Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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31 von der Arbeitsstelle haben fernbleiben sehen. Möge .man uns deshalb helfen, dieses veraltete Vorurteil gegen die jüdischen Arbeiter zu überwinden! Und wenn ich jetzt die trockenen Zahlen, die nun einmal bei einem Bericht über einen Verein, besonders für einen Arbeitsnachweis, nicht fehlen sollen, mitteilen darf, so dürfte es vielleicht nicht uninteressant sein, daß der Arbeitsnachweis in seiner zehnjährigen Tätigkeit zirka 16 500 Personen dauernde und zirka 4000 vorübergehende, im ganzen zirka 20 000 Personen Beschäftigung nachgewiesen hat. Welche Unsumme von. Arbeit, Hingabe der Beamten und des Gesamtvorstandes liegt in diesen Zahlen; denen andererseits die genügende Befriedigung gegenübersteht, vielen Glaubensgenossen die Sorge für das tägliche Brot genommen, ihnen Arbeit statt Almosen gegeben zu haben. Infolge der Erweiterung und der Ausdehnung unserer neuen Räumlichkeiten sind wir bestens bestrebt, die Tätigkeit und hiermit die Reorganisation des Arbeitsnachweises auszudehnen. Wir beabsichtigen, zuvörderst den Stellungsuchenden, denen wir nicht imstande sind, sofort mit der Tat zur Seite zu stehen, in unfern Räumen durch Stenographie und Schreibmaschinennnterricht Gelegenheit zu geben, eine neue Stellung sich zu erringen. Ferner beabsichtigen wir, durch Errichtung einer Schreibstube, in der sowohl Arbeiten auf der Schreibmaschine angefertigt werden, wie andererseits Versendung von Katalogen, Zirkularen, Vereins- Mitteilungen stattfindet, besonders den Bejahrteren der Arbeitsuchenden, die infolge des Alters stets [eilte Quelle der Sorge für den Arbeitsnachweis sind, Gelegenheit zum Erwerb zu bereiten. Ferner haben wir die Absicht, durch Lehrvorträge jungen Kanfleuten Gelegenheit zu bieten, ihre geschäftliche Ausbildung auszudehnen und weiter zu arbeiten. Ich will durch diese kurzen Ausführungen nicht etwa glaubhaft machen, daß mit diesen Projekten der Wirkungskreis unseres Arbeitsnachweises in seinem neuen Rahmen erschöpft sei, im Gegenteil, wir würden Anregungen, die das Blühen und Gedeihen desselben fördern, stets dankbar aufnehmen. Dieses Pensum großer Aufgaben erheischt freilich große Ausgaben. Die Kosten für den einzelnen plazierten Bewerber, resp. für jede besetzte Stellung, haben sich von den ersten drei Jahren des Bestehens des Arbeitsnachweises, wo diese auf 5,57 Mark pro Person sich gestellt haben, in den letzten Jahren des Vereins ans durchschnittlich 3,21 Mark herabgemindert. Trotzdem stehen leider unsere Kasseneinnahmen in keinem Verhältnis zu unseren Leistungen und der Aufgabe, die wir uns., gestellt haben. Wir richten deshalb an alle Glaubensgenossen die herzliche Bitte: Benutzen Sie jede^frendige und die im menschlichen Leben leider ja auch vorkommende traurige Gelegenheit, um den Opfersinn für den Arbeitsnachweis wachzurufen. Unterstützen Sie uns durch Beiträge, durch Gewinnung von Mitgliedern, daß lvir ferner nicht zu erlahmen brauchen in dem Bestreben, dem sinkenden Bruder die Hand zu reichen. Es muß in allen Kreisen das Verständnis für den Arbeitsnachweis geweckt und unfern Glaubensgenossen vor Augen geführt werden, daß es noch einen höheren Genuß gibt als den rein materiellen, und sie müssen die Gewißheit gewinnen, daß ihnen dieser Genuß zugänglich ist. Das notwendige. Korrelat dazu ist, daß diejenigen Stände, welche über größere Mittel verfügen, den iveniger Begünstigten menschlich näher treten. So habe ich"versucht. den geneigten Lesern einen kleinen Einblick in die segensreiche und umfangreiche Tätigkeit des Arbeitsnachweises zu verschaffen, ohne in der Lage zu sein, im kleinen Rahmen das große Stück Arbeit ethischer und sozialer Aufgaben zu schildern. Der Orden, dem wir die Begründung dieses Instituts verdanken, hat als Wahlspruch die Worte „Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht" auf sein Panier geschrieben, und so wollen wir dieser Devise eingedenk uns zu gemeinschaftlichem Tun verbinden, um in brüderlicher Eintracht Wohltätigkeit dadurch auszuüben, daß wir nicht Almosen geben, sondern was viel höher steht: Arbeit, weit diese das Selbstbewußtsein des Menschen hebt und innere Befriedigung schafft. hinter lkerbrrmauern. Lose Blätter zur Verbrechensprophylaxe. Von Kreisrabbiner Dr. Max Beermann-Insterburg. 7. er Rabbiner, den: Strafgefangene zur Seelsorge anvertraut sind, muß die Krankheit kennen, zu deren Heilung er Mitwirken soll. Da ist es nötig, daß er sich über die Quellen klar gewordeil ist, aus denen das Verbrechen strömt. Denn wie der Arzt dann am wirksamsten für die Gesundheit seiner Mitmenschen sorgt, wenn er die Krankheitserreger erforscht und sie durch geeignete Vorkehrungen unschädlich macht, so soll der Rabbiner nicht nur den sittlich Erkrankten durch seinen Einfluß ethisch gesund machen, sondern auch einen» Rückfall durch passende Mittel vorzubeugen bestrebt sein. Ich habe ans die prophylaktische Tätigkeit des Rabbiners bereits in meiner Schrift „Die Seelsorge an jüdischen Strafgefangenen" kurz hingewiesen. Ich will hier diesen Punkt noch etwas eingehender behandeln als es in dem Rahmen meiner Broschüre möglich war und zur Illustration dessen, was ich heute, wie damals darbiete, Blätter aus den Tagebüchern ineiner Gefangenen beigeben. Es ist wohl überflüssig, darzutun, daß die Vorbeugungsmaßregeln, durch deren Befolgung das Verbrechen seltener werden soll, llicht nur in der Anstaltspraxis, sondern überhaupt im seelsorgerischen Wirken an der Gemeinde bedacht und beherzigt lverden »vollen. Zunächst wolle»» wir uns vergegenlvärtigen, was das Verbreche»» ist. Die kriininala»»thropologische Schule sieht darin eine Krankheit, die naturgesetzliche Folge angeborener und ererbter Fehler, die den Unglücklichen, der mit ihnen behaftet ist, mit unwiderstehlichem Zwange auf die Bahn des Rechtsbrnches treibt. Lombroso kann als Haupt dieser Richtung angesehen werden. In Wirklichkeit ist aber diese Theorie nur eine Halbwahrheit. Es ist keineswegs an dem, daß jeder Verbrecher die Abnormitäten aufweist, die wir nach Lombrosvs für die anthropologische Wertung des Verbrechens grundlegender Schrift bei ihn» voranssetzen »nüssen, und umgekehrt gibt cs Menschen, an denen »vir gewisse abnorme Erscheinungen ivahrnehmen, die keineswegs als Zuchthauskandidaten anzusehen sind. Aschaffenbnrg in seiner» gründlichen Buche „Das Verbrechen und seine Bekämpfung", das kein Seelsorger ungelesen lassen sollte, geht (S. 161) kritischauf die Auffassung Lombrosvs ein und kommt zu dem Resultate, daß Degenerationszeichen aller Art nie rr»»d nimmermehr auch mrr mit annähernder Bestirnurtheit auf verbrecherische Neigungen schließen lassen. Weniger einseitig als die italienische Schule ist die deutsche Richtung der Kriminal-Soziologen und ihr Begründer Franz von Liszt. Nach ihr ist das Verbrechen gelviffermaßen das Produkt zweier Faktoren, einmal stammt es aus der Gesinnungsart des Individuums und dann aus dem sozialen Milieu, aus der Umgebung und den Lebensverhältnissen des Verbrechers. In der Tat gibt die Statistik unwiderlegbare Beweise dafür, daß das Verbrechen mit den Lebensbedingungen des Menschen in einem innigen Zusammenhang steht. Von 50 Strafgefangenen, die ich in. ca. 10 Jahren zu pastoriere»» hatte, waren fast die -Hälfte entiveder uneheliche Kinder oder aus zerrütteten Ehenchervorgegangen oder von bereits bestraften Eltern erzogen. Ziveifellos ist das Verbrechen eine sozialpathologische Erscheinung. Doch »vir dürfen niemals auch die andere Seite aus dein Auge verlieren: die persönliche Gesinnungsart des Individuums. Ein gut Teil Zündstoff des Bösen steckt im Menschen selbst. Es ist das nach jüdisch-theologischer Sprechweise der