Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
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42 Wahlen zur ersten Duma wurde diese Bestimmung sehr liberal gehandhabt, hingegen hat jetzt der Senat das Wahlgesetz dahin erläutert, daß der Wähler eine Wohnung mit eigenem Herd haben müsse. Auf diese Weise sind viele Wähler, in manchen Städten bis auf 60 Prozent aller Wahlberechtigten, aus den Listen entfernt worden. Dadurch ist fast ausschließlich nur das jüdische Proletariat in den Städten des Ansiedlungsrayons des Wahlrechts verlustig geworden; denn organisierte Fabrikarbeiter wählen bei den Urwahlen mit. ohne Rücksicht aus irgend welchen Zensus. Es ist somit sehr zweifelhaft geworden, wieviel jüdische Mitglieder die zweite Duma zählen wird. In der ersten waren es bekanntlich zwölf, die aber jetzt das aktive und passive Wahlrecht verloren haben, weil sie wegen Mitunterzeichnung des Viborger Aufrufes unter Anklage stehen. Noch schlimmer ist es, daß unter den jüdischen Wählern in Rußland eine große Zerfahrenheit und Zerklüftung herrscht. Daß der „Bund" jedes Zusammengehen mit der jüdischen Bourgeoisie prinzipiell ablehnt und die Wahlangelegenheiten lediglich vom Standpunkt des proletarischen Interesses behandelt, ist ja selbstverständlich. Aber auch die bürgerlichen jüdischen Wähler haben sich jetzt in einige sich gegenseitig heftig bekämpfende Gruppen geteilt. Früher war wenigstens der Verein zur Erreichung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden der Mittelpunkt aller politischen Bestrebungen. In diesem Verein wirkten alle Parteien unbeschadet ihrer eigenen Anschauungen, durch die sie sich von einander trennten. Jetzt ist diese Vereinigung gesprengt. Einige bekannte Führer, wie Winawer, Ostrogorski, Sirkin, Mittelmann, Schloßberg usw., haben eine „jüdische Gruppe" ins Leben gerufen. Diese neue Gruppe ist jetzt in der letzten Stunde mit einem Aufruf an die jüdischen Wähler hervorgetreten, in dem sie sowohl gegen die äußerste Linke, wie auch gegen die Zionisten energisch Front macht. Wie es scheint, haben diese Männer doch schon eingesehen, daß die Juden in Rußland einen schweren politischen Fehler begangen haben, sich mit der Revolution vollständig zu identifizieren. Diese Anschauung, die man vor einem Jahr in Rußland nicht äußern konnte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, mit Spott und Hohn überschüttet zu werden, bricht sich jetzt in Rußland immer mehr Bahn. Aber wie es bei politischen Strömungen stets zu beobachten ist, nur die wenigsten haben den Mut. ihre Meinung öffentlich zu vertreten, zumal die Presse von den radikalen Elementen beherrscht wird, die jede von der ihren abweichende Meinung auf die schnödeste Weise verlästern und die Volksmassen denunzieren. Es gehört jetzt unstreitig ein größerer Mut dazu, gegen den Strom zu schwimmen und für eine ruhigere Behandlung der Dinge eiuzutreten, als der Regierung Opposition zu machen. Jedenfalls steht der Terrorismus von unten dem von oben nicht im mindesten nach. Der Aufruf der jüdischen Gruppe ist im allgemeinen vernünftig gehalten. Er ermahnt die jüdischen Wähler, vor allem die politischen und kulturellen Interessen der Juden im Auge zu behalten, die Revolution nicht als Selbstzweck zu betrachten und auf die Zukunft der sechs Millionen Juden in Rußland bedacht zu sein. Neben den politischen Rechten, die erkämpft werden müssen, sind die kulturellen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen. Die Juden müssen erstreben die Legalisierung und Reorganisation der Gemeinden, die freie Verwaltung der religiösen und philantropischen Institute, die Einrichtung des Schulwesens. Bezüglich des letzten Punktes fordert die jüdische Gruppe die Selbstverwaltung der jüdischen Schulen, damit die Juden Rußlands bei aller Teilnahme am bürgerlichen Leben nicht etwa im Laufe der Zeit entjudaisiert würden. Etwas dunkel und wahrscheinlich absichtlich zweideutig gehalten ist die Forderung, daß den Juden Gelegenheit gegeben werde in den Schulen ihre „eigene Sprache" zu pflegen. Es kann darunter ebensogut die hebräische wie die jüdisch-deutsche Sprache gemeint sein, und offenbar wollte die neue Parte, der heftigen Kontroverse, die in den letzten Jahren unter den russischen Juden über die Frage hebräisch oder Jargon tobt, ans dem Wege gehen. Es muß aber gesagt werden, daß es sich in diesem Falle um ein schwieriges Probten, handelt, das durch eine nichtssagende Phrase gewiß nicht gelöst wird. Mit dein Programm der jüdischen Gruppe kann man im ganzen einverstanden sein. Es ist in der Tat die höchste Zeit, daß der revolutionäre Paroxysmns aufhöre und einer besonneneren Behandlung der Dinge Platz mache. Auch in dem. was die neue Partei gegen die exaltierten Zionisten ausführt, hat sie vollständig Recht. Es gibt nämlich sonderbare Schwärmer, die die Meinung vertreten, die Juden in Rußland dürsten sich überhaupt um nichts kümmern, am allerwenigsten sich der Pflege kultureller Interessen widmen, da jüdischnationales Leben nur in Palästina möglich sei. Das ist ein Doktrinarismus, der selbst vom zionistischen Standpunkt aus nicht zu billigen ist. Zweifellos kann damit nicht gerechnet werden, daß alle russischen Juden oder auch die meisten von ihnen ihre Heimat würden verlassen können, gleichviel ob mau eine solche generelle Emigration als das zu erstrebende Ideal betrachtet oder nicht. Für die Millionen Juden, die unter allen Umständen in Rußland bleiben wollen und müssen, ist es durchaus notwendig, sowohl die Besserung der politischen und wirtschaftlichen Lage, wie auch die Sicherung ihrer kulturellen und religiösen Interessen herbeizuführen. Es ist geradezu kindisch, die Hände in den Schoß legen zu wollen und auf „Messias Zeiten" zu warten, wo dann die Jndenfrage ihre beste Lösung erfahren werde. Unterdessen würde zweifellos das Judentunr in Rußland völlig zerstieben. Es ist gar keine Frage, daß nur eine kleine Gruppe von Zionisten diese Ansicht vertritt. Die Aufregung der neuen Partei, die in ihrem Aufruf gegen die Zionisten einen so heftigen Ton anschlägt, ist nicht ganz zu verstehen. Sie kann auch nicht Nachweisen, daß die Zionisten offiziell ein solches Programm des Nichtstuns ausgestellt hätten; sie beruft sich nur auf einig, Zeitungsartikel, in denen doch nur die Meinung wenige, exaltierter Zionisten wiedergegeben ist. Es ist auch gar nicht anzunehmen, daß der gesunde Sinn der russischen Juden schon so weit abgestumpft sein könnte, daß bei ihnen derartig, Verschrobenheiten Eingang finden könnten. Zu bedauern ist nur, daß anläßlich dieser folgenschweren Ereignisse nicht all, vernünftigen und besonnenen Elemente sich vereinigen, um di, sehr bedrohte Zukunft der Juden und des Judentums in Rußland zu sichern. Wer die Verhältnisse in Rußland kennt, wird längst z> der Ueberzeugung gekommen sein, daß eine Einwirkung au die dortigen Ereignisse von außen völlig ausgeschlossen ist Das ist ebensogut in der allgemeinen Politik zu beobachten wie auch in der Behandlung der Judenfrage. Es bestätig sich von neuen, der Ansspruch Ludwig Börnes, die Geschicht habe bisher nur den Geschichtsschreibern und den Verleger: Nutzen gebracht, nicht aber den Völkern, die niemals von ih haben lernen wollen. Die Ereignisse in Rußland sind nich nur ungeheuerlich und zum Teil erschreckend, sondern geschichtlw betrachtet auch grandios. Wie aber auch die Dinge sich n der Zukunft entwickeln mögen, jedenfalls läßt sich noch imme erwarten, daß das russische Volk diese heftigen Stürme über