Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Meisters. Ich beging, eigentlich verleitet von diesen Leuten, einen Diebstahl nach dem anderen, 17 Fälle; ich sah, daß es nicht mehr so weiter gehen konnte und gestand offen meinem Ches die Tat. Meine Mutter wollte den Schaden auch ersehen, und die Sache sollte nicht zur Anzeige kommen. Mein Vater war seinerzeit schon zirka drei Monate tot; der Meister jedoch war mit einen: Verwandten meines Chefs in Lohnstreitigkeiten geraten, zeigte dieser: weger: Majestätsbeleidigung an, und um den Meister bezw. dessen Frau dafür zu strafen, brachte es der Chef zur Anzeige. Ich wurde trotz meines Geständnisses :n:d meiner Jugend zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt'; der Meister erhielt ein Jahr, der Sohn drei Monate und der Freund des Meisters sechs Monate Gefängnis; ich verbüßte diese Strafe in Posen. Dies war ein harter Schlag, nicht für mich, sondern für meine arme Mutter und Brüder; denn meine Brüder waren alle in guten Stellungen. Meine Mutter besuchte midi sehr oft, tröstete midi und. hoffte, diese Strafe würde midi doch zum anderen Menschen machen; id) konnte während der Verbüßung de: Strafe es keinen: versichern, denn nun hatte id) schon mein Bewußtsein, ich hatte schon Verstand und sagte mir sehr oft, diese Freiheitsstrafen sind Erziehungen zu Verbredien, der Verkehr mit den gemeinsten Menschen, die Beschäftigung! mit Tabak, ungesckmltes Beamtenpersonal, das alles kam: nicht auf! verkommene Leute sittlich fördernd wirken. In diesen zwei Jahren! faßte ich den Vorsatz, mich jeden: Verkehr fern zu halten, was ich; auch ausführte. Id) wurde nun nadi Verbüßung der Strafe von i einem Kaufmann als Zuschneider engagiert, erhielt neben freier Station und Wohnung monatlich 30 Mark. Durch diesen Herrn, der mich stets warnte und mir ein gutes Vorbild, sogar wie eii: Vater war, wurde id) für einige Jahre ein anderer Mensch: id) arbeitete j midi verhältnismäßig sehr schnell empor. Ein Jahr drei Monate war j id) bei ihn: tätig, erhielt alsdann in Z. eine Stelle als Verkäufer und! Zuschneider mit einen: Gehalt von 100 Mark, war dort nur fünf j Monate, da wurde ich in G. von einen: bekannten Reisenden empfohlen. Diese Stelle brachte nur 120 Mart monatlich ein, war acht Monate - dortselbst und bewarb midi nun um eine erste Zuschneider stelle in j P., die id) aud) erhielt und in der id) elf Monate verblieb. Von Posen - sehnte ich midi nach größeren Plätzen, und es glückte mir auch stets, > solche zu erhalten. So war ich von meiner ersten Stelle, also nach; meiner Entlassung aus dem Gefängnis, ea. zehn Jahre ununter-! brochen in nur größeren Gesdiüfteu der größten Städte Deutschlands! tätig und stehen nur darii: die b cst e n Z e u g n i f f e u n d R e fer e u z e n j zur Seite. Keiner meiner Herren Chefs kam: mir eine Untreue oder! schled)tes Betragen nachsagen, sogar wurde ich in B. von meinen:! Herrn Ches zu seinem Bruder nadi D. empfohlen, das ich, nachdeu: j ich ein Jahr in B. tätig, gern T. kennen lernen wollte, wo ich aus ein j Jahr tätig war. Von D. ans ging id) nach Ch. und von da aus nach L., das war meine letzte Stelle. Id) wurde nun durch einen bekannte): Herrn nach A. zu meinem jetzigen Schwager als Filialleiter empfohlen, in dieser Stellung lernte id) meine Frau, die als Kassiererin tätig! )var, kennen und verheiratete und) mit ihr. Wurde id) bisher durch meinen leichtsinnigen Lebenswandel bezw. schled)ten Verkehr aus die Bahn des Verbrechens gebracht, so j geschieht es jetzt auf eine andere Weise durch schlechte Menschen, aus eine Weife, die jeder Mensd: als das Gemeinste bezeichnen muß; wohl! bin ich ja and) selbst mehr fd)uld daran als jeder andere, jedoch trifft i und) d ennoch nicht die Hauptschuld. Nachdem ich mid) in D. etabliert und das Geschäft durchaus nid)t ging, mußte id) von B. aus eine j Stelle als Provisionsreiseuder übernehmen. Nun trieb null) die bittere j Not, ein Weib und Kind zu ernähren, zu betrügerischen Manipu-! lationen, für die id) hier in der Strafanstalt büße. j In: Zuchthause scheint nur der Strafvollzug viel besser ein-; gerichtet zu fein als in: Gerichtsgesüngnis. j Ich wurde bei meiner Einlieferung ins Gerichtsgesänguis mit I folgenden Worten im Flur empfangen: „Na endlid: ein Jndenjunge."! Ter betreffende Beamte verschwindet.! Ich wurde nun nad) oben geführt und in eine Zelle mit fünf andern Gefangenen gesperrt. Meine Bitte, mid) meines Gebetverrichtens wegen zu isolieren, wurde abgelehnt. Einige Monate trug ich eigne Kleider, als es jedoch kalt wurde, da erteilte der Assistent Befehl, mir Anstaltskleider zu geben. Ich bat, mir die eignen Kleider zu belassen, es blieb bei dem Befehle; ich erhielt vom Herrn Untersuchungsrichter die-Erlaubnis, eigne Kleider zu tragen, jedoch wurde dieses unberücksichtigt gelassen, vielmehr der Befehl erteilt, mir durch zwei Gefangene die Kleider auszuziehen, falls ich mid) weigere. Wollte id) Briefe schreiben, so mußte ich erst zwei- bis dreimal mich melden, bevor id) Erlaubnis bekam. Verriditete ich mein Gebet, so wurde darüber gespottet. Es wurde im Januar einen: Gefangenen jüdischen Glaubens sogar während des Betens vom Aufseher die Mütze vom Kopfe gerissen. Dieses ist im Gefängnis der Fall, and) ist es stets oer Fall, daß jeder Gefangene mit „er" angeredet wird, also ungefähr „wie lange hat er", „was ist er". Anders in der Strafanstalt. Id) ivurde der Strafanstalt auf besonderen Befehl des Herrn Staatsanwalts an meinem ersten Psingstfeiertage, gefesselt durch die Straßen geführt, eingeliefert, hier vom Herrn Aufseher mit folgenden Worten empfangen: „Na, was wird morgen der Herr Rabbiner sagen, daß Sie am Feiertage kommen?" Ten andern Tag vorgeführt, erteilte der Herr Direktor schon Befehl, zuerst und) vorzuführen, da ich um 9 Uhr Andacht hätte, nach welcher um 11 Uhr der Herr Rabbiner uns eine Predigt hält. Während der ganzen Dauer meines Hierseins ist mir noch kein Ober-, Mittel- oder Unterbeamter unfreundlich begegnet, jeder lvird streng, aber gered)t behandelt, und dadurch lvird man erzogen, zu einem ordentlichen Menschen erzogen. Zwar ist es ja aud) nid)t stets von Erfolg, ich habe, das kann id) mit gutem Gewissen sagen, nur hier vieles angeeignet, und sogar von Nnterbeaucken, das id) früher nicht besaß, vor allen Dingen Energie. Ich war früher zu schwach, etwas mehr Willenskraft besitze id) jetzt dod), wäre mir im Gefängnis in jungen Jahren diese Lehre, dieser Umgang und das Alleinfeil: in einsamer Zelle zuteil geworden, id) möchte behaupten, heut wäre ich nicht in: Zuchthaus. In den Gefängnissen, :vo alles, alt oder jung, zusammen arbeitet, sprid)t und Dummheiten treibt, da wird der Mensch zum Verbrecher, aud) wird in: Gefängnis mit der Lektüre zu sparsam umgegangen, nicht V1(l(l soviel Bücher sind vorhanden als in einer Strafanstalt; zwar läßt sich über manches darin in der Strafanstalt reden, so sind z. B. ein Teil der Bücher direkt gegen Juden und Indent:::::, so ist z. B. ein „Vaterländischer Roman", betitelt Cabanis sNr. II. A 6), voll von Gehässigkeiten gegen das Judentum. Im ganzen jedod) ist die Bibliothek belehrend und ein großer Faktor zur sittlidien Erziehung, denn draußen ist wenig Zeit, belehrende Bücher zu lesen, und wer hier die Gelegenheit benutzt, diese zu lesen, der kann auch manches daraus lernen, was für ihn später von Nutzen sein kann. Neuerdings haben wir durd) unfern Herrn Rabbiner auch eine kleine jüdische Bücherei erhalten, die nur fleißig benutzen. Ob jedod) die Strafe für jeden wirkungsvoll ist, das muß bezweifelt werden. Ter Gefangene lvird nad) Verbüßung entlassen, seine Mittel sind gering, eine Existenz hat nur sehr, sehr selten einer, sich eine Stelle suchen oder eine Existenz gründen, bis dahin sind die wenigen Mittel ausgebraucht, und findet er keine Arbeit, Leinen Erwerb, so ist der erste Schritt aus Not zu:n Verbredien, denn ans Uebermut stiehlt selten jemand, in jedem Menschen ist aud) der gute Trieb vorhanden, kein Verbrecher begeht allein eine Tat, der Täter ist stets der Verleiter. Der, der bei der Tat ertappt wird, ist nur das Werkzeug; den richtigen Täter spricht man frei, er ist raffiniert und wälzt die Schuld dem andern zu. Hier folgt eine Darstellung meiner Seelsorgetätigkeit. Die warmherzigen Dankesworte haben für die Oeffentlichkeit kein Interesse. Ich habe sie daher fortgelassen. „Bon der Wiege bis zum Verbrechen" überschreibt der Gefangene Z. seinen Lebenslauf. Diese Lebensgeschichte kann ich aber nicht mitteilen, weil tu dieser Schilderung alles so .individuell und eigen geartet, auch das Verbrechen ein bei Juden immerhin recht seltenes ist, daß ich fürchten muß, daß auch mit Veränderung der Personen- und Ortsnamen der Verfasser folgender Zeilen erkannt, also mein seelsorgerisches Geheimnis erraten werden wird. Daher gebe ich aus dem Tagebuch des Z. nur die Schlnßbemerkungen wieder. Ich muß auch hier