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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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müssen uns mit den wenigen Bemerkungen begnügen, die wir hier geben. Das Hauptgebiet seiner Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten waren die Beziehungen der jüdischen Literatur zu anderen Literaturen und Wissenschaften des Mittelalters. So erstreckten sich diese zunächst auf Bibliographie, dann auf Geschichte, Philosophie, Sprachwissenschaft, Medizin, Astronomie und Mathematik. Steinschneider schrieb Deutsch, Hebräisch, Lateinisch, Französisch, Italienisch und Englisch, Diese ungeheure Produktivität war aber gepaart mit der größten Gründlichkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit. Steinschneider war streng gegen sich selbst, darum aber auch streng gegen andere. Seine Polemik ging oft weit über die Grenzen hinaus, sie verfolgte besonders alle Popularisierungsbestrebungen in der Literatur und Wissenschaft des Judentums. Es war dies um so befremdender, als er selbst populären Arbeiten in der deutschen Literatur nicht abgeneigt war und solche namentlich in jüngeren Jahren verfaßte. Weder unser Blatt, noch die Literaturvereine hatten sich seines Wohlwollens zu erfreuen. Den unvergeßlichen Begründer dieser Zeitung hat er jahrzehntelang in der schärfsten Weise bekämpft, und die Bestrebungen der Literaturvereine lehnte er entschieden ab, weil er das Halbwissen mehr fürchtete als das Nichtwissen. Aber wir glauben im Sinne Ludwig Philippsons zu sprechen, wenn wir an diesem frischen Grabe des großen Mannes das Wort der Alten beherzigen: „Der Tod versöhnt!" Steinschneider war von unerbittlicher Strenge und Objektivität; in seiner Forschung kannte er keine Tendenz. Als er sein Riesenwerk, die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters, an dem er über vierzig Iahte gearbeitet, 1893 erscheinen ließ, schrieb er am Schluß' des Vorworts folgendes für sein ganzes Schaffen sehr charakteristisches Bekenntnis: „Ich habe meine Forschnngen zunächst für mich selbst angestellt; es hat stets Männer gegeben, welche das Forschen zu den selbstzwecklichen Tätigkeiten zählten, wie andere Menschen andere Genüsse. Ich schreibe auch zunächst für derartige Leser, womit ich diejenigen meine, welche Einzelnes darin aufsuchen werden, und die ich auch „fortlaufende" nennen könnte; auf kontinuierliche Leser ist dieses Buch nicht eingerichtet, auch nicht auf viele Käufer, wie die kleine Auflage beweist, die ich auf eigene Kosten hergestellt habe . . . Ich lehne jede Verantwortlichkeit für etwaige Auszüge und Bearbeitungen ab, welche ineine Forschungen „popularisieren" möchten; es gibt Gebiete, die nie volkstüurlich werden, weil das Verständnis eine gewisse Vorbildung, das Interesse dafür eine besondere Geistesrichtung voraussetzt; dazu gehört ein Teil der Literaturgeschichte; was man dem „Volke" vorsetzt, ist oft magerer Knochen mit Aufguß von Wasser. Gewisse Erkenntnisse sind weder Naturgaben noch Fabrikat; wer nicht selbst daran arbeitet, gewinnt nichts und verdient es auch nicht. Ich schreibe über Juden, aber nicht fürste, nicht pro clomo. Judenfeinde belehrt man nicht, am wenigsten durch Geschichte; das lehrt uns das Jahr 1892 recht eindringlich. Die Kultur der alten Juden für das Recht der jetzigen in Anschlag zu bringen, wäre Verrat an dem unveräußerlichen Menschenrecht, das aus angeblichen Zweck-! mäßigkeitsgründen von einer Majorität vergewaltigt, aber j niemals gesetzlich beseitigt werden kann. Unrecht wird auch durch urkundliche Geschichte nicht verhütet, und wer schreibt sie? Die Geschichte der Töchterreligioneu ist eine von unausgesetzten Mordansällen auf die eigene Mutter; wenn jemals einer gelingt, so fallen die Täter mit der Tat. Ich habe hier meinen Standpunkt bezeichnet; der unbefangene Leser wird ihn im Buche selbst nirgends vermissen, j Der Abschied von diesem Buche, welches die größere! Hälfte eines langen Lebens in Anspruch genommen, ist > gewissermaßen ein Abschied vom Leben selbst, und jedes Et o mahnt uns daran, wie winzig der einzelne der Gesamthj gegenüber ist; aber gerade dieser Gedanke treibt uns z , Erforschung des Zusammenhanges zwischen dem Einen u:,i dem All, welches uns lehrt, daß das Endliche in dem Ul, endlichen auf- und nicht untergeht." In diesen wenigen Sätzen liegt der ganze Steinschneid r ivie er leibte und lebte, und keine Charakteristik vermöchte i >, besser zu schildern, als er sich hier selbst geschildert hat. Aber es wäre ungerecht, nicht auch zu erwähnen, k-,- einer seiner besten Schüler von ihm rühmt, nämlii die klassische Anmut seines Witzes, die unerschöpfli h Güte seines Herzens neben der unerbittlichen Strenge sei, ,>• Urteils, die Hoheit und Vornehmheit seiner Gesinnung u,k die Einfachheit und Bescheidenheit seines Lebens; „so bani t er uns alle in den Zauber seiner großen Persönlichkeit". Vielleicht haben auch wenige das Judentum so gelüo wie er, der diese Liebe niemals eingestanden, sondern sie ken rl I in seines Herzens Schrein alle Tage seines Lebens geborg t hat; denn nur innige Liebe zu einer Gemeinschaft kann t„ solches Lebenswerk hervorbringen. Und darum wird die b, inneruug an dieses auch fortleben und fortwirken; solan es eine jüdische Literatur gibt, wird man des Mannes , Ehren gedenken, der ihre Geschichte zuerst geschrieben und Um Urkunden zuerst gesammelt und erschlossen hat. Bit Woche. Berlin, 28. Janu,,, er Ausfall der Reichstagswahlen ist bekannt. Jnsow il durch dieselben die Parteien gestärkt wurden, die f h I unser Recht jederzeit einzutreten bereit sind, dürfen wir darüb:,! besondere Freude empfinden. Von unfern Gegnern, den An >- > semiten, der Mittelstands-christlich-sozialen Partei und Win- > schaftlichen Vereinigung, sind bisher nach der offiziellen Ai j stellung gewählt: 1 Mittelstandspartei, 3 Reformpart >, 4 Wirtschaftliche Vereinigung. In die Stichwahl komme : 2 Mittelstandspartei, 3 Reformpartei, 12 Wirtschaftlir c Vereinigung. Aufgestellt waren im ganzen inehr a •: 55 Kandidaten. Im ersten Wahlgang sind bereits von dies,,, gewählt: Die Herren Stöcker, Liebermann von Sonnender |, Bruhn, Zimmermann. Graefe, Burkhardt. In die Stichwa >> kommen: Werner, Herzog. Lattmann, Graefe, Richthofe i, Schack, Raab. Endgültig beseitigt sind Ahlwardt, Böckl, Krösell und Frölich. Es ist natürlich, daß die Antisemiten überall, wo sie n -t Sozialdemokraten in die Stichwahl kommen, Sieger bleib, i werden. Schon heute fordert die nationalliberale Part i in Kassel dringend auf, alle Stimmen dem antisemitisch, > Amtsrichter Lattmann zu geben. Im Gegensätze hierzu erklü t der Vorstand der sozialdemokratischen Partei, daß Antisemit, > nirgends und unter keinen Umständen gewählt werden dürfe Damit auch die Kehrseite der Medaille nicht fehle, woll n wir zum Schlüsse nur noch kurz erwähnen, daß von sämtlich >> aufgestellten jüdischen Kandidaten (Rosenow, Cassel, Freuiw, Lichtenstein, Heilbrunn, Löwenthal-Brieg, Peyser, Preuß, Her Heilberg, Löwenthal-Altona, Weill) einzig und allein der letzt, o in Karlsruhe in Stichwahl kommt. Dagegen ist Rechtsanw, 4 Frank als Kandidat der Sozialisten in Mannheim mit groß v Majorität gewählt worden. Ein zusammenhängendes Bild des neuen Reichstags wi sich jedenfalls erst nach den Stichwahlen geben lasten.

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