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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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X- 36 Augenschein zu nehmen, ob es schon nicht der Tag war, an welchem man den heiligen Gral zeigt. Einige Kirchendiener, selbst einige Geistliche, eilten geschäftig auf und ab. um die Kapelle zu öffnen, in welcher die geweihtes Schale aufbewahrt wird. Wie ich näher trat, sah ich den Abbe Bernis in der Gesellschaft, welche Filippo Durazzo, ein ehemaliger Kollege von mir, zu führen schien. Filippo war in früheren Jahren mit mir zugleich im Seminar des Ordens gewesen. Plötzlich Erbe eines großen Vermögens, hatte er den geistlichen Stand, zu dem er als Seitensproß seiner Familie bestimmt war, auf" gegeben und in Paris ein geräuschvolles Leben geführt. Er war seit kurzem zurückgekehrt, war in den Senat gewählt und hatte sich nach dem Willen seines Erblassers mit einer älteren reichen Dame vermählt. Er lebte sehr schwelgerisch, sein Haus war der Schauplatz immerwährender Festlichkeiten. Nur ganz flüchtig hatte ich die Bekanntschaft mit ihm erneuert und Abbe Bernis gab wohl die Veranlassung, daß er iu der Kirche auf mich zueilte, um mich zum Zeugen eines Streites zu machen, in welchem die Gesellschaft begriffen war. „Es gilt eine Wette und ein kirchliches Geheimnis!" flüsterte er mir lachend zu, nachdem ich die fremden Herren begrüßt. „Es hat jemand, der sich nicht nennen will, gestern Abend an der Tafel des Dogen die frivole Vermutung aufgestellt, der Smaragd, den die gesamte Christenheit^ jahrhundertelang als den heiligen Gral verehrte und den wir hier als den größten Schatz der Republik heilig halten, sei am Ende nichts weiter als ein Glasfluß aus den venezianischen Spiegelsabriken. Dergleichen Ketzerei," fügte er ernst und laut.hinzu, „darf man nicht auf sich beruhen lassen, denn die Ehre der Republik hängt daran!" „Noch mehr wohl die Ehre der heiligen Kirche!" erinnerte ein Kaplan von San Lorenzo. „Für den Aberglauben wollen wir nicht fechten!" flüsterte einer von den Kavalieren. „Alles ist hier Partei in der Sache," sagte Bernis, „wer soll entscheiden? Wir sollten einen Naturforscher zu Rate ziehen,. einen gelehrten Mineralogen. Jedoch müßte er für einen Augenblick alle christlichen Voraussetznngerr aus Liebe zur Sache fahren lassen." „Das würde schwer halten," entgegnete Durazzo, „denn die Lehrer unserer Hochschulen, auch wenn sie bloß über Steine und Pflanzen predigen, sind auf den christlichen Glauben verpflichtet. Wir Patrioten unserer glorreichen Republik, die wir zu sehr bei dem guten Ruf des heiligen Grals beteiligt sind, wir haben ein Auskunftsmittel gefunden, um einen unparteiischen Richter zu stellen. Hört, meine Herren! Wir haben, kraft unserer jungen Würde als Senator der Republik, die Juden schüft anfgefordert, uns ihren besten Juwelenkenner zu senden." „Es ist einer ihrer Rabbiner," sagte der Kaplan, „aber er hat früher auch mit Edelsteinen gehandelt. Er harrt draußen unseres Winkes." „Hat man ihm auch," flüsterte Abbe Bernis, „einen Eid abgenommen, damit er nicht plaudert?" Seine Frage wurde bejaht, und aus der Nebenpforte der Sakristei trat die kleine gebückte Gestalt des greisen Juden, von dessen Wunderkuren man sich viel erzählte. „Sie schicken einen Gelehrten," sagte Bernis, „also fürchten sie, es sei eine Religionsfrage." „Es ist derselbe weise Medikus, der dem Dogen'mit Sprüchen aus dem Talmud, mit Spinnengeweben, mit Mondschein und allerlei kabbalistischem Hokuspokus die welke Hand geheilt hat." Der kleine Rabbi stand jetzt vor uns, blickte sorglich, aber ohne Furcht in, Kreise umher und neigte sich demütig nach allen Seiten. Dann faßte er seinen Talar sauber zusammen und sah ruhig drein, der Dinge gewärtig, die da kommen sollten. „Wißt Ihr, Jude, warum es sich handelt?" fragte Durazzo, „wir haben einen Juwelenkenner verlangt." „Ich weiß, Exzellenz«," erwiderte der Rabbi gutmütig; „ineine Genossen trauen mir die Kenntnis aller Steine zu." „Es ist nur ein Scherz," fuhr Durazzo fort, „im Grunde wissen wir selbst sehr gut, was wir an dem heiligen Steine haben." „Exzellenz«," sagte der Rabbi, „der Glaube kümmert sich nicht um Mineralogie." Dies schüchtern als Warnung ausgesprochene Wort wurde überhört, während man die Kirchentüren schloß, die Kapelle sich öffnete und die Gesellschaft sich um die smaragdne Schäle drängte. (Schluß folgt.) Sprechsaal. Hochgeehrter Herr Redakteur! estatten Sie, daß auch ich, anläßlich des kommenden 25. Todestages Berthold Auerbachs, für Ihre geschätzte Zeitschrift eine kleine Notiz einsende, die ich im 7. Jahrgange der von Leop. Stein seinerzeit in Frankfurt herausgegebenen Zeitschrift „Der israelitische Volkslehrer" (1857) S. 39 und 40 vorfand, und deren Inhalt wohl als wenig oder gar nicht bekannt vorausgesetzt werden dürste. Es heißt hier: „Ans Nordstetten, Berthold Auerbachs dorfgeschichtlichem Geburtsorte, berichtet die Horber Chronik: Unser sehr verehrter Mitbürger Herr Dr. Berthold Auerbach inDresden, der durch seine literarischen Werke eine seltene Berühmtheit erlangte, verdient auch wegen materieller Wohltätigkeits-Werke gerühmt zu werden. Die hiesige Gemeinde hat schon mehrfache Beweise der allgemeinen Menschenliebe und besonderer Anhänglichkeit des freundlichen Dichters genossen. .. . Eine Tatsache aber verdient, weil sie moralisch so erquickend erscheint, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Aus Veranlassung der neuesten Schrift Auerbachs („Barfützele") erhielt dieser eine Zuschrift anonym nebst 50 preußischen Talern de dato Wien, 2. Dezember 1856, also lautend: „Ihr Barsüßele hat mir so unendlich, so innig wohltan (!), daß i ich gern den Barfüßeln auch wieder wohltun möchte. Um auf irgendeine Weise diesem Gefühle Ausdruck zu geben, erlaube ich mir. Ihnen einliegende kleine Gabe mit der Bitte zu übersenden, dieselbe zur Bekleidung von Dürftigen, ganz nach Ihrem Ermessen, zu verwenden." Der edle Verfasser des „Barsüßele" schreibt an einen Freund, den er jenen Brief gesandt: „Nun will ich Dir eine Freude Mitteilen, wie ich noch selten eine im Leben erfahren . . Nach erzählter Tatsache wird hinzugesügt: „Solche Wirkung ist mir eine Herzstärkung, wie es keine mächtigere geben kann, und noch jetzt fühle ich mich iu tiefster Seele beschenkt. Der Entschluß, wie ich das Geld anwende, war bald gefaßt. Ich schicke es nach meinem Heimatsdorse. Das Ergebnis fließe zur Quelle zurück, aus der sich mir das Leben erhöhte und verschönte. Auch kenne ich ja dort viele Arme, und halte ich die Wohltätigkeit nur für eine halbe und kalte, wo der Geber kein Verhältnis zum Beschenkten hat." Dem Schreiben war ein Verzeichnis beigegeben über die Art der Verteilung und bestimmt, daß zehn christliche und ebensoviele jüdische Kinder mit zwei Gulden bedacht werden sollten. Brünn, 19. Dezember 1906. Dr. M. Grün selb. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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