrie vielen Tausenden von Familien eine Existenz bieten kann. Interessant ist, daß, wie „lew. World“ mitteilt, Juden bereits vor langer Zeit die Entwicklung dieses Staates, der territorial einer der größten Amerikas ist, sehr gefördert haben. Ein europäischer Jude, Henry Castro (geb. in Frankreich 1786, gest. in Mexiko 1861), hat 1842 mit dem Präsidenten der Republik Texas, Samuel Houston, einen Vertrag geschlossen, dort eine Kolonie zu begründen. In den Jahren 1843—1846 hat Castro 5000 europäische Auswanderer nach Texas befördert, und eine Provinz im Mordwesten des Landes wurde nach ihm, den das Unternehnien 30 000 Pfund Sterling aus seinem Vermögen gekostet hat, Castro County benannt. Gegenwärtig wohnen in Texas 17 500 Juden in 20 Städten und 60 kleinen Ortschaften. Galveston hat bereits einmal einen jüdischen Bürgermeister gehabt, und auch in die gesetzgebende Körperschaft des Landes werden vielfach Juden gewählt. Die Hoffnungen auf dieses neue Auswanderungsziel dürfen aber mit bezug auf die Lage der russischen Juden nicht zu hoch gespannt werden. Einer der eifrigsten Förderer des Hilfswerkes für die russischen Juden, Oskar Straus in New Jork, (jetzt Handelsminister der Vereinigten Staaten) sagte vor einigen Monaten in einer in London gehaltenen und von uns seinerzeit veröffentlichten Rede: „Ob das Auswanderungsgebiet die westlichen Länder, die Vereinigten Staaten seien, ob es in Kanada oder Mesopotamien ist, es wird nur ein kleiner Bruchteil dorthin wandern, der größte Teil wird in Rußland Zurückbleiben. Wir dürfen diese Tatsache nicht aus den Augen verlieren, und während wir für den kleineren Teil