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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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35 geeigneten Jugendschriften immer wieder bei Präinienverteilüngen in arge Verlegenheit. . Gerade diese allgemein mit Bedauern empfundene Lücke Hilst das Büchlein ausfüllen. Es wird sich natürlich auch eine streng objektive Kritik von berufener fachmännischer Seite gefallen lassen müssen; ich für ineinen Teil glaube zuversichtlich, daß es auch vor jenem Forum der im Erkennen und Beurteilen der Vorzüge wie der Schwächen geübteren Kommission, selbst wenn sie mit der Sonde unnachsichtig strenger Kritik an die Beurteilung herangeht, sich in Ehren behaupten wird und wünsche ihm einen segensreichen Erfolg und würdige Nachfolger. Bei einer hoffentlich bald nötig werdenden neuen Auflage wäre zu wüuschen, daß ein die Ueberstcht erleichternder Index in Form von Ueberschriften für die einzelnen Kapitel, die in prägnanter Weise auf den Inhalt derselben Hinweisen, hinzugefügt wird. Auch auf die äußere Ausstattung hinsichtlich der Dauerhaftigkeit des Einbandes und dessen wohlgefälliger Form könnte noch mehr Wert gelegt werden. Wir würdigen vielfach diese scheinbaren Nebensächlichkeiten allzuwenig. Gerade für Kinder, deren ästhetische Bildung nicht vernachlässigt werden darf, empfiehlt sich: Tapuche sobow bemasskiaus kossepli (Spr. 25, 11): „Goldene Aepfel ans silbernen Schalen/' Bei einer — wie ich hoffe — Massenverbreitung ist mit wenig Pfennigen mehr in Bezug darauf verhältnismäßig viel zu erreichen. Geradezu unverständlich bleibt es aber, wie ein aus Massenverbreitung berechnetes Buch, das noch dazu von den Logen sicherlich auch materiell gefördert wird, so außerordentlich hoch im Preise stehen kann. Die beabsichtigte Wirkung wird dadurch völlig aufgehoben; kostet doch im Durchschnitt die einzelne Seite Text soviel wie bei einem streng wissenschaftlichen Buch, z. B. aus der Feder eines Wellhausen. Die erste Forderung, die man an ein wirkliches Volksbuch stellen muß, ist die, daß es bei seiner Gediegenheit so wohlfeil wie möglich sei. Mir will ein Drittel oder höchstens die Hälfte des dafür angesetzten Preises gerade angemessen erscheinen, obwohl ich nicht in den Verdacht zu kommen befürchte, den Wert eines Buches nach seinen Volulnen zu bestimmen. Der heilige Gral in San Lorenz Aus dem Nachlaß von Gustav Kühne. I. Italienische Familienpapiere aus den fünfziger Jahren ^7 des 18. Jahrhunderts liegen mir vor, und diesen Aufzeichnungen entnehme ich die folgende wahre Geschichte: . .. Nicht Geheimnisse wollte ich enträtseln, sondern Menschen finden, mit denen ich frei und ohne Zwang fühlen, auf das Heil der Welt sinneil könnte. Außer einigen Geistlichen aus der Schweiz und mehreren Herren vom Hofe, die ihr Inkognito streng festhielten, lernte ich zu Turin in den Freimaurerlogen auch einige Franzosen kennen. Mein Reisegefährte, mit dem ich nach Genua zurückkehrte, war ein Franzose von altemaber zurückgekommenen Adel; nur seiner Persönlichkeit, nicht seiner Verwandtschaft mit den großen Häusern Frankreichs hatte er seine Stellung in der Welt zu verdanken. In der Anmut seiner Erscheinung trug er alles, was er an Exist besaß, ohne daurit prunken zu wollen, zur Schau. Er versprach vielleicht mehr als er hielt, aber Offenheit unv Sanftmut versöhnten immer wieder, wenn der strengere Sinn seine gesellschaftlichen Talente für anstößig und eines Priesters nicht für ganz würdig hielt. Seine galante Poesie hatte ihn in Paris zum Abgott der Damen gemacht; man nannte ihll „la bouguetiere du Parnasse", und er schien seinen Ruhm mit bescheidener Gelassenheit zu tragen. Abbe de Bernis — ich rede hier von dem später so berühmt gewordenen französischen Staatsmann und Dichter Cardinal de Bernis, damals in der Blüte seiner Jahre — war arm gewesen, ohne geldgierig zu werden. In seiner sorglosen Lebenslust, aus der er kein Hehl machte, lag weder Schwelgerei, noch Frivolität. Er durste Frau v. Pompadour, die große Maitresse von Frankreich, wöchentlich einmal besuchen; sie empfing ihn mit ihrem „Kon soir, eher Abbe!", scherzte dann mit ihm über die Sterne am Himmel und über die Konjunkturen in der Kaffeetasse; beim Abschied schlug sie ihn höchstens mit den Fingerspitzen an die Wange. Lauscher hatten ihre Szenen miteinander gewissenhaft beobachtet und Versailles schien allen Ernstes nicht übel Lust zu dem Glauben zu haben, man könne amüsant sein, ohne lasterhaft zu werden. In diesem Rufe stand Abbe Bernis, und seine Bescheidenheit, die vielleicht das Ergebnis eines ruhigen Blutes war, wurde glänzend belohnt. Er wurde plötzlich zum Gesandten von Venedig ernannt. Die Minister stellten ihm jedoch, entweder als Probe für seinen diplomatischen Beruf oder als hinterlistige Falle, die Aufgabe, sich bei seiner Durchreise in Turin die Abschrift eines Vertrages zu verschaffen, den Sardinien ganz geheim mit Spanien geschlossen hatte. Abbe Bernis ging in Turin geraden Weges zum Minister und stellte ihm offen seine Verlegenheit dar. Die Aufrichtigkeit in der Diplomatie war so neu, daß sie Glück nurchte. Der Minister des Türmer Hofes gab ihm den Vertrag in Abschrift mit dem Bemerken, die Sache könne ohnedies nicht lange ein Geheimnis bleiben. Seitdem war der Ruf des neuen Gesandten bei der Republik Venedig gesichert und der Abbe Bernis konnte in dem eul de sac der Lagunenstadt unter dem Scheine der Aufrichtigkeit als wirklicher Diplomat nach Belieben seine Spinnennetze weben. Er hatte dort im Verkehr mit Abenteurern, Kurtisanen und Rittern der Farobank die europäischen Geheimnisse ausgesorscht und seinen Aufenthalt in Venedig weise genug benutzt, um Frankreich mit dem alten Hause Oesterreich zu verbinden. Seine Verdienste um die heilige Kirche wurden dann mit dem Kardinalshut belohnt; damals war er vom französischen Hose zum Staatsrat ernannt und ivnrde zurückgerufen, verweilte jedoch noch einige Zeit in Turin und Genna, wo ich ihn wie einen harmlosen Müßiggänger int Hause eines weltlustigen Freundes wiedersah. Niemand ahnte, daß seine Mission dahin j ging, Sardinien und die Republik Genua für das europäische i Bündnis gegen England und den verwegenen preußischeil König Friedrich, den Markgrafen von Brandenburg, zu gewinnen. In den Logen, wo ich mit ihm zusammentras, war alles von seiner freundlichen Anmut en'zückt. — Ich sollte ihn in Genua an einem Orte wiedersinden, wo ich ihn nicht suchte — in der Kirche. Es war eines Sonntags in San Loreuzo, als der letzte Ton vom hohen Chor verhallte. Ich stand noch vor einem Bilde des heiligen Lazarus, der das Leichentuch uild die Decke des Todes von sich schüttelt, aus dem Grabe steigt und mit den Lebendigen wandelt. Der Dom war leer. Rur an der Sakristei hielt noch ein Haufe Schaulustiger. Sic sahen nicht danach aus, als hätten sie an der heiligen Handluilg Teil genommen; sie waren vielleicht gekommen, die Merkwürdigkeiten der Kathedrale tu

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