Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
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Soweit schrieb ich. als mir durch einen Beamten unserer Strafanstalt die soeben in Berlin erschienene Schrift Jaegers „Hinter Kerkermauern. Aufsätze und Gedichte von Gefangenen", überbracht wurde. Es ist mir aus der Seele gesprochen, was I. im Vorworte sagt. Der Verbrecher ist in keiner Weise ein genus per se. Es walten bei den Tetinierten dieselben morphologischen und Psychologischen Differenzen vor, wie bei anderen Menschen. Wie ich es jüngst in Form einer chassidischen Schriftdeutung einem Amtsbruder sagte: Lebamoa den achechem uschfattem zedek! Man muß auf das achten, was zwischen den Menschen liegt, auf ihr Milieu, um gerecht zu urteilen, so wird man die gemeinsamen Merkmale, die sich bei gewissen Verbrechergruppen finden, lediglich als Folgewirknngen der sozialen Umgebung und der Erziehung im weitesten Sinne ansehen. Ich werde in diesem Sommer auf eine zehnjährige Anstaltspraxis zurückblicken können. Jaegers Ansicht, der ich völlig zustimme, ist das Resultat fünfzehnjähriger gewissenhafter Beobachtung und Forschung. Ich verkenne keineswegs das gewaltige Verdienst Lombrosos um die Kriminalanthropologie und um die Reform des Strafvollzuges; aber mag Lombroso, wie Jaeger mit Recht hervorhebt, noch so oft Gefangene seziert, gemessen, inquiriert haben, in die Tiefen des Seelenlebens zu blicken, dazu eignet sich doch die Tätigkeit des Gelstlichen ungleich besser. Das Material, das ich hier auszugsweise geboten habe, ist völlig unbefangen geschrieben. Die Schreiber waren bemüht, über sich selbst ins klare zu kommen, und mau wird zugeben müssen, daß die Mitglieder von ruhiger, sachlicher Darstellung erfüllt sind. Zum Schluffe will ich noch erklären, wie ich zu diesen Aufzeichnungen gekommen bin. Es besteht in unserer Anstalt die löbliche Einrichtung, daß Detinierte bei guter Führung aus ihren Wunsch und auf Fürsprache des Geistlichen ein Schreibheft nebst Tinte und Feder erhalten. Da der hiesige evangelische Anstaltsgeistliche, dem ich so manche Anregung verdanke, gute Erfahrungen mit diesen Heften gemacht hatte, führte ich sie auch bei meinen Seelsorgebefohlenen ein. Zwanglos können die Gefangenen in diese Hefte hineinschreiben, was sie wollen; keinerlei einengende Aufsicht wird geübt. Als ich nun einmal im Gefangenen-Religionsunterricht auf die Schwierigkeit zu sprechen kam, in der Seele der Gefangenen zu lesen und mft richtigem Takt auf sie einzuwirken, sagte ich u. a.: Vielleicht gewönne der Seelsorger nutzbringenden Aufschluß aus den Tagebüchern. Da boten mir zwei meiner Pfleglinge ihre Niederschriften an. Ich erklärte ihnen dann später, daß vielleicht manche Stellen ihrer Ausführungen Nutzen stiften könnten, wenn ich sie veröffentliche, natürlich unter Weglassung all dessen, was zur Identifizierung des Verfassers führen könnte, und sie willigten mit Freuden ein, daß ich nach Belieben aus ihren Heften exerpieren könne. Diese Tagebuchbruchstücke sind ein Novum, von jüdischen Detinierte» lagen bisher im Drucke keine Selbstbekenntnisse vor, soweit ich über die diesbezügliche Literatur unterrichtet bin. Von neueren Veröffentlichungen christlicher Gefangenen nenne ich Benekes „Gefängnisstudien", Spenglers „Aus der Verbrecherwelt" und vor allem Auers „Zur Psychologie der Gefangenschaft". Ich will nicht verschweigen, daß ich bei der Veröffentlichung dieser Dokumente ein praktisches Interesse im Auge habe. Der Deutsch-Israelitische Eemeindebund hat so vielfach schon seine hochherzige Teilnahme für die Gefangenen bekundet. Seiner Intervention ist es zu danken, wenn die jüdischen Detinierte» geregelte Seelsorge erhalten. Ein großer Uebelstand besteht aber noch: Mangel an Fürsorge für die entlassenen Sträflinge. Für sie will ich immer wieder Teilnahme und Jntereffe wecken. Wie oft aber stehe ich ratlos, sind alle meine Bemühungen vergebens. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund müßte in jedem Strafanstaltsbezirk seine Fürsorge-Vertrauensmänner haben, die mit dem betreffenden Rabbiner dann wirksam tätig sein können. Vielleicht entsteht aus dieser Anregung Segen. Der heilige Grs! in San Lorenso. Aus dem Nachlaß von Gustav Kühne. II. s war jetzt niemand zugegen, der nicht an dem Geheimnis der Prüfung des Steines teilnahm und als Mitwiffender die Verpflichtung des Schweigens sich nicht selbst auferlegte. „Ich kenne den Stein." sagte der Rabbi, sich jeder profanen Berührung des Heiligtums enthaltend, während die Männer des Christentums die von den Kirchendienern herabgehobene Schale nach allen Seiten betrachteten. Man zwang den Juden, an der sachlichen Prüfung teilzunehmen. Er schien mehr seine Versucher als den Stein prüfen zu wollen. In den Blicken seines klugen, sanften Auges schien sich das Bewußtsein über die Schwierigkeit des Falles, der ihm vorgelegt war, zu verraten. Es war für ihn gleich sehr von Gefahr, wenn er die Echtheit des großen Sinaragds bezweifelte, als wenn er sie bestätigte: Abbe Bcrnis zog mich beiseite und erklärte mir den eigentlichen Stand der Sache. Der Doge habe in Zeiten der Not zwanzigtausend Dukaten auf den Stein geborgt. Es sei ein Geheimnis der Republik, daß die Judenschaft gegen eine schriftliche Anweisung auf den heiligen Gral die Summe zahlte. „Vielleicht," setzte Bernis lächelnd hinzu, „vielleicht wurden die Hebräer nur durch die Drohungen der Inquisition zur Zahlung vermocht; denn ich fürchte, der Smaragd ist nicht die Hälfte wert. Es wäre ein unerhörter Schatz, wenn der Stein von Kennern als echt befunden würde!" „Nun. Jude, leg' den Prüfstein daran!" sagte Durazzo, der mit dem Zollstock die Wölbung der Schale ausgemeffen hatte. Der Rabbi konnte sich noch immer nicht entschließen, die gewöhnlichen Versuche mit Instrumenten anzustellen. „Vierzehn Zoll hat der Smaragd im Durchmesser," sagte Durazzo, „wollt Ihr Euer Gutachten nun abgeben, ob er echt ist?" „Signor, ich kenne den Stein!" wiederholte der Rabbi nachdrucksvoll. „Es ist die Schale, aus welcher Christus der Herr das Osterlamm aß!" sagte einer der Geistlichen, um ihn einzuschüchtern. „O, ich weiß," beteuerte ihm der Rabbi, „König Salomo erhielt sie einst von der Königin von Saba!" Der kleine Hebräer musterte zugleich mit ruhigen Blicken den Kreis der Versammelten. Man versicherte ihm. daß seine Aussage ein Geheimnis bleiben solle. „Tut der heilige Stein keine Wunder mehr?" fragte der Rabbi zögernd und scheu. „Doch, doch!" rief der Kaplan zürnend. „Du bist nicht herbeigerufen, um. über die kirchliche Bedeutung des heiligen Grals ein Urteil zu geben."