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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-25 · Heft 4 (25.1.1907) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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47 Abbö BerniS klopfte dem Rabbi sanft—auf die Schulter und sagte, es handle sich bei seinem sachlichen Gutachten bloß um die Materie des Steines. Der kleine Meister geriet in eine wunderbare Aufregung. Es war nicht Furcht, was ihn bewegte, es war ein seltsames Gemisch von Unwillen und Schmerz, von Zorn und Wehmut. „Sehr edle und sehr ehrwürdige Herren!" begann er mit schwankender Stimme, „ich soll Rede stehen über den sachlichen Wert eines heiligen Kleinods. Ihr fühlt es nicht, wie bitter kränkend es ist, daß der Jude nur über den Geldwert des Steines ein Urteil haben darf, nur sagen soll, wie hoch ihn die Juweliere schätzen! Fühlt Ihr es nicht um Euretwillen, sehr edle Herren, wie es mißlich ist, daß unlautere Hände mit dem Prüfstein am heiligen Gral herumtasten und seine! Kostbarkeit wie irdische Ware taxieren sollen, während das! Volk doch an die unberechenbare Wunderkraft der heiligen Schale glaubt? Wenn ich nun sagte — wo Gott davor sei! — der Stein ist nicht echt: Ihr müßtet es doch als Geheimnis bewahren, damit das Volk nicht irre wird. Wie, oder wollt Ihr das Volk anfklären über Dinge, die schon wenn man hört, sie könnten geprüft, bewiesen oder widerlegt werden, ihre Wunderkraft verlören?" „Geht Dich nichts an, Jude!" rief Durazzo mit zorniger Geberde. Mehrere von den Geistlichen waren beschämt beiseite getreten und versteckten sogut sie konnten ihre Verlegenheit. Die peinliche Stille unterbrach nur Durazzos stür-! mische Hast, der nicht abließ, scheltend und polternd in den Alten zu dringen. Es kam ihm vielleicht nur darauf an, seine Wette zu entscheiden. 1 „Tu' was Deines Amtes ist!" rief er dem Rabbi zu, ihn! beim Kleide zerrend, und dieser, hart an die Schale gedrängt,; sah sich genötigt, die Prüfung zu beginnen. Er bog sich jetzt, j eine kleine Feile in der Hand, über den Stein. Es galt für! den Kenner, die Schwere, das Wasser, den Lichtstrom des Smaragds zu untersuchen. Aber der Rabbi gab sich, wie es schien, nur den Anstrich, als sei er wirklich mit der Schätzung des Kleinods beschäftigt. Er blickte dann wieder unsicher und nnrnhig im Kreise umher. Durazzo gab ihm das Ehrenwort, er dürfe ungefährdet sprechen. „Signor!" rief der Rabbi plötzlich, Filippo mit beiden Händen an der Schulter rüttelnd, „Signor, glaubt Ihr an Gott?" Bestürzte Blicke richteten sich auf die seltsame Bewegung! des Inden, der mit dem ganzen Uebergewicht einer stillen Würde vor uns stand. Seine gedrückte Gestalt hatte sich in ' die Höhe gedehnt, jede Fiber seines Gesichtes war in; Spannung, in seinen Augen funkelten sprühende Blitze. Der! anfangs zitternde Ton seiner feinen, dünnen Stimme hatte! plötzlich einen schmetternden Klang, es war, als wenn es an , den silbernen Becken ain Altäre widerhallte, als er laut und > dringend rief:! „Signor, glaubt Ihr an Gott?"! „Gehört das zur Sache?" murrte Durazzo verwirrt.! „Wohl gehört es zur Sache!" rief der kleine Rabbi fast j empört, fast erbittert. „Zweifelt Ihr an Gott, so gibt es keinen Gott, weder im Himmel, noch ans Erden. Er ist nur, wofern man an ihn glaubt!" Die Kavaliere sahen sich betäubt an; einige von den | Prälaten blickten still zu Boden, andere lächelten blöde drein. Ich hing mit Entzücken an den leuchtenden Augen des kleinen Mannes, der mit seinem alttestamentlichen Eifer über die schlaffen Diener Cbristi triumphierte. Der Zorn eines Propheten strahlte von seiner Stirn; wie er das Haupt schüttelte, wogten die grauen, silberweiß untermischten Haare wirr durcheinander. „Aber der Stein, der Steinl" schrien mehrere plötzlich, um sich aus der Bestürzung zu helfen. „Ist zum Stein des Anstoßes geworden!" sagte der Rabbi ernst und doch sanft. Die durchdringende Sicherheit und Wärme seiner Stimme hielt die Frager und Versucher von neuem zurück. Der Rabbi lächelte, wie er sie ratlos dastehen sah und den eitlen Uebermnt in Schranken hielt. „Ob das Kruzifix von Holz oder von Gold ist," sagte er ruhig und mild, „das gilt doch wohl gleichviel. Der Glaube tut das Wunder, und dem Glauben genügt ein Kieselstein. Muß ich die Priester Christi an das Geheimnis der Wandlung mahnen? Wer darf da fragen, ob das Brot noch Brot, der Wein noch Wein? Im Reiche des Glaubens gibt es keine gemeine Wirklichkeit. Sind die heiligsten Dinge nicht eben nur das, wofür sie unter Menschen gelten? Mir ist jeder Fetisch heilig, sobald ein Volk an ihn glaubt, aber es muß nur ehrlich und wirklich glauben!" Er schwieg und eine plötzliche Stille lag über der Versammlung. Der Rabbi nahm sein Gewand zusammen und drückte sich wieder scheu zurück. Nachdem er, wie er glaubte, sein hinreichendes Gutachten gegeben, hätte er sich gern verkriechen mögen. „Aber die Echtheit des Steines?" fuhr Durazzo von neuem auf ihn ein. „Ihr solltet seinen Wert abschätzen!" „Erlaubt mir, sehr ehrenwerter Herr," sagte der Rabbi, mit ruhiger Gemessenheit wieder einen Schritt vortretend und sich an Signor Filippo wendend. „Erlaubt! Wenn niemand zweifelt, ob die Schale echt ist, so ist sie echt. Die Judenschaft hat sie schon einmal für gültig angenommen. Ist das nicht genug? Erlaubt! In ihrem Geheimnis liegt der Wert der Schale." Ich hatte mich dem weisen Juden nähern, ihm die Hand drücken wollen, aber er trat bereits seinen Rückzug an. „Meine arme Weisheit ist zu Ende!" sagte er mit unterwürfiger Verbeugung. „Man gestatte, daß ich mich entferne!" flüsterte er dem Abbö Beruis zu, der ihm zunächst stand. Bernis legte seine Hand wohlwollend auf die Schulter des Juden und nickte ihm zu. Er gab dann, bevor sich die Bestürzung und der Unwille der anderen irr Worten entladen konnte, dem Kirchendiener einen Wink, und der Rabbi verschwand eilig durch die kleine Seitentür, die ihn zu uns geführt. Wie Signor Durazzo sich nach ihm uinsah, war er uns bereits entzogen. Die Versammelten maßen sich gegenseitig mit Blicken, in denen sich bald das Gefühl der Beleidigung, bald der Anreiz, sich selbst zu verspotten, knndgab. „Nun, und die Wette!" rief Bernis lächelnd, „ist sie entschieden? Der Rabbi hat den Stein für heilig erklärt, ist uns aber den Beweis schuldig geblieben, ob er echt ist." „Der Jude hat uns genarrt!" stürmte Durazzo ans. „Er hat nur schlau seine Unwissenheit bemäntelt." Durazzo machte eine Bewegung, als wolle er ihm nacheilen. „Halt!" sagte Bernis, „mich dünkt, der Jude hat sich, indem er die Trüglichkeit der Wissenschaft nicht förmlich eingestehen wollte, sogut wie möglich aus dem Spiele gezogen." „Er hat mehr als das getan!" nahm ich das Wort, „der Jude hat die Bekenner Christi beschämt. Der Glaube ist es, der Berge versetzt, und das Wunder ist noch alle Tage gültig, aber freilich nur für die, deren Geist noch die Befähigung dazu hat. Es gibt nur einen Gott für den, der an ihn glaubt und sich an seinem Dasein beteiligt fühlt. Ein ungläubiger Jude hat uns an die Macht und Geltung des Glaubens gemahnen müssen!"

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