Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bemerken, daß ich alle Dankesworte, mit denen der Schreiber ineine seelsorgerischen Bemühungen überreichlich bedacht hat, fast überall ausgemerzt habe. Einige Hinweise auf Predigten, die ich in der Anstalt gehalten habe, ließ ich ungetilgt, weil durch Streichung der Zusammenhang an den betreffenden Stellen zu sehr gelitten hätte und zudem die bezüglichen Auslassungen für den Tagebnchschreiber geradezu charakteristisch sind. Hier in der Anstalt angelangt, bin ich isoliert worden, und ich empfand es bald, daß die stillen Stunden für den Menschen weit wirksamer sind, als der geräuschvolle Werktag (Worte aus der Pessach- Predigt). Alle trüben Erinnerungen und Gedanken über mein verfehltes Leben und verlorenes Glück verschafften sich täglich Audienz bei mir i.nd brachten mich in eine gesteigerte Gemütserregung. Körperlicher Schmerz tat mir oft recht wohl, meint er auch nur für kurze Zeit die seelischen Leiden betäubte. Gebet und religiöse Schriften waren sichtlich Medikamente für mich, ich hatte bisher solche Bücher kaum gelegentlich gelesen, jetzt finde ich das Wort des großen Franzosen sehr zutreffend.' Um die guten Bücher zu lieben, muß nian sieznnächst kennen (wie unser Rabbiner mir sagte), und daß in einer solchen Wandlung des Menschen Tränen fließen, brauche ich weiter nicht zu erörtern. Aber weh dem, der hier weinen muß, aber wohl dem, der hier noch weinen kann. (Erinnerung an die Tränen-Predigt unseres Rabbiners.) Bald zeigten sich die Folgen der zerrütteten Nerven und recht oft weckten mich sinnliche Triebe aus dem Schlaf. Aber hierfür hatte ich von unserem Rabbiner schon Medikamente erhalten, denn er sprach einmal so eindringlich über das Thema „Die Macht des Gebetes gegen die böse Leidenschaft". Das einfache Schema, oft auch ein Psalm in deutscher Sprache, sie übten Wunder. Die Einkehr, das Gebet und die Arbeit erleichterten mir die Verbüßung, und wenn auch bis heute täglich Tränen fließen, sie tun mir heute wohl und trösten mich. Die Predigten sagten mir ja zur Genüge, es gibt noch andere als Schmerzensträuen. Wie Sie es ja heraus finden werden, Herr- Rabbiner, sollten Sie mein Tagebuch lesen, so habe ich mit Ihren Worten mein Wissen bereichert und hier angeführt, einerseits, weil sie zutreffend sind, anderseits sollen sie sich überführen, daß Ihre guten Worte nicht als leerer Schall an mir vorüber gegangen sind, ich lese es Ihnen schon lange am Gesicht ab, daß Sie im Zweifel sind, ob und wie die Verbüßung und Ihr Mühen aus mich gewirkt haben. Und wenn Sie mich heute fragen würden, ob mein Gottvertrauen so felsenfest ist, daß ich bei jedem Schictsalssturm geborgen bin, ich würde Ihnen dennoch weder mit Ja noch mit einem Nein antworten können. Ich würde Ihnen ehrlich sagen können, ich fühle es in nur, ich gehöre heute nicht mehr 311 den Verlorenen. Nur eins kann ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen, jene Triebe, die mich aus dem Schlaf weckten, sie haben sich schon lange von mir verabschiedet. Heute in bangen Nächten, bei kurzein Schlaf, ist in mir die Empfindung schon lange wach, was der Mensch oft als größtes Unglück ansieht, ist oft nichts weiter als der Weg und der Anfang, die Grundlage eines geordneten sittlich-religiösen Lebens. Wie weit mein Gottvertrauen an Festigkeit gewonnen, habe ich selbst neulich in mir beobachtet. Mehrere Aerzte hier hatten wiederholt bewegliche Beschäftigung für mich angeordnet; weil keine passende vorhanden, konnte ich diese nicht erhalten, eine solche bewegliche Beschäftigung ist jetzt vorhanden, da aber der Geschäftsbetrieb hier nicht stocken darf, kommt es häufig vor, daß ich am Sabbat nach dem Gottesdienst Hand anlegen muß. Dieser Umstand brachte mich zu dem Entschluß, lieber meinen Sabbat zu heiligen und aus die Stellung zu verzichten. Tie Gewissensstimme sagte mir: hat der Allmächtige dich drei Jahre körperlich und geistig erhalten, wird eres auch das letzte Jahr tun. Aber in einem Augenblick, ich bin mir selbst nicht klar, in welchem, trat ich zu dem Inspektor und bat um diese Beschäftigung und erhielt sie auch, und da sage ich mir wohl selbst, daß ich doch noch sehr arm an einem felsenfesten Gottvertrauen bin. Aber diese Selbsterkenntnis ist für mich schon ein großer Schritt nach vorwärts. Die Zeit meiner Entlassung ist ja um ein wesentliches näher gerückt. ich rüste mich jetzt schon auf den Abschluß meines tragischen Vorlebens. Die Verhältnisse, Scham und Schmerz treiben mich in die Welt, entfernen mich von meiner alten Mutter und entfremden mich von meinen über alles ans Herz gewachsenen Kindern. Dies wird mir fürs Leben jeden frohen Gedanken rauben. Es gibt einen namenlosen Kamps. Aber wie Gott will! Und wenn euch diese letzten Worte nicht mit solch warmem, überzeugendem Gefühl, wie ich sie aus Ihrem Munde, Herr Rabbiner, höre und weswegen ich Sie sooft beneidete, von mir kommen, so regt sich doch heute schon die Zuversicht in mir, daß sich für mich noch alles zum besten kehren und tuenden wird, mit Hilfe dessen, der unsere Herzen lenkt. Er wird! auch Wege finden, da mein Fuß gehen kann. Diese Ihre Worte j haben mich neulich sehr ergriffen.! Ich weiß, Sie wollen diesen Schriftsatz zu Ihren Studien veri werten. Ich bin daher besonders penibel umgegangen, mein Lebensj dild der wirklichen Wahrheit entsprechend zu beschreiben. Ich habe! auch über den Strafvollzug nachgedacht und füge darüber an. Wie! weit die Wirkung im allgemeinen als erfolgreich anzusehen, ist mir j nicht klar. | Die Zahl der Insassen schwankt von 400 bis 450. Es ist mir! ausgefallen, daß die Ueberzahl mit körperlichen Gebrechen und allerlei! Leidenschaften behaftet sind. Ich teile sie in zwei Kategorien:! 1. Menschen, bei denen der ausgeprägte Verbrechersinn allein ge-! handelt hat; 2. solche, bei denen neben ihrer eigenen Fehler auch j das Schicksal eine Rolle gespielt hat, sogenannte Gelegenheilsj Verbrecher.! Tie elfteren, sie begreifen nicht Gott, kennen nur die Verbote;! in ihnen ist stockfinstere Nacht. Sie find hartherzig und verbissen, j suchen an ihren Mitmenschen das zu rächen, was ihre eigenen Fehler > an ihnen verschuldet haben. Ihr Hiersein ist ihre Heimat, sie sind zufrieden, wenn sie nur auf kurze Zeit die Freiheit genießen. Ich! erachte sie nur noch als Menschen, weil sie aus Fleisch und Blut! sind! Der Seelsorger, der wirklich ein nobler Mann ist, der auch für! den Schlechtesten freundliche Worte hat, erntet weder Dank noch An-! erkennung. Er wird von ihnen als Spion betrachtet; ich meiner-! feit« könnte sie entschuldigen, denn sie kennen weder Pflicht noch Gewissen. Die andern, sie unterscheiden sich merklich, sie suchen zwar ihr Gewissen zu betäuben unter allerlei Mißgeschick. Ich habe jedoch bei! vielen wahrgenommen, daß ihr Gewissen das Gefühl der Schuld; wach gerufen hat. Ich finde oft, daß sie Bibel, Gesangbuch vor sich; haben und darin lesen; sie zeigen Mitgefühl für ihre Mitmenschen j und suchen bessere Vorsätze zu fassen. 4.! Man wird auch in diesen beiden Tagebuchsragmenten! lehrreiche Beiträge zur Kriminalpsychologie sehen. Solche! Autographien und Selbstbekenntnisse von Detinierten geben j Gelegenheit, die Kenntnis des Seelenlebens unserer Gefangenen allseitig zu vertiefen. Aus allen solchen Darbietungen geht! mit Sicherheit hervor, daß es keinen einheitlichen Verbrecher-; typus gibt, wie ihn Lombroso und seine Schule konstruiert. j Allerdings, wer seine Studien auf die von Kurella deutsch herausgegebenen Kerkerpalimpseste, Wandinschriften und Selbstbekenntnisse gefangenerVerbrecher und anfFerrianis „Schreibende Verbrecher" beschränkt, der wird nur die erwarteten psychischen i Merkmale finden: Stumpfheit, Haß, Lüsternheit, Eitelkeit, Dummheit, Gemütsroheit im Wechsel mit Gefühlsschwelgerei, Aberglauben oder Gottlosigkeit und vor allem ein eigentümj licher Mangel an Einsicht in den moralischen Charakter seiner Handlungen. Für einzelne Perverse mag Lombrosos Zeichnung gelten, aber im großen und ganzen widerlegen die Verbrecher- Autobiographien Lombrosos Hypothesen. Es ist nicht wahr, daß der Verbrecher keine Reue kennt oder seine Tat geflissentlich beschönigt. Es ist nicht wahr, daß der Verbrecher die ganze Schuld von sich abwälzt und auf das Schicksal oder die bürgerliche Gesellschaft wälzt. Die rein zoologische Auffassung des Menschen zerschellt auch hier an der brutalen Logik der Tatsachen.