Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 25. Januar 1907. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 71. Jahrgang. Nr. 4. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abo nnem en ts-Pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsst llen) b zogen Vierteljahr!. 3 Ul. Redakteur: Gustav Rarpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse' Verlag der „Allgein Zeitung des Judentums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Lur Osthvlosir rulülcher Lultsndk. Berlin, 22, Jannarieses Thema ist in den letzten drei oder vier Dezennien schon vielfach variiert worden in Schrift und Rede und jüngst wiederum von sehr kompetenter Seite. In einem gehaltvollen, eben publizierten Vortrag „Die russische Revolution und die russischen Juden" hat Dr. Paul Nathan vor der Ver° sammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am verwichenen 5. v. M. ein Bild des kranken Zarenreiches entrollt, das an Gründlichkeit nichts zli wünschen übrig läßt, lleberwaltigcnd ist das beigebrachte Massenmaterial statistischer und nationalökonomischer Daten, und man muß sich nur wundern, wie es einem Ausländer möglich gewesen, so tiefe Einblicke in den russischen Jammer zu gewinnen. Dem ersten Bestandteil der Pathologie, der Aetivlogie und Symptomologie, das ist dem Nachweise und der Darstellung der Krankheitserscheinungen, wäre damit vollauf genüge geschehen. Auch zur Pathogenie, Krankheitsentstehung, sind reichlich wertvolle Beitrüge zugeflossen. Nach bereits vollzogener Diagnose und Prognose sind eben die russischen Staatsräte daran, dem schwerkranken Staatskörper das Heilpslüsterchen eines parlamentarisch-konstitutionellen Regimes aufzulegen, das dieser in seiner Ungeberdigkeit hartnäckig fortreißt »nd so die Heilung noch gar sehr problematisch erscheint. Uns Juden interessiert es zunächst, den Krankheitsverlauf, so iveit er sich auf unsere Stammesgenossen erstreckt, zu beobachten und ein Heilmittel zu deren Rettung ausfindig zu machen. Das beste wäre, sie dem Einflüsse des kranken russischen Volkskörpers zu entziehen. Aber wie? Daß nicht nur der russische Staatskörper, sondern auch die russische Volksseele bedenklich krank ist, das unterliegt keinem Zweifel. Es ist mehr als naiv, nach den stattgehabten schauderhaften Schlächtereien und nach alledem, was noch jetzt im Zarenreiche vorgeht, das Märchen von der Gutmütigkeit des russischen Volkes zu glauben. Ohne eine so vertierte und entwrenschte Masse wären solche mittelalterliche Ereignisse nicht möglich gewesen. — Mit der sogenannten Intelligenz ist es ebenfalls nicht weit her. Die Schar der besonnenen „Westler" iSagadniki), die sich ehedeiu um das rühmlich bekannte Journal des Barons v. Korst, „Westnik Jewropij", zu der auch der Maler Wereschtschagin gehörte — auch der grausanr gemordete Kaiser Alexander ll. stand diesem Kreise nahe — gruppierte, ist verschwindend klein und machtlos. Der große Rest besteht aus Hitzköpfen und Fremdenhassern, Prawoslawni und Panslawisten, im Genre der Leontjeff, Aksakow, Tschernajefs, Sacharin e lutti quanli, die noch unentwegt ihren grausigen Sput treiben und ihre fürchterlichen Orgien halten — unter anderen Namen.! Das führende Blatt der Intelligenz, „Nowoje Wremja", hört nicht ans, Gift und Galle zu speien. Es hat schon im Jahre 1882 der Negierung den wundervollen Rat erteilt, einen Fond von 17 Millionen Rubel zum Zwecke der Gesamtaustreibung von Juden aufzubringen. Der Plan ist nur fallen j gelassen worden, da man einsah, wie kindisch er ist, indem die i übrigen Mächte sich einen solchen Exodus doch nicht gefallen! lassen werden. In demselben Jahre erstariden auch die be- I rüchtigten Maigesetze des Grafen Jgnatjeff, des Vaters der j Lüge, und die ersten Pogroms in Kiew und in Warschau z wurden von den Kreaturen derselben Persönlichkeit in Szene; gesetzt. Heute heißt es, es geschieht, um die Juden für ihre j Anteilnahme an der Revolution zu züchtigen, aber damals trat diese Erscheinung Za noch nicht so sehr zutage und hatten sich die Verhältnisse noch nicht so arg zugespitzt. Sv mußte nun der jüdische Wucher das Schiboleth sein, obgleich der russische Wucherer „Kulak" noch weit schlimmer hauste. -; Was hat demnach das Judentum von einer solchen Gesellschaft zu erwartend Der Glaube an die Gutmütigkeit des russischen Voltes ist eine Chimäre und für russische Patrioten und Chauvinisten angebracht, nicht für deutsche. Wir wissen, daß das Germanen- > tum schon seit undenklichen Zeiten harte Kümpfe mit dem j Slawentum zu bestehen hatte und siegreich aus denselben > hervorgegangen ist, dank seiner gesunden, überlegenen Volks-! natur. Es ist die deutsche Zucht, die deutsche Art, die deutsche! Hausfrau, die deutsche Ordnungsliebe und Stetigkeit, das deutsche Pfarrhaus usw., das dieses Wunder bewirkte, euren! weit konrpakteren Gegner, dessen Herrschaft sich bis zur Elbe! ausdehnte, aus denr Felde zu schlagen. j Wie traurig und zerfahren sieht es in alledenr heute noch im Zarenreiche aus! Ter ungezügelte Charakterzug, die unj glückliche „Scherokaja natura" (breitangelegte Natur) des Russen! ist ja die Hauptschuld au den vier großen Ws. wovon sein; ganzes Gesellschaftsleben durchseucht ist: Weiber, Wein,! Würfel, Wucher. — Alle Erzeugnisse seiner große» Schriftsteller, von Gogol, Dostojewski bis Gorki herab, siitd nichts als schaurige Zerrbilder krankhafter Zustände, und selbst der große Seher Tolstoi dient nur als Phänomen, als Symptom in dieser Erscheinung. Sehe man sich seine geistlichen Führer an, die Popen, wie sie mit ihren Pfarrkiudern um die Wette trinken und seine zu allen Schlechtigkeiten feilen Tschinvwniki! — Wo ist das ordnende Walten der Hausfrau da sichtbar! Die russischen emanzipierten Frauen übertrumpfen ihre Schwestern in den