Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
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zwei Milliarden für Alkohol ausgegeben hat. Mit dem Talmud möchte ich da ausrufen: „Wieviele Seelen hat man hier begraben, wieviel Elend hätte man mit diesem Geld aus der Welt schaffen können!" Der Zusammenhang zwischen Verbrechen und Alkohol ist ein gar inniger. Der gewiß spruchbefugte Verein deutscher Strafanstaltsbeamten hat bereits im Jahre 1880 einstimmig auf seinen: Verbandstage die These angenommen: „Der bei weitem größte Teil aller Verbrechen ist direkte oder indirekte Folge des Alkohols." Das Verbrechen ist direkte Folge des Alkohols. Man denke an die Roheiten und Sittlichkeitsverbrechen, die oft recht eigentlich Exzesse im Rausche sind. Sonnabend, Sonntag, Montag, die Tage, an denen das Volk am meisten trinkt, sind auch die Tage, an denen die meisten Verbrechen gegen das Leben und die Sittlichkeit begangen werden. In vino veritas. So konimen im Trünke alle bösen Triebe des Menschen erst recht zur Erscheinung. Aber auch als indirekter Anreger an Verbrechen ist der Alkohol anzusehen und da gilt, daß im Weine mehr Menschen ertrunken sind als im Wasser. Denn der Alkoholmißbrauch führt zu wirtschaftlichem Ruin, zerstört die körperliche und geistige Gesundheit und zerrüttet die Familien. Der Rabbiner wird, um desto eindringlicher auf Trinker einwirken zu können, den Alkohol selber gänzlich meiden. Es genügt ja nicht, wenn man einem Trinker sagen kann: Sei mäßig im Alkohol, wie ich auch darin mäßig bin, sondern man wird ihm sagen müssen: Trink' überhaupt keine geistigen Getränke und dann ist es gut und wirksam, wenn man hinzufügen kann: „Siehe, auch ich verzichte gänzlich auf derlei Genüsse." Ich habe daher, um einigen jüdischen Trinkern wirksamer dienen zu können, mich vollkommener Alkoholabstinenz befleißigt. Das lateinische Sprichwort: Line baocbo alget Venus (Ohne Wein darbt die Sinnenlust), leitet uns nun über zur Betrachtung der Prostitution, dieses dem Weibe eigentümlichen Verbrechertums. Was treibt die Frauen in die Arme der Prostitution? Lasterhafte Veranlagung? Doch die mit Entartungssymptomen Behafteten sind immerhin die Minderzahl. Andere treibt die Not in die Arme des Schandgewerbes. Für den Rabbiner ist es heutzutage leider nicht nur theoretisch wertvoll, sich über die Gründe, aus denen Frauen gewerbsmäßige Unzucht treiben, aufzuklären. In den größeren Städten gibt es auch jüdische Dirnen. In Berlin standen im Jahre 1904 nur sechs Jüdinnen unter Kontrolle, allein der Chef der Sittenpolizei sagte mir auf Grund seinerjahrelangen Erfahrungen, daß noch eine ganze Anzahl jüdischer Mädchen sich prostituieren, sich jedoch der Kontrolle zu entziehen wissen. Ob für die Seelsorge dieser Entarteten etwas geschieht? Ob versucht wird, auf sie bessernd einznwirken? Wie kann ein jüdisches Mädchen so tief sinken? 1. Durch ungünstige Familienverhältnisse. Die Dirnen sind selbst oft uneheliche Kinder, sind früh verwaist, haben keine Erziehung genossen; 2. durch ungünstige Wohnverhältnisse, die sie mit Dirnen in Berührung bringen, deren bequemes Leben im Vergleich zu ihrem Elend sie verführt, auch ihrerseits den Weg der Schande zu gehen. Man denke an die schaurigen Sittenbilder, die der Prozeß Berger entrollt hat; 3. durch Putzsucht und Arbeitsscheu; 4. die Verführung durch Liebhaber, die sie gewissenlos dann im Stiche gelaffen haben. Gewöhnlich verstoßen jüdische Eltern eine Tochter, die unehelich geboren hat. Das Mädchen! verliert dann jeden Halt und wird dam: durch Not und Verleitung schließlich der Prostitution verfallen. Dann 5. ist die bittere Not zuweilen der Anlaß, der ein Mädchen oder eine Frau so entarten läßt. Die Prostitution ist innig versippt mit dem Verbrechertum. Der Umgang und der Verkehr mit den Kreisen der Prostitution ist der Sumpfboden, auf dem die Giftpflanzen aller Verbrechen und Laster üppig wuchern. Daher muß der Rabbiner einerseits die Wahrung unbescholtener Mädchen vor Verführung anstreben und alle die Ursachen zu bekämpfen suchen, bie] der Prostitution neue Dienerinnen zuführen, anderseits auf die männliche Jugend so einwirken, daß ihnen die Unzuchtssünde als sittliche Herabwürdigung erscheint, und sie ein keusches, reines Leben als höchste Ehre anzusehen lernen. * § * Ehe ich die Tagebuchblätter meiner Gefangenen reden lasse, will ich zum Schluß meiner aphoristischen Darlegungen noch einer Quelle des Verbrechens erwähnen, die durch den Köpenicker Fall auch für blöde Augen aufgedeckt ist, den Mangel an rechter Fürsorge für entlassene Gefangene. Von der falschen Ausweisungspraxis der Polizei zu reden, erübrigt sich hier. Oombattre la recidive c'est la solution de la question penitentiaire. So hat auch der internationale Gefängnißkongreß in Rom als sicheres Mittel gegen Rückfälligkeit die geeignete und ausreichende Schutzsürsorge für entlassene Gefangene erklärt. Bei Angehörigen der besseren Stände, bei Kauflenten, die unter den jüdischen Gefangenen wohl die Mehrzahl bilden, ist das aber ganz besonders schwer. So berichtet der Geschäftsleiter des deutschen Hilfsvereins für entlassene Strafgefangene, daß auf 500 Briefe für gebildete Gefangene 470 in ablehnendem Sinne antworteten. Ich selbst bin mitunter überrascht, wie man selbst bei sonst gebefrohen und hilfsbereiten Menschen vergebens anklopft, so es sich um einen entlassenen Sträfling handelt, der ohne Existenzmittel verlassen dasteht. Verständnis- und teilnahmslos stehen die Menschen dein Unglücklichen gegenüber, wie einen Gebrandmarkten meiden sie ihn, nirgends streckt sich ihm eine Hand erbarmungsvoll entgegen, es bleibt ihm schließlich nur ein Weg: der Rückfall ins Verbrechen. Die ehrbare Welt verschließt ihm die Tür, so muß er zu der: Ehrlosen gehen und aus dem Gelegenheitsverbrecher wird der Gewohnheitsverbrecher: die Tragik des Schuhmachers Voigt im Köpenicker Fall. Diese Momente, die ich hier, wie ich glaube, schlicht und durchsichtig in Erinnerung gebracht habe, wolle man auch bei Lektüre folgender Blätter, die ich den Tagebüchern zweier Gefangenen entnehme, im Gedächtnis behalten. Line Hugendlchrikt. Von A.^Auerbach. ine schöne Gabe hat Herr Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe in erster Reihe der israelitischen Jugend, aber nicht nur ihr, sondern uns allen gespendet mit seinem unter Mitwirkung der Jugendschriftenkommission der Großloge für Deutschland VIII. U.O.B.B. bearbeiteten Buche: „Major Burg, Lebensbild eines jüdischen Offiziers" (Berlin, Lamm, 100 S. Oktav. 1907). Unter den mehr oder weniger bekannten Verfassern von Lehrbüchern und Leitfäden zur jüdischen Geschichte hat der Prediger der Reformgemeinde. Dr. M. Lev in, meines Wissens ganz allein den jüdischen Major mit Recht in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen und ihm einen wohlverdienten Ehrenplatz neben Gabriel Rießer angewiesen. Bei der Darstellung