Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
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43 winden und überleben wird, selbst wenn das russische Reich daran Schaden nehmen sollte. Auch wenn die äußeren Provinzen Rußlands dadurch verloren gehen würden, blieben noch immer die hundert Millionen Russen mit ihrer elementaren nationalen Kraft. Hingegen ist die Befürchtung begründet, daß die Revolution vom Jahre 1905 für die Juden in Rußland und das Judentum im allgemeinen eine verhängnisvolle Katastrophe werden kann. Wie gesagt, von außen auf die dortigen Ereignisse einwirken zu wollen, wäre vergeblich. Diesem gewaltigen Strom sich entgegen zu setzen, hat gar keinen Zweck. Aber ich muß es als frivol bezeichnen, wenn man von außen, natürlich aus gründlicher Unkenntnis der Verhältnisse, die Zerstörungswut der russisch-jüdischen Revolutionäre durch Bravorufe noch mehr anfeuert und verstärkt. Auch die gute Absicht, die unzweifelhaft diesem Verhalten zugrunde liegt, kann angesichts der Gefahr, die über das Judentum heraufveschworen wird, nicht als genügende Entschuldigung dienen. Die Psychologie dieser Vorgänge ist ja leicht zu verstehen. Den Juden wurde im Laufe der Zeit der Makel der Feigheit angedichtet; nian freut sich daher, wenn unsere Stammesgenossen jetzt ordentlich „dreinschlageu". Indessen ist das jüdische Volk nicht dazu da. nutzlos Bravourstücke aufzuführen und ungeheure Opfer an Blut und Gut zu bringen, wobei jeder Nutzen ausgeschlossen ist und der dauernde Schaden unvermeidlich erscheint. Aber auch abgesehen davon, muß in Erinnerung gerufen werden, daß uns in erster Reihe die Erhaltung des Judeutnms, die Erhaltung unserer kulturellen Güter, am Herzen liegt. Es droht uns die völlige Anarchie, die schreckliche Verrohung und Verwilderung der Massen. Es liegt mir durchaus fern, die russischen Freiheits- Helden, wenn ich auch ihre Ziele und noch mehr ihre Methode mißbillige, mit dem anarchistischen Gesindel zu identifizieren wie es im jüdischen Volke seit dem Treiben der berüchtigten „Dolchmänner" der Sikarier, um die Zeit der letzten römischen Kämpfe, nicht vorhanden war. Daß wir solche Elemente jetzt im jüdischen Volke haben, ist wahrlich erschreckend. Mit der Verhätschelung und Verherrlichung der Revolution, die wohl nicht die russische Bureaukratie, hingegen aber das Judentum in Rußland grauenhaft vernichtet, muß endlich gebrochen werden. Es ist begreiflich, daß man dazu schweigen muß — solange man eben schweigen kann. Aber es könnte dahin kommen, daß man zu Reden sich verpflichtet sehen wird. Es steht sehr viel auf dem Spiel. Die ungeheure Zerstörung, die bereits erfolgt ist und von der ich leider bezweifle, ob sie je wieder gut zu machen sein wird, flößt uns genug Sorge ein. Kann man dem nicht Einhalt tun, so soll man dieses Zerstörungswerk wenigstens nicht fördern. hinter Lerkermauern. Lose Blätter zur Verbrechensprophylaxe. Von Kreisrabbiner Dr. Max Beermann-Insterburg. II. Selbstgeschriebener Lebenslauf des Gefangenen. ch bin am 24. April 1871 in einem kleinen posenschen Landstädtchen M geboren; mein Vater war Bäckermeister, betrieb außerdem noch " ein Schankgeschäst und befaßte sich auch mit der Beförderung russischer Aus- und Einwanderer. Wir Kinder (wir waren vier Söhne) wurden mit dem Hinüberbefördern von Sachen über die Grenze sehr oft beauftragt, und das gab uns die beste Gelegenheit, öfters der Schule fern zu bleiben. Zch besuchte bis zu meinem zehnten Lebensjahre die jüdische Elementarschule, später das Gymnasium bis zum dreizehnten Jahre, dann jedoch wieder die Elementarschule. Mein S bulzengnis war ein gutes in allen Fächern, bis auf Betragen und Fleiß; darin erhielt ich die Randbemerkung: „E hat das, was er lei tet, nur seinen guten Anlagen zu verdanken, sein Fleiß und seine Aufmerksanlkeit dagegen sind nicht groß, und sein Betragen ist in und außerhalb der Schule im höchsten Grade unbefriedigend." Hierüber war ich damals nur stolz, meinem Vater legte ich dieses Zeugnis gar nicht vor, ich wurde auch gar nicht danach gefragt, da seinerzeit im Elternhanse täglich ein größerer Verkehr Fremder herrschte, und somit wenig Zeit war. sich um andere Sachen als ums Geschäft zu kümmern, kaum daß wir ruittags aus der Schute kamen, so wurden wir zur Grenze geschickt oder im Hause beschäftigt. Im Geschälte verkehrten Leute verschiedenster Art, vorzugsweise Vieh-, Pferde- und Schweinehändler. Denke ich heute zurück, welche Gemeinheiten und Roheiten von den Treibern und Knechten verübt wurden, mit denen wir Jnifgen täglich im Verkehr standen, ta wir diese im Ansichank bedienten, so kann ich mich der Bemerkung nicht en'halten, daß ich gerade im Elternhanse schon den Keim empfing zu dem Schlechten, das mich schließlich ins Zuchthaus brachte. Jedoch kann ich meinen Eltern feinen direkten Vorwurf daraus machen, da diese uns alle davon fern hielten und uns streng bestraften, wenn wir in die Schankitube gingen, all dies ist jedoch noch nicht so von Bedeutung für mein späteres Leben, als die Zeck von meiner Schulentlassung bis zu meiner zweiten Bestrafung in P. Ich wurde nach Beei digung meiner Schulzeit. 14 Jahre alt nach R. in ein Modewarengeschäft in die Lehre gegeben, dort hatte ich nun einen Verkehr, der jeder Beschreibung spottet; im Hause tvar ein Kommis, ein Verwandter des Chefs, und ich als Lehrling tätig; im Haushalte eine Köchin und eine Amme; der unsittliche Verkehr mit dem weiblichen Personal, die Zechgelage mit diesen, speziell nachts, raubten mir den Rest jedes schäm hasten Empfindens. Dieser entarteten Gesellschaft mich fernzuhalten, daztt war ich zu schwach, wenigstens zu unerfahren; ich wußte noch gar nicht, woher der Wein. Kuchen usw. genommen wurden, der dort verzehrt wurde, erst später, als es zu spät war. als ich schon im Umgang mit diesen Leuten selbst die Bahn des Unrechts betreten hatte, da wurde es mir klar; da sah ich erst, daß ich eine schlechte Tat beging, jedoch fehlte mir damals jemand, der mich vor weiteren Fehltritten warnte; der Chef war selten zu Hanse, da er sehr leidend war, seine Frau war monatelang mit ihrem Kinde, einem Mädchen von vier Jahren, aus Reisen, und zwar bet Aerzten da das Kind gelähmt war; im Hause führte eine Verwandte die Wirtschaft, diese war mehr ans ihren eigenen Vorteil bedacht, als auf een ihrer Angel origen, jung wie ich damals war — kein gutes Vorbild wurde mir geboten — wurde ich auf schlechte Bahnen durch diesen Umgang gebracht, und zwar beging ich ein Vergehen. Ich kassierte 6 B ark Geld ein, die ich zur Reiie ins Elternhaus benuhte. Nachdem ich sah, daß die Sache zu bunt lvurde, entnahm ich, wie die andern be den Kollegen. Wein und Kuchen bei zwei Firmen auf Kredit, auf Rechnung m.ines Herrn Chefs, wofür ich v.er Wochen Gefängnis erhielt. Diese Strafe brauchte ich infolge einer Amnestie im Jahre 1888 nicht verbüßen. Dies war nun der Anfang meiner Laufhahn; eine Stelle bekam ich nirgends und ausgelernt hatte ich auch noch nicht. Ta gab mich mein Vater zu einem Schneider in die Lehre auf ein Jahr, damit ich das Zuschneiden erlerne. Dieses Jahr absolvierte ich ohne Zwischenfall bei einem Schneidermeister in P., besuchte dann eine Zmchneideakademie in Berlin einen Monat und erwarb mir das Prädikat „sehr gut". Mit dieseul Zeugnis bewarb ich mich um eine Zuschneidersteüung nicht ohne Erfolg, und zwar erhielt ich diese in P.; mein Gehalt betrug 70 Mark monatlich in den erneu sechs Monaten. Ich mietete mir ein Zimmer für 12 Mark bei dem Schneidermeister, bei dem ich gelernt hatte. Dieser arbeitete auch für dieses Geschäft, und dieses wurde für mich zum Verhängnis; die Leute kannten meinen Leichtsinn, wußten auch, daß ich das größte Vertrauen im Hauie hatte, und io kam der Meister eines Tages mit dem Anliegen zu mit*, ich sollte ihm Stoff zum Anzug für einen Kunden bringen, der jedoch erst später bezahlen wolle. Ich sollte dem Chef vorläufig nichts davon sagen; dieses tat ich. Kaum eine Worte später kam eiue zweite und dritte Bestellung; die Frau drückte mir zehn Mark in de Hand, und auch der Sohn kam mit Bestellungen und ebenso ein Freund des