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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-25 · Heft 4 (25.1.1907) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 freiesten Ländern, in der Schweiz. England und den Vereinigten Staaten. Und die Männer haben gar nicht das Verlangen, diesen Zustand der Tinge zu ändern. Es fehlt ihnen der Sinn für geordnete Häuslichkeit; das Differenzierungsvermögen scheint ihnen völlig abzugehen. Und an allen diesen Uebeln kranken auch schwer unsere StainmeSgenossen, die ein unglückliches Geschick in das Zarenreich geraten ließ. — Wie helfen wir da? Wie machen wir es. daß der Sinn für anheimelnde Häuslichkeit geweckt wird, daß das Walten wackrer Hausfrauen da endlich mal Platz greift und das Leben seine eigentliche Würze erlangt? — Dies sei die Ausgabe der Hilfsvereine und Gesellschaften, die sich die Hebung der Juden des Ostens angelegen sein lassen wollen, eine Aufgabe, zu deren Erfüllung noch gar zu wenig geschehen ist. Bit Wach?. _ . Berlin, 22. Januar. 3n letzter Stunde noch richtet sich die Mahnung an alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, ihrer Wahlpflicht am 25. d. M. eingedenk zu bleiben. Diese Wahlpflicht gilt für alle Staatsbürger, für uns Juden aber ganz besonders. Mehr antisemitische Kandidaten als je zuvor sind diesmal aufgestellt; sie segeln vielfach unter falscher Flagge und erfreuen sich — dank der Einigung aller Ordnungsparteien in vielen Wahlkreisen — zum Teil auch der wohlwollenden Protektion der einzelnen Parteien, von den Konservativen angefangen, bis tief in die Reihen der Nationalliberalen hinein. Für uns muß die Parole bleiben: Unter keinen Umständen einen Antisemiten! Im übrigen wähle jeder nach seiner Ueberzeugung; nur von der Wahlurne darf niemand und nirgends fernbleiben! Nach dem Ausgang wird sich ja wohl noch Gelegenheit bieten, auf einzelne niarkante Vorgänge im Wahlkampfe zurückzukommen. Besonders die amtlichen Beeinflusinngen zugunsten antisemitischer Kandidaten im Lande Goethes und Herders werden dann wohl sicher zum Gegenstand einer Interpellation im neuen Reichstag gemacht werden. Möchte dieser nur eine Zusammensetzung bieten, die die wahren Interessen des deutschen Reiches und des deutschen Geistes vertreten wollte! * Einer von den Männern, für die unsere Alten den Begriff berChasside umot ha-olam geprägt haben, ist in der letzten Woche von uns geschieden: der weltberühmte Strafrechtslehrcr Professor Albert Friedrich Berner hier. Er war ein aufrichtiger Freund der Juden und des Judentums; er hat das zu jeder Zeit öffentlich und feierlich bekundet. Unvergessen bleibt fein Eintreten für das Judentum in jenem denkwürdigen Vortrag im Berliner Protestantenverein über „Christentum und Judentum und ihre Zukunft". Das war zur Zeit der wüstesten Antiscmitenhetze! Und niemals vorher hatte ein protestantischer Forscher solche Worte der Verehrung für den monotheistischen Geist des Judentums gefunden, als Berner in jenem Vortrag. Niemals vorher hatte ein christlicher Gelehrter ein solche scharfes Urteil gegen die Tanfwut und gegen die Ueberläufer gewagt, wie er. Der Schluß seines Vortrags, in dem er die Religion der Zukunft in einem Christentum erblickt, das durch das Judentum erst zum wahren Monotheismus geläutert werden soll, war ein Kiddusch Haschem in des Wortes tiefster Bedeutung. Ein solcher Mann mußte natürlich seine Ueberzeugung auch bei jedem öffentlichen Anlaß bekunden. Als es I galt, für die deutschen Juden gegen den austaüchenden Äntisemitismns Zeugnis abzulegen, war Berner der erste auf dem Platze. Als wir was sterblich war von Leopold Znnz zur letzten Ruhestätte trugen, war der greise Berner der erste auf dem Friedhofe. Und so zeigte er bei jeder Gelegenheit seine hohe Objektivität und seine warme Teilnahme für das Judentum und dessen geistige Bestrebungen. Wir werden ihm ein treues mtb dankbares Andenken bewahren. * Die große Frage, wohin der Strom der autzwandernden russischen Juden zu lenken sei, hat Israel Zangwill, der Leiter der Jto, in der vorigen Woche in einer großen und Aufsehen erregenden Rede in London eingehend besprochen. Wir entnehmen einem eingehenden Bericht der „Jüd. Presse" darüber folgende besonders interessante Stellen: „In welche Ri.btung soll man dem gegenwärtig auswandernden Juden raten, seine Schritte zu lenken? Wenn wir uns diese Frage vorlegen, stehen wir einer doppelten Schwierigkeit gegenüber: deni Sabbat und dem Antisemitismus. In welchem Lande kann de* russische Jude seinen Sabbat halten und zugleich vor dem Antisemitismus gesichert sein? Ich habe diese Frage schon beantwortet. In keinem! Es gibt kein derartiges Land. Es gibt kein Land in der Welt, in welchem der orthodoxe Jude eine befriedigende ökonomische, politische und religiöse Zukunst zugleich haben kann. Ich stehe nicht hier, um sauste Worte zu sprechen und den ernsten Charakter der Judensrage abznschwächen. In einem Jahre, in welchem Juden in Stücke zerrissen und Jüdinnen vergewaltigt wurden, ist es an der Zeit, angenehme Illusionen aufzugeben. Es gibt kein Land auf Erden, das alle Flüchtlinge aus Rußland aufnehmen und ihnen alles geben kann, was ihre Seele und ihr Leib verlangen und brauchen. Wer auch immer Rußland mit einem neuen Lande vertauschen will, kann sich in der Tat glücklich schätzen, wenn er imstande ist, seinen Sabbat streng zu beobachten. Und sollte auch die erste Generation ihn halten, die zweite wird es nicht tun. Die große Majorität wird zwischen Sabbatverletzung und Dürftigkeit oder doch wenigstens Beschränkung auf einige niedrige Beschäftigungen wählen müssen. Und dennoch ist die „Zerstreuung der Juden über alle Länder" das Losungswort, das uns unsere sogenannten praktischen Leute geben, zu denen auch einige Hauptstützen der Orthodoxie gehören. Und das sind die Leute, die uns die „I.T. 0 - Träumer" nennen. Nein, sie sind die Träumer, es sei denn, daß sie absichtlich die Augen schließen und nur zu schlafen scheinen. Alles, was die I. T. 0. als eine jüdische Körperschaft sagen, der ehrliche Rat, den sie allen denjenigen, die auszuwandern im Begriffe sind, geben kann, ist der: „Tut es nicht!" Wenn sie aber, im vollen Bewußtsein der vor ihnen liegenden religiösen Schwierigkeit, dennoch auswandern — nnd wir wissen, daß sie sich kaum anders helfen können — dann würde ich zu ihnen sagen: Es gibt vor allem zwei Länder, wo ihr vortreffliche Gelegenheit finden könnt, euren Lebensunterhalt zu verdienen; das eine, das ihr alle kennt, sind die Vereinigten Staaten, und das andere, von dem nur die Minorität weiß, ist Argentinien. Die argentinische Regierung heißt alle Einwanderer willkommen und ist bereit, sie kostenlos nach Plätzen zu befördern, wo sie Arbeit finden können. Das Land ist im Aufblühen und die Löhne sind gut. Lord Rothschild, der einer Anzahl russischer Juden dahin verholsen hat, sagt mir, daß es ihnen allen wohlergeht und daß sie Geld nach ihrer russischen Heimat schicken. Aber selbst hier scheint sich uns Gelegenheit zum Eingreifen zu bieten, denn Herr Carl Stettauer, der unermüdliche Reisende im Dienste der jüdischen Sache, teilte, mir mit, daß er in Wien uligesähr 30 Inden getroffen habe, meistens junge, gesund anssehende Menschen, die soeben aus Argentinien zurückgekommen waren und behaupteten, daß der staatliche Einwanderungsbeamte von Buenos Aires abwesend war und sie keine Arbeit hätten finden können. Nun w.ssen wir allerdings, daß der Arbeitsmarkt in Buenos Aires überfüllt ist. Hütte aber eine richtige Leitung der Einwanderung bestanden, so hätte man diese Juden in diejenigen Teile Argentiniens schicken können, wo Arbeck im Neberfluß zu haben ist. Diese Art der

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