Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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der jüdischen Geschichte und Literatur sollten die Grenzen nicht so eng gezogen sein, daß nicht auch kulturhistorisch interessante Ausführungen, die auf den ersten Blick zwar etwas abseits vom Wege liegen und nur als Beiwerk erscheinen, aber doch zur Belebung und Vertiefung des Stoffes viel beitragen, mit eingeflochten werden. Eine zum mindesten skizzenhafte Schilderung der wechselvollen Schicksale eines Mannes, dessen ganzes Leben eine verlebendigte Ethik des Judentums gewesen, der allen Anfechtungen und Verlockungen zum Trotz bei der Glaubensfahne geblieben und der gegen die Verunglimpfungen seiner Religion so furchtlos und unerschrocken mannhaften Protest erhoben, eine gute Auswahl seiner kernhaften religiösen Ideen sollten eigentlich in jedes diesbezügliche Lehrbuch, besonders für die Jugend, gehören. Exempla trahunt. Levin hat solche wertvolle Proben aus der „Geschichte meines Dienstlebens", einem längst vergriffenen und als Rarität sehr begehrten Buche, dargeboten, soweit sie von religiös-sittlicher Bedeutung und Anziehungskraft sind. Diese Autobiographie neben anderem wertvollen Material, aber nur schwer zugänglichem, das in Archiven verborgen ruht, liegt auch dem Büchlein zugrunde. Der Bearbeiter, ein gewandter Stilist, hat jeden überladenen, bombastischen Redeschmuck geflissentlich vermieden und sich, ohne des Schwungs gerade zu entbehren, einer einfachen, schlichten, aber dadurch um so klareren und dabei doch um nichtsdestoweniger edlen und vornehmen Ausdrucksweise befleißigt und ohne langes, salbaderndes Moralisieren und den natürlich fortschreitenden Gang der Erzählung nurüberflüssigerweiseaufhaltendesReflektieren sich auf denBoden der ohnehin spannenden und Teilnahme eriveckenden Tatsachen gestellt. Dadurch tritt er mehr aus die Seite der dem modernen Grundsatz huldigenden Jugendschriftsteller: „Wer für die Jugend schreiben will, darf nicht für die Jugend schreiben!" (Storni, Pole Poppenspäler „Einleitung"), und hat ein Merkchen geschaffen, das jeder Erwachsene immer wieder von neuem gern zur Hand nehmen wird und das dabei dennoch nicht den geistigen Horizont der Jugend übersteigt. Nur ab und zu reiht der Verfasser einen Bibelvers oder auch ein Talmudzitat an, iminer an rechtem Platze, ungezwungen, nur zur Bestätigung der in ruhig dahinfließender Erzählung entwickelten höheren Idee. Gerade in unserer heutigen Zeit des schnöden Abfalls und der feigen gewissenlosen Fahnenflucht muß ein solches Buch mit seinem Helden als hervorragendem Beispiel der Gesinnungstüchtigkeit und unentwegter Glaubenstreue, wahrer, echter, unverfälschter, nicht bloß zur Schau getragener, sondern in schwierigen Lebenslagen überall erprobter und bewiesener Frömmigkeit und Gottergebenheit, des zielbewußten, nie ermattenden Strebens und der glühenden Vaterlandsliebe, der ehrerbietigen Bescheidenheit und wahrhaft großen Anspruchslosigkeit, dabei doch des selbstbewußten Stolzes und kühnen Mutes — des Mutes selbst vor Königsthronen — mächtig einwirken auf unsere religiös vielfach so indifferente, durch verkehrte Erziehung ach leider zu indifferente Jugend die Achtung vor der Religion häufig verlernt, an Pietät den Eltern gegenüber viel eingebüßt hat und falschen Idealen) hastig nachjagt. Mehr als die Lebensbeschreibungen eines,Kornelius Nepos, die eine längst vergangene, uns fremd gewordene Zeit wiederspiegeln, muß ein solches Buch, dessen Heldengeschichte in die Zeit der tiefsten Schmach und Erniedrigung, aber auch der höchsten nationalen Erhebung und Wiedergeburt fällt, flammende Begeisterung und Nacheiferung erwecken. — Nicht zu allerletzt sei .darauf hingewiesen, daß das Büchlein von einem wahrhaft ergreifenden Zauber und einer herzerquickenden Gemütlichkeit altjüdischen Familienlebens durchwoben ist, das nur von uns Aelteren noch durchlebt wurde und den Ohren unserer Kinder heutzutage wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit erklingt; dafür zeugt ganz besonders jenes taktvolle Verhältnis von einem zu höhen Ehren und großem Ansehen gelangten, aber dabei doch stets bescheiden gebliebenen Sohne zu seiner mit inniger und rührender Liebe an diesem hängenden Mutter. Wie beschämend und vermahnend wirken die Worte aus dem Munde eines christlichen Vorgesetzten auf die Lauen und Mattherzigen, wie Keulenschläge fallen sie nieder auf die Abtrünuigen (S. 36): „Religionswechsel aus schnöder Gewinnsucht, aus Ehrgeiz oder aus anderen weltlichen Gründen ist eine schwere Gotteslästerung, ein Meineid. Getaufte Juden sind mir ein Greuel" — oder die eines frommen Christen (S. 49): „Versprechen Sie mir, daß Sie niemals aus weltlichen Rücksichten um irgendwelcher Vorteile willen übertreten werden, sondern nur dann Christ werden wollen, wenn der heilige Geist über Sie kommen und Sie mit unwiderstehlicher Gewalt dazu antreiben wird." Mit wie feinem Takt benahm sich Burg der Unduldsamkeit engherziger Geister gegenüber, als er in Gesellschaft christlicher Offiziere und Gelehrter vor dem Umgang mit den so bösen Inden gewarnt wurde (S. 50): „Von meinen lieben Geschwistern und Verwandten werde ich mich niemals zurückziehen, und von mir selber — das geht ja nicht." Wie er seine Glaubenstreue sogar einem König gegenüber, der ihm nahe gelegt hatte, durch einen Glaubenswechsel äußere Ehren einzuheimsen, verteidigte (S. 261): „In meiner bisherigen Laufbahn ist mir kein Hindernis entgegeugetreten, ivelches mich hätte beivegen können, mich von meinem Glauben loszusagen, der mir durch Geburt und Erziehung eigen geworden, der mir in manchen trüben Stunden Trost und Beruhigung verschaffte. Wer bürgt mir für die Beibehaltung meiner inneren Ruhe, was bewahrt mich vor der quälendsten und bittersten Reue bei den Schlügen des Schicksals, wenn ich ohne meine Ueberzeugung, nur vom äußern Schein geblendet, alle Rücksichten beiseite lasse, übertrete und in den Augen der Welt als Heuchler dastehe?" usw. Das sind Worte und Empfindungen, die sehr lebhaft an Mendelssohns Sendschreiben an Lavater gemahnen. Mit zu den allerschönsten Zügen und anziehendsten Schilderungen gehören die, in denen erzählt wird, daß B., sooft es seine Zeit gestattete, an Sabbaten und Fasttagen den Gottesdienst in der alten Synagoge der Heidereutergasse, und zwar stets in Paradeuniform, mit den Orden auf der Brust, besilchte (S. 91), wie der „Judenmajor" auf diese Benennung, die den Spott herausfordern sollte, stolz war und dadurch dem beabsichtigten Hohn die Spitze abbrach,' wie er in Neiße, in einer jüdischen Familie einquartiert, das jüdische Tischgebet sprach, wie bei seinem Begräbnis (S. 96) von damals 40V 000 Einwohnern Berlins^ zirka 60 000 ihm das Ehrengeleite gaben, und welche denkwürdigen Worte der damalige Rabbiner Dr. M. Sachs, mit dein der Heimgegangene in inniger Freundschaft und vertraulichem Umgang gelebt hatte, au der Bahre sprach; all das ist eine wahrhafte Verherrlichung des Judentums. Man muß nach alledem dein Verfasser Dank wissen für seine fleißige und geschickte Arbeit.!,Er hat damit nicht nur die spezifische Jugendliteratur bereichert, sondern in mancher Hinsicht so recht erst in Angriff genommen. Sehen wir von Schmidts Mendelssohn, Herzbergs Hillel, Neudas Erzählungen, in neuester Zeit von Feiner: Rießer ab, die nicht einmal — exklusive Feiner — von allen Jugendschrift-Kommissionen einwandsfrei gebilligt werden, so besitzen wir namentlich Biographisches sogut wie nichts, und wir kommen bei der großen Armut an