Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Heftigkeit meines Unmutes nahm rch selbst erst an der Wirkung wahr, die der plötzliche Ausbruch auf die Gesellschaft übte. Mein Wort war nur ein Echo dessen, was der Rabbi gesagt, aber es mar die Bestätigung eines Christen. Man fand jetzt nicht wieder den beliebten und gewohnten Uebergang zum Scherz. An dem Gemurmel der geistlichen Herren, an den spöttischen Blicken der Kavaliere konnte ich ermessen, daß ich ihnen verdächtig erschien. Abbe Bernis nahm mich freundlich bei der Hand und sagte mit der Miene des diplomatischen Weltmannes: „Vielleicht steht es mit gar manchen Satzungen unserer geheiligten Religion nicht anders als mit der Frage über die Echtheit der Schale; mau soll sie gar nicht untersuchen wollen." Ich sah ihn traurig an. „Damit spricht Ihr," sagte ich, „Euch selbst und allen die Befähigung ab, die Grundwahrheiten deS Christentums von den Satzungen der Menschen zu scheiden." „Wer will Spreu und Weizen sondern?" fragte Bernis und zog die Augenbrauen und die Schultern in die Höhe. „Jeder," sagte ich, „dem es ernst ist um die Wahrheit! Der Geist erforschet alle Dinge, selbst die Tiefen der Gottheit; nur . muß der Geist . durchdrungen ..sein py.n der Heiligkeit der Aufgabe." - ... - .. ,.... . .... Bernis zog mich beiseite und flüsterte mir zu: „Besser, der Verstand forscht gar nicht, denn ich fürchte, er ivird kein anderes Ergebnis finden, als daß der Stein unecht ist, auch wenn es sich die Leute nicht eingestehen wollen, nicht dürfen. Man lasse die Sachen im Dunkeln! Insofern hat der Jude recht. Die Völker müssen regiert werden und dazu ist das Christentum noch immer gut genug!" Ich sah ihn bestürzt an. Mit dieser Heuchelei auf dem freundlichen Angesicht drückte er mir die Hand und schied. Durazzo war aus patriotischem Eifer untröstlich, daß die Wette durch den gelehrten Jnwelenkenner nicht entschieden war; mehrere seiner Gefährten lachten laut über den komischen Ausdruck seines Unmuts. Der Kaplan von San Lorenzo maß mich mit strengen Blicken. „Die ganze Sache bleibt doch unter uns!" sagte er. mit eiueni Tone, der mir zu verraten schien, er finde es strafwürdig, daß ich in dem Ansspruch des Juden eine Beschämung des Christentums sah. - ' ' Audenlieder Von Adotph Donath, Berlin. I. ein kleines, stilles Hall Drin ein Jude wohnte. Sabbat war's. Ein Kerzenpaar Auf dem Tische thronte. Und der alte Jude sang Eine Zauberweise, Und die Mutter und das Kind Sangen mit ganz leise: „Alle Sterne trauern hier. Und die Rosen weinen. Alle Vögel schweigen hier In den fremden Hainen. Fliege, fliege mein Gebet Zu den fernen Weiten, Wo der Tempel Zions steht, Last die Sehnsucht breiten!" Und das Zauberlied erklingt, Weckt aus allen Träumen . . . Und des Kindes Sehnsucht singt Von den Zederbänmen. II. „Mirjam, hast du die Mutter geseh'n?" — Mutter weint in der Kammer.- „Mirjam, last deine Träume gehn, Schau, wie die Bäume dich lachend nuiftef)'u, Wie sie die Blüten herunter weh'n! . . Mutter weint in der Kammer.- „Mirjam, kennst du der Mutter Leid? . . - Mutter drücken die Sorgen, Mutter fürchtet oes Nachbars Neid, Wenn in der Wiege mein Brüderchen schreit. Mutter fürchtet die fiebernde Zeit . . . Mutter drücken die Sorgen. — — 11 l. Mutter betet in der Kammer, Wenn die graue, Nimmersatte Sorge durch die lichtermatte Sabbatruhe irrt und jagt. Unb der Vater schlingt die Hände, Die vom Dienste wundgerieben Und doch arbeitsstark geblieben, Träumend um des Kindes Hals. Und als sei das Glück gekommen, Beten alle drei im Chore, Während man vielleicht am Tore Dransten ihrer Armut höhnt . . . IV. War ein Jude und ein Krüppel, Und sie peitschten ihn hinaus . . . Dransten wüteten die Donner, Unb es sprach der Gott der Rache: „Sieh, du Schöpfung meiner Hände, Meine Donner schenke ich dir, Daß sie deine Feinde schlagen; Denn dein Herz ist eine Träne!" — Und es zitterten die Wolken, Und der krumme Jude bebte, Und er schrie: „Du Gott der Liebe, Gib mir meine alte Erde! . . Da zerteilten sich die Wolken, Alte Sonnen kamen wieder, Und die weißen Engel sangen Indas Znknn ft sm elod i e. «■— Lttersnlchr Wittrjlungrn. Vor kurzem ist der Briefwechsel von Franz Liszt mit der Gräfin Ka lergi erschienen. Es ist das die Dame, die Heinrich Heine in seiner Romanze „Der weiße Elephant" besungen hat. Sie heiratete in zweiter Ehe Herrn Muchanow, der Polizeimeister von Warschau war. 1873, kurz vor ihrem Tode, schreibt sie aus Warschau: „In Warschau verkehre ich nur mit Juden und billige alles, was sie tun. Nur sie interessieren sich für die guten Sachen, üben Wohltätigkeit mit ihrem eigenen Gelde, finden Genuß an der Musik und unterstützen die Künstler. Wenn wir Slawen allein unter uns bleiben sollten, so nn'irde man bald nur einen Hansen armer Fall lenzer sehen, die sich untereinander auffressen . . ." Gewiß ein sehr bezeichnendes Bekenntnis, denn Frau Kalergi- Muchanow gehörte selber zur Creme der russischen Gesellschaft. Nun ist es sehr interessant, daß ih.r Richard Wagner sein giftiges Pamphlet „Das Judentum in der Musik" gewidmet hat, Noch interessanter aber ist, dast ihr Enkel der Graf Heinrich Coudenhove war, der ein vortreffliches großes Buch — gegen den Antisemitismus geschrieben hat! Druck und Verlag von Rudolf Mo ffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.