Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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39 Leitung scheint demnach auch in dem argentinischen „Wohin?" nötig zu sein. Noch viel nötiger ist dieselbe jedoch in Amerika, und da von zehn Auswanderern neun nach Amerika gehen, so liegt hier der Schwerpunkt des Emigrationsproblems und muß hier der erste und Hauptteit unserer Arbeit entfaltet werden. Nicht als ob die russischen Juden so übel daran getan hätten, zu Hunderten und Tausenden sich nach Amerika zu wenden. Vor kurzem fragte ich im Shelter (der Herberge für durchreisende Auswanderer) in der Lemanstreet die Flüchtlinge nach dem Ziel ihrer Neise. Der eine nannte Kanada, der andere Südafrika, ein dritter Argentinien und der vierte Australien! Vier Juden nach vier Weltteilen! Ich dachte bei mir, daß diejenigen, die sich der großen Mehrheit in den Vereinigten Staaten angeschlvssen haben, weiser gewesen sind. Denn in der größeren Zahl liegt größere Sicherheit. Eine Million Juden in Rußland sind eine Million Opfer; eine Million Juden über vier Weltteile zerstreut, sind eine Million Einzelpersonen; aber eine Million Juden in Amerika sind eine Million Wähler, und eine Million Wähler können nicht leicht mißhandelt werden. Es gibt noch andere Gründe, welche beweisen, daß die russischen Juden ihr „Wohin?" nicht so ganz unklug gewählt haben. Amerika hat keine Staatsreligion: die Religion der Puritaner, die Amerika gegründet haben, war dem Judentum sogar! viel ähnlicher als dem Christentum, und die amerikanischen Ideale,! wie sie Männern wie z. B. dem Präsidenten Roosevelt in Fleisch und Blut übergegangen sind, sind die Ideale der hebräischen Propheten- Ferner ist Amerika kein fertiges Land, sondern noch im Werden begriffen. Und die Juden haben dasselbe Recht, wie andere Leute, hinzuströmen, Hand ans Werk zu legen und an der Gestaltung des Landes teilzunehmen. Ja, Amerika bedeutete, trotz seines sozialen Antisemitismus, allezeit Freiheit und Heil für die Juden. Ich wundere mich deshalb nicht, daß eine amerikanische Partei in Rußland aufstand, welche behauptete, daß die Lösung der Judenfrage in ' Amerika liege. Dem ist aber nicht so; es ist nur die nächstbeste Lösung! und eine Lösung, die von der wirklich besten noch weit, weit entfernt ist! Aber, werden Sie sagen, wenn die Auswanderer selbst herausj gefunden haben, daß New Jork die beste Antwort auf das gegen-! wärtige „Wohin" ist, was bleibt dann für die I. T. 0. zu tun? Ich! will es Ihnen sagen: New Jork ist überfüllt, und die jüdische Einj Wanderung dorthin dürfte, wenn sie nicht nach einer bestimmten ' Richtung geleitet wird, eine bedeutende Einschränkung erfahren. Nicht > daß Amerika seine Türen verschließen wird; das braucht nicht be-! »ürchtet zu werden. Allerdings besteht eine sehr starke Agitation für größere Beschränkungen, und ein diesbezügliches Gesetz wäre in der letzten! Legislaturperiode des Kongresses beinahe durchgegangen. Aber Amerika! ist zu human und zu verständigem sich einer Torheit und Ungerechtigkeit schuldig zu machen, die es bewirkt hat, daß Australien weit hinter allen anderen Erdteilen zurückgeblieben ist. Der wahrhaft patriotische Amerikaner sieht, daß, wenn der ganze Süden an Arbeitermangel eidet, wenn der Westen der Weiterentwicklung noch so dringend 'edarf, wenn sogar große, alte Städte wie Cincinnati, Cleveland, springfield und selbst Chicago sich beklagen, daß der Arbeitsmarkt n unzulänglicher Weise versorgt ist — daß dann die Einwanderung ür Amerika noch immer einen kostbaren Lebensstronr bildet. Aber )ie Agitation hat noch ein anderes gezeigt, daß nämlich dieser kostbare Lebensstrom nur wenige Teile bewässert, während ausgedehnte Territorien trocken und unfruchtbar liegen, kurz, daß es sich mit der lichtjüdischen Einwanderung genau so verhält, wie mit der jüdischen ^er größere Teil derselben geht nach New Jork und einigen wenigen Ztädten im Osten. Wie gewöhnlich, sind die Inden nur dem Beipiele der Christen gefolgt. Demnach betrifft das amerikanische Einvanderungsproblem in Wirklichkeit nicht die Juden allein, sondern üe gesamte Einwanderung in ihrem ganzen Unifauge, und etwaige 'eschränkende Gesetze müssen sich daher gegen die ganze Masse der nnwanderer, nicht ausschließlich gegen die Juden richten. Welche form diese Gesetzgebung wahrscheinlich haben wird, ist leicht vöraususehen. Während der letzten Monate ist eine neue Politik entstanden, ' ie ihren Ursprung in der zuerst von dem Präsidenten Roosevelt genachten Beobachtung hat, daß das Nebel nicht in der Einwanderung selbst, sondern in ihrer Verteilung liegt. So ist >in neues Losungswort entstanden, das sich schnell über;>anz Amerika verbreitete: „Verschließet die nördlichen Häfen!" Dieses Losungswort erschien zuerst vor einigen Wochen in einer amerikanisch - jüdischen Zeitung. „Verschließet die nördlichen Häsen!" so lautete der Titel eines Leitartikels. Ich sagte mir: wenn das eine jüdische Zeitung sagt, so ist das ein schlimmes Zeichen. Es bedeutet, daß alle christlichen Zeitungen dasselbe sagen. Und so war es auch. Nicht nur diejenigen, die die Einschränkung befürworten, sondern auch ihre Gegner stimmen in den Ruf ein: „Verschließet die nördlichen Häfen!" Und New Uork ist einer dieser nördlichen Häfen. Für den christlichen Auswanderer ist die Sache nicht so schlimm. Er wird in einem südlichen Hafen landen und findet überall Christen und Landsleute. Aber wie wird es dem Juden ergehen, dem mit einem Schlage seine Zufluchtsstadt, sein New Jork, verschlossen ist? Allerdings wird er noch per Eisenbahn dorthin gelangen können. Aber für den Durchschnittseinwanderer, namentlich wenn er eine Familie bei sich hat, machen die weiteren Kosten einer drei-oder viertägigen Eisenbahnfahrt durch das Festland eine solche gänzlich unmöglich. Und er würde keine jüdische Atmosphäre finden, keine Freunde, die ihm über die schweren ersten Tage in einem neuen Lande hinweghelfen können, niemanden, der seine Sprache spricht, niemanden, der ihm ratet, ihn beschützt. Er wird wahrscheinlich im Süden bleiben, der ein fast tropisches Klima hat und schon mit der Negersrage belastet ist. Gar mancher jüdische Einwanderer ist dort bereits ins Elend geraten. Durch Arbeiteragenten angelockt, sind sie zur Sklaverei herabgesunken. Der Tag, an welchem die nördlichen Häfen geschlossen werden, so daß die jüdische Zufluchtsstadt der Mehrzahl der Einwanderer unzugänglich gemacht wird, wird für die jüdischen Massen ein Tag des Schreckens, ein kleiner Tisch'o beaw sein. Indessen, wenn wir im voraus unsere Maßregeln treffen und nicht mehr sozusagen von der Hand in den Mund leben, können wir diesen drohenden Fluch in einen Segen verwandeln." Zangwill kommt nun schließlich auf sein wiederholt schon von uns besprochenes Werk zu sprechen, nämlich den Hafen von Galveston für die Einwanderung und das ganze Gebiet von Texas dadurch für die Kolonisation zu erschließen. Der Plärr ist gut und verdient die wärmste Unterstützung. * Ueber die jüngsten Ausschreitungen gegen die Inden in Rumänien, die ein peinliches Pendant zu den vielbesprochenen Ausführungen der Königin des Landes für die Juden bilderr, wird mrs von einem Freunde unseres Blattes folgendes mitgeteilt: Bukarest, den 14. 1.1907. Geehrter Herr Redakteur! In Nummer 1 der „Allgem. Zeitung des Judentums" vom 4. d. M. brachten Sie einen Artikel über die antisemitischen Ausschreitungen in Craiova. Da die Manifestanten fast ausschließlich Schüler der dortigen Schulen waren, wird es für Sie vielleicht von Interesse sein, zu erfahren, daß kurz nach den Ausschreitungen in Craiova eine Lehrerkouferenz stattsand, zwecks Bestrafung der Schüler, die sich an den Ausschreitungen beteiligt hatten. An dieser Konferenz nahmen auch der Bürgermeister und der Polizeipräfekt des betreffenden Distriktes teil. Tie Lehrerkonferenz fand, daß kein einziger Schüler erwiesenermaßen als der Anstifter bezeichnet werden könnte. Andererseits können nicht alle diejenigen Schüler, deren Zahl 500- 600 betrug, die an der Manifestation teilnahmen, ausgeschlossen werden. Infolgedessen wurde beschlossen, überhaupt keine Ausschließung vorzunehmen, sondern an die Schüler in ihrer Gesamtheit eine ernste Mahnung und die Aufforderung zu richten, derartige Szenen nicht mehr zu wiederholen. Die dortige Zionistenversammlung war übrigens von dem bekannten Jassyer Rabbiner Dr. Niemrower einberufen worden. — Ein Seitenstück hierzu bildet ein Vorgang, der sich unlängst in der rumänischen Donaustadt Braila zugetragen hat. In dem dortigen Theater sollte von einer jüdischen Truppe ein Theaterstück aufgeführt werden. Die dortige Schuljugend aber, die allem Anscheine nach nichts Besseres zu tun hat, zog vor das Theater und veranstaltete daselbst lärmende Kundgebungen, so daß die Vorstellung im letzten Augenblick verboten wurde. Derartige Vorgänge sind hier keine Seltenheit.