Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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>er .neuen Bildung. .Im Hause des Dajan Salonion Herrmann ernten bereits die Töchter französisch parlieren. In der »äpoleonischen Zeit hatte die Stadt fast acht Jahre unter ranzösischer Verwaltung gestanden — sie wurde bekanntlich auch nach dem Tilsiter Frieden besetzt gehalten — und seitdem .französelte" es hier. Die Eingeborenen hatten sich mit den iebenswürdigen Fremdlingen aufs beste vertragen; man be» vunde.rte die Eleganz ihres Wesens, die Beweglichkeit ihres Seistes und suchte nach Möglichkeit von ihnen zu lernen. Diese Ireundschast soll Glogau die Ungunst der preußischen Könige, ne seitdem den Boden der Stadt nicht mehr betraten, einzetragen haben; jedenfalls hat der französische Einfluß für angere Zeit in der Bürgerschaft und nicht zum mindesteu in >er jüdischen Gemeinde nachgewirkt. Als Student der Rechtswissenschaft kam Maximilian herrmann nach Berlin. Hier war sein Oheim Jakob Joseph Hetlinger Rabbiner, ein schlichter, geradedenkender Mann von zroßem talmudischen Wissen. Aber seine Gelehrsamkeit war mmals bereits im allgemeinen Werte gesunken. Die überagende Bedeutung von Michael Sachs drückte die Stellung ies alten Rabbiners herab. Die Genwinde schien ihn und euch seine Bedürfnisse vergessen zu haben; es herrschte bisveilen fast Not in dem bescheidenen Hause, und Oettinger war u stolz, sich bittend au die Gemeinde zu wenden; es kam ogar einmal vor, daß die silbernen Sabbatleuchter 'erpfändet werden mußten. Für die geradsinnige Art ws Mannes ist sein oft erwähntes Verhalten bei dem Lode Holdheims bezeichnend, wo er zustimmte, daß sein Wider- >art in der Ehrenreihe bestattet werde, denn „der Tod versöhne, ind der Verstorbene sei doch ein Gelehrter gewesen". Eine vätere Anekdote, die die Wirklichkeit zu korrigieren suchte, legte " ettinger die Worte in den Mund: „Begrabt ihn, wo ihr wllt, nur begrabt ihn!" Aber diese Worte widersprechen wie en Tatsachen, so seinem Charakter. Der junge Student fand ei seinem Oheim ein zweites Elternhaus, und es wurde hier er Respekt vor der alten jüdischen Art und das Interesse ür die Fragen im Judentum in ihm lebendig erhalten. In der Zeit, in der Herrmann seine juristischen Studien eendet hatte, herrschte in der preußischen Regierung, und vor >klein in der Justizverwaltung, die Reaktion. So blieb er lssesfor, zilinal, da er Berlin, das ihm eine Heimat geworden, acht verlassen ivollte. Mancherlei Enttäuschungen und Zurück- Atzungen um der Religion willen konnten in ihm nur dazu jenen, das religiöse Selbstbewußtsein zu stärken. Er änderte ch auch nicht, als sich ihm die Erfolge auf einem anderen bege eröffneten. Durch seine juristische Tätigkeit an einer ypothekenbank trat er in Beziehung zu Adolf Hansemann, i nd als dieser die preußische Central-Bodencredit-Gesellschast ‘ ründete, berief erHerrmann ins Direktorium. Seine bedeutungs- ' olle Tätigkeit in diesem Amte ist von sachkundiger Seite! t einem Aufsatz im „Tag" jetzt geschildert worden. Die leitende tellung an dem angesehenen und in gewissen! Sinne exklusiven nstitute brachte ihn in Verbindung, nicht bloß amtlicher, 1 mdern auch persönlicher und gesellschaftlicher Art, zu einflußi sichen, gern sich abschließenden Kreisen. Es fehlte auch nicht i u deutlichen Anerbietungen, die ihn, gegen das Opfer der! eberzeugung, zu hohen Staatsämtern hinüberführen wollten. eziehungen solcher Art sind für viele kritisch geworden; die Geschichte der Renegaten weiß von diesem „Psychologischen > ngenblick" zu erzählen. Herrmann blieb der alte, und was i m nicht am wenigsten ehrt, der alte auch in seinem Verk hr. Die Freunde der Jugend, wenn sie null auch in einem i >m fernliegenden und oft recht begrenzten Kreise lebten, waren auch jetzt die Freunde seines Hauses. Inzwischen hatten sich die Blicke der Gemeindeverwaltung aus den eigenartigen Mann gelenkt; er wurde in den Vorstand bernferi, und da er schon frühzeitig ins Privatleben übertrat, so konnte er seine ganze Kraft diesem Ehrenamte widmen, j Seine Wirksamkeit war wohl ursprünglich als konservatives j Gegengewicht gegen die liberalen Führer im Vorstände, Magnus! und Meyer, gedacht. Aber er ging seine eigenen Wege, er ' blieb eine Partei für sich. Seine Kenntnis des jüdischen Schrifti tums, in der wohl keiner seiner Kollegen neben ihm bestehen j konnte und die er mit umfassendem juristischen Wissen und > bewährter Geschäftskunde verband, gewährte ihm eine ganz exzeptionelle Stellung im Kollegium, die er um so entschiedener j behaupten konnte, als auch seine satirische Schlagfertigkeit und seine scharfe Dialektik ihm ein Uebergewicht über viele gaben. Der Mann des praktischen Lebens, der Jurist und gewissen Sinnes der Rabbiner verbanden sich und stützten sich in ihm. i eine zu früherer Zeit im Judentum ja nicht seltene Erscheinung. I Neben dieser charakteristischen persönlichen Note treten seine wertvollen organisatorischen Leistungen, die besonders auf dem Gebiete der Friedhofsangelegenheiten von maßgebender Seite als grundlegend hingestellt werden, fast zurück. Es konnte ihn, an Gegnern nicht fehlen: aber es ist bezeichnend für diesen Mann, daß, so viele Gegner er bei denen hatte, die neben ihn gestellt waren, er bei denen, die unter ihm arbeiteten, immer nur Verehrung und Liebe genossen hat. Dem konservativen Wahlsieg iin Jahre 1896 fiel er, der als Konservativer in den Vorstand hineingesührt worden war, als erster znm Opfer. Mit; ihm schied aus dem öffentlichen Leben der Gemeinde einer von j jener bedeutungsvollen Generation, die das Alte noch besessen z und das Neue vielseitig in sich aufgenonunen, und die darum j sich reicher dünken mußte als die Generation, die nur das j eine zu eigen hat. Man kann es begreifen, daß sie, im Bewußtsein dessen, dieser bisweilen zurief: „Get von Home, von fragments!"; Dir Dunmwshlrn in Nuhlsnd. j Von Sv. S. 93ernfelb. i ährend die folgenden Zeilen niedergeschrieben werden, ' beginnen in Rußland bereits die Urwahlen, d. h. es iverden ähnlich wie bei den Wahlen zum preußischen Landtag die Wählmänner gewählt, die dann in den Städten und in den Gouvernements die Abgeordneten der Duma zu wählen haben. Wie die Wahlen dieses Mal ausfallen werden, läßt sich auch annähernd nicht Voraussagen. Die Regierung gibt sich der Hoffnung hin, daß sie dieses Mal eine gemäßigtere und ruhigere! Volksvertretung bekommen werde, während ans der anderen! Seite mit großer Bestimmtheit behauptet wird, die zweite Duma werde eine viel radikalere Mehrheit haben als die erste; die reehtsstehenden Parteien und selbst die „Kadetten" werden zu einem kleinen Häuflein zusammenschrumpfen, hingegen werde die Bauern- und Arbeiterpartei die Mehrheit erhalten. Die Regierung gibt sich selbstverständlich die redliche Mühe, eine gefügige Volksvertretung zu bekommen. Sie tut dies in erster Reihe dadurch, daß sie einen großen Teil der proletarischen! Wähler aus den Wählerlisten streichen läßt. Die Wahl für i die Duma ist keine direkte, aber eine ziemlich allgemeine. Es l besteht nur die kleine Beschränkung, daß der Wähler eine! eigene Wohnung haben muß. Die Wählerschaft setzt sich zuerst j aus jenen Wühlern zusammen, die Mietssteuer zahlen; aber auch solche, die keine Mietssteuer entrichten, werden auf Verlangen in die Wählerliste ausgenommen, wenn sie eben Nachweisen, daß sie eine eigene Wohnung haben. Anläßlich der