Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'Jahrgang. Nr. 5. Berlin,!. Februar 1907. Zeitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. £ efe Zeitung erscheint wöchentlich. A banne men ts- Preis: durch Buchhandel o er Post (in Berlin u. Vororten durch unsere r rlriebsst llen) b. zogen vierteljährl. 3 M. r eLaktenrr Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philippson. VerlgZL-LxpeSMoll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, Z" richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I Moritz StemlchnrMer. Berlin, 27. Januar, ls ein Mann, der unzählige Werke, alle Urkunden der ^"'4' Tradition durchstudiert hatte, gestorben war, fragte mail > Rabbi Nachman an, welche Trauerrede man ihm halten >ue? Ruft ihm nach, erwiderte dieser nach dem Talmud >ed katon 18):!“iDm ’ISD ^ÄS“! SK VI „Weh um den irauk voll von Büchern, der dahin geschwunden ist!" Es ist nicht klar, ob dieser Ausruf ursprünglich ironisch »eint war; in jedem Falle hat er, wie soviel geflügelte ute, im Lauf der Jahrhunderte eine große Wandlung durchnacht, und er ist schließlich der übliche Nachruf geworden alle die Männer, deren große Literaturkenntuis sprichrtlich geworden war. Unzweifelhaft wird man in hebräischen < rologen sich auch diesmal der Trauerrede des Rabbi Nachn bedienen; freilich müßte man sie heute wesentlich erlern. Nicht ein „Schrank voll Bücher", sondern vielmehr e ganze Wissenschaft wird mit dem Manne zu Grabe ragen, der weit über die biblische Altersgrenze hinaus so ermüdlich im Dienste der Wissenschaft gearbeitet hat. Moritz Steinschneider, dessen Biographie und dessen ssenschaftliche Lebensarbeit noch von anderer Seite dargestellt . rden wird, stammte aus Mähren, und zwar aus Proßnitz, schon damals die Aufklärung die Geister ergriffen hatte.! in Wissensdrang führte ihn in jungen Jahren nach Deutsch- *;d. Seit 1840 stand das Programm seines Lebens fest. : .'benundsechzig Jahre, fast ein Menschenalter hindurch, hat 5 unablässig und unermüdlich an der Erfüllung desselben i irbeitet. Die Zeitungsnekrologe, die ihn einen großen Bibliographen i o einen großen Orientalisten nennen, erschöpfen durchaus t ht das Wesen seiner Lebensarbeit. Moritz Steinschneider räsentierte vielmehr den Typus des objektiven Forschers in i ler möglichsten Vollendung. Er war ohne Zweifel der i iversellste jüdische Gelehrte, den das Jahrhundert auf- > veisen hat. In der Vielseitigkeit seiner wissenschaftlichen i rschungen, in der Mannigfaltigkeit seiner literarischen Jnter- ' n, in der Beherrschung fremder Sprachgebiete stand er ungleichlich da; an Reichtum des Wissens und an Schaffensn-ft überragte er alle anderen Gelehrten, denn während k! >st die hervorragendsten unter ihnen einem mehr oder »uider begrenzten Forschungsgebiete innerhalb der jüdischen 'ier auch der Weltliteratur sich zuwendeten, ließ sich bei Steinschneiders wissenschaftlicher Arbeit kaum von einem Gebiete sprechen, das er ausschließlich zu dem seinigen gemacht hätte; die ganze jüdische Literatur, sowie auch alle Wissensgebiete, in denen er irgendwelche Beziehungen zum Judentum und seiner Literatur zu entdecken zu können glaubte, waren seine Domäne, in der er mit voller Souveränität waltete. So schreibt einer seiner besten Schüler über den Heimgegangenen, und jeder, der Steinschneiders Lebenswerk kennt wird dieses Urteil ohne Einschränkung unterschreiben. Gleich zu Beginn seiner Laufbahn steckte sich Steinschneider ein gewaltiges Ziel: Er wollte feststellen, welchen Anteil die Juden an der Kulturarbeit der Völker, unter denen sie im Mittelalter gelebt, genommen und in welchem Maße sie den Fortschritt der Menschheit in Wissenschaft und Leben beeinflußt und bestimmt haben. Zu diesem Zwecke mußte er die gesamte Literatur der Juden selbst durchforschen, anderseits aber eingehende Studien in anderen Literaturkreisen anstellen. Je weiter er sein Ziel verfolgte, desto mehr erweiterte sich der Stoff und desto größer und unübersehbarer gestaltete sich die Aufgabe. Zu manchem seiner Werke hat Steinschneider das Material länger als ein halbes Jahrhundert gesammelt, ehe er sich zur Bearbeitung desselben entschloß. Im Jahre 1844 erschien sein großer Effay „Jüdische Literatur" in der Enzyklopädie von Ersch und Gruber. Es war dies der erste Versuch, den gesamten Inhalt der jüdischen Literatnr zu ordnen und zusammenfassend darznstellen. Es ist sehr richtig bemerkt worden, daß dieses Grundbuch der jüdischen Literaturgeschichte die Disposition für alle seine späteren Arbeiten auf jüdischem Gebiete abgegeben hat. Es ist schwer, weiteren Kreisen ein Bild von der Tätigkeit Steinschneiders zu geben. Selbst die staunenerregenden Zahlen, die man anführen könnte, würden doch nur den äußeren Rahmen für diese Tätigkeit abgeben. Er selbst sagte einmal, daß er nur für drei oder vier Leser in Europa schreibe. Und trotzdem muß auch dem Laien diese Lebensarbeit imponieren. Im Jahre 1886 hat Professor Berliner zum siebzigsten Geburtstage Steinschneiders dessen Schriften zusammengestellt. Die Broschüre allein umfaßt 31 Seiten. Zum achtzigsten Geburtstage hat G. A. Kohut eine neue Zusammenstellung versucht, die 39 Seiten umfaßt. Ein Katalog, den der bekannte Verlagsbuchhändler I. Kauffmann über Steinschneiders Arbeiten 1899 herausgegeben, enthält 211 Nummern. Die Zahl seiner Aufsätze hat Heinrich Malter, der dieselben in acht Bänden herausgeben will, auf 1400 geschätzt. Aber das sind alles, wie gesagt, nur Zahlen, die wohl ein Bild von dem Fleiß des Mannes, nicht aber von seinem Wissen und seiner Tätigkeit geben können. Mögen es andere versuchen, ein solches Bild zu zeichnen, wir