Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 hst Jezer hara, der Trieb zum Bösen. Nicht nur der sittenstrenge Bolkslehrer der Mischnah spricht: Ich will das Gute, doch der Sauerteig im Herzen läßt es nicht zu, auch der frivole römische Genußmensch Ovid bekennt sich zu der Psychologischen Tatsache: bütimur in vetitum semper cupimusque negata (Wir neigen immer zum Verbotenen und streben nach Verwehrtem). Was in der tiefsinnigen biblischen Erzählung von dein Sündenfall der ersten Menschen berichtet wird, das geschieht noch heute, das wird noch heute erlebt und erlitten. Man lese nur Kap. 3 der Genesis erschlossenen Sinnes, und vor unseren Augen steht in voller Plastik und mit treuer Genauigkeit die verhängnisreiche Entwicklungsgeschichte des Bösen klar und scharf gezeichnet bis auf die kleinen Nebenzüge, daß — um nur ein Moment hervorzuheben — das Weib auch dein Manne gibt von der verbotenen Frucht, weil die Sünde nach Genossen sucht. In jedem Menschen sind Anlagen zum Guten, aber auch Leidenschaften, Affekte, Hab-, Genuß-, Ehrsucht. Aufgabe der Erziehung ist es, die Beweggründe zum Guten so in der Menschenbrust zu häufen, daß der Wille, die Resultate der Motive, sich für das Gute entscheide. Wir haben also einerseits unfern Seelsorgepflegling soviel wie möglich mit Antrieben zum Guten, mit edlen Gefühlen, Empfindungen, Gedanken, Erlebnissen zu erfüllen, andererseits alles von ihm abzuwehren, was die schlechten Strebungen in ihm fördern, stärken und inehreu könnte. * * Die kräftigste Verbrechensprophylaxe übt die tiefempfundene echte Religiosität. Religion ist ein gutes Kampfmittel gegen das Laster. Leidenschaftliche Liebe zu Gott vermag den bösen Dämonen schlechter Leidenschaften erfolgreich zu begegnen. Das hat bereits die Bibel, das haben die alten Schriftgelehrten richtig gesehen. Ohne Weissagung entartet ein Volk, heißt ein biblischer Weisheitsspruch, und der Talmud sagt: Wenn dir die Sünde naht, gehe ins Haus der Gotteslehre oder spreche das Bekenntnis von Gott dem Einzigen. Die stärksten sittlichen Impulse liegen in der Religion. In ihr liegt aller Idealismus für das Volk. Das gibt selbst Ed. v. Hartmann zu. Darum ist Gottentfremdung und Materialismus, Unglaube und Aberglaube zu bekämpfen. Wer den Leuten predigt, daß der Mensch nur ein höchstentwickeltes Tier sei. daß seine Gedanken ebenso Ausscheidung des Hirns wären, wie Galle aus der Leber, der nimmt dem Volke damit wichtige Hebel der Sittlichkeit, den Gottglauben, den Unsterblichkeitsgedanken, die Ueberzeugung von der Würde des Menschen. Durch die populäre materialistische Literatur, durch Zeitungsaufsätze und Vorträge mit dieser Tendenz wird dem Volke die Ehrfurcht vor den göttlichen Dingen geraubt. Und mit der Ehrfurcht vor dem über uns, Gott, Eltern, Helden, schwindet die Ehrfurcht vor dem in uns, das Gefühl unserer sittlichen Würde und auch die Ehrfurcht vor dem unter uns, die rechte Demut und das rechte Mitgefühl (vgl. dazu Goethes Wahlverwandtschaften, pädagogische Provinz). Im Ansturm der Versuchung, im Drange der Leidenschaft erweisen sich bloße Vernunstgründe nicht hinreichend; gesteht doch selbst Voltaire, den niemand der Voreingenommenheit in unseren Fragen verdächtigen wird: „Philosophiert soviel ihr wollt über die beste Regierungsform. Wenn ihr aber auch nur einen kleinen Marktflecken zu verwalten hättet, so müßte er Religion haben." Der Rabbiner muß demnach vorerst bemüht sein, die Religion wieder zur Lebensmacht zu bringen, sie wieder zu einer Kraft zu gestalten, die auf das Herz Einfluß übt. Darum sorge er. daß die Synagogenandacht und der Religionsunterricht so ausgestaltet werden, daß sie ihren Zweck erfüllen. Das wesentliche bleibt aber auch hier die persönliche Seelsorgearbeit. In Großgemeinden, wo auf einen Rabbiner Tausende von Seelen kommen, ist ein planmäßiges Einwirken von Mensch zu Mensch unmöglich. Wenn man aber erst in maßgebenden und einflußreichen Stellen einsieht, daß der Rabbiner nicht bloß Predigtfunktionär und Religionsstnndenerteiler, sondern seelsorgerischer Freund eines jeden in der Gemeinde sein muß, dann wird inan auch beginnen, die Gemeinden so zu organisieren, daß der Rabbiner methodische Seelsorge üben kann. In bezug auf die religiöse Einwirkung auf Strafgefangene kann ich hier nur auf meine bereits angeführte Schrift über diesen Gegenstand verweisen. * * * Neben die religiösen Einflüsse treten die Einwirkungen der Schule und des Hauses als besonders wichtige Faktoren. Bekannt ist das Sprichwort, daß es besser sei, daS Kind zu erziehen, als den Mann zu bestrafen. Bei den meisten Verbrechern, mit denen ich beruflich zu tun hatte, konnte ich vernachlässigte Erziehung konstatieren und die schlechten Vorbilder der Eltern oder, bei früher Verwaisung, anderer Erzieher Nachweisen. In manchen Fällen ist schon in früher Jugend das Schamgefühl erstickt worden. Man denke an die traurigen Wohnverhältnisse der Armen. Es kommt vor, daß die Eltern ihre Kinder anhalten, einem Schandgewerbe, z. B. Diebstahl, Prostitution nachzugehen. Oft kann die Schule den schlechten Einfluß des Hauses paralysieren. Die sittliche Macht des Lehrers kann den guten Keim des Kindes trotz der verderblichen häuslichen Einwirkungen kräftigen und zum Durchbruch bringen. Freilich muß der Lehrer es verstehen, auf Willen und Gemüt zu wirken und jede Lehrstunde zu einem Gesinnungsunterricht zu gestalten. Er muß mehr Nachdruck auf Schärfung und Klärung des sittlichen Empfindens als auf Häufung und Mehrung des Gedächtnisstoffes legen. Nicht viel in den Kopf, sondern viel in das Herz muß die Losung sein. Die Fürsorge für die aus der Schule entlassene Jugend muß dem Rabbiner ganz besonders am Herzen liegen. Ergründe Jünglings- und Jungfrauenvereine und suche auch persönlich, zumal auf alleinstehende, des Familienanschlusses entbehrende junge Leute, sittigend einzuwirken. Er kümmere sich auch darum, daß die jungen Mädchen, die als Ladnerinnen tätig sind, nicht in schlechte Kreise gelangen, und sorge dafür, daß sie in sittlich gesunden Familien Verkehr und Zugang finden. -i- * Daß auch die soziale Arbeit des Rabbiners, der Kampf gegen Elend und Armut, zugleich ein Kampf gegen das Verbrechen ist, dürfte einleuchten. Wer in wirtschaftliche Not geraten ist, ist der Verführung zu Verbrechen leichter ausgesetzt, als wer in geordneten Verhältnissen lebt; Krüppel, für die niemand sorgt, werden auf den Weg des Verbrechens gedrängt. Mindestens 90 Prozent aller Eigentumsverbrechen werden von den ärmeren Klassen begangen. Schon darum muß der Rabbiner der Armenpflege Zeit und Kraft widmen, und den Hilfsbedürftigen, deren Vertrauen er besitzen muß, mit Rat und Tat helfen. * Was nun die besondere Verbrechensprophylaxe betrifft, so will ich hier nur zwei Momente herausheben: Den Kampf gegen den Alkohol und gegen die Unzucht. Für die soziale Verderblichkeit geistiger Getränke ziehe ich bloß zwei statistische Tatsachen an, einmal, daß 80 Prozent aller Almosenempfänger durch den Trunk an den Bettelstab gebracht wurden und daß das deutsche Volk im Jahre 1891