Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228748--63225-3297099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

30 die größte Stadt in Texas, aber durch seinen unvergleichlichen Hafen und diß sechs großen Eisenbahnlinien, die von Galveston nachdem Süden, Südwesten und Westen ausgehen, die bedeutendste und wichtigste Stadt von. Texas. Ter ganze Westen, vom Mississippi bis zum Stillen Ozean, zahlt ihm seinen Tribut. Es ist der Brennpunkt der halben kaufmännischen Tätigkeit des Staates und der Kreuzungs- Punkt des Exportgeschäftes des ganzen Südwestens. Es verschickt jährlich mehr Baumwolle und Baumwollsamen als irgendein anderer Hasen dieses Landes und nimmt den dritten Platz ein unter den großen Häsen der United States, in der ganzen Anzahl der Tonnenladungen und dem Werte der Schiffsladungen. Seit dem Bau eines Tiefwasserkanals für Ozeandampfer, der im Jahre 1896 sertiggestellt wurde, hat sich das Exportgeschäft enorm vergrößert. Bon seinem 50 Meilen langen Dock legen 40 Dampfschiffslinien in ausländischen Häfen an. Galveston ist in rascher und beständiger Verbindung mit jedem wichtigen Punkte der westlichen Küste Europas, von Dänemark bis zum Mittelländischen Meer. London, Liverpool, Antwerpen, Havre, Bremen. Belfast, Mexiko, Cuba, Südamerika, China und Japan haben häufig und regelmäßig Schissein seinen: Hafen, und durch die 400 Schiffe, die jährlich in den ausländischen Häfen anlegen. bringt Galveston auf die Weltmärkte: 2 Millionen Ballen Baumwolle, 260 000 Tonnen Oel und Baumwollsamen, 12 Millionen Gallonen Baumwollsamenöl, 16 Millionen Scheffel Weizen, 150 000 Fässer Mehl, 19 000 Wagenladungen anderen Getreides und nahezu 10 Millionen Wert an Vieh, Pferden usw. und Fabrikationsartikeln. Wenn man zu dem Handel und Verkehr dieser 400 Schiffe noch das gesamte Geschäft von 215 Küstenschiffen hinzurechnet, mit Schiffsladungen von nahezu 360 000 Tonnen, dann bekommt man eine Idee von der Bedeutung und den: Reichtum Galvestons. Galveston hat gegenwärtig etwas mehr als 40 000 Einwohner und auch eine kleine jüdische Gemeinde. Größere jüdische Gemeinden in Texas sind: San Antonio, Dallas, Houston und Beaumont. Die Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung von Texas wird aus 25 000 geschätzt. Der Norddeutsche Lloyd in Brernen unterhält eine regelmäßige, wöchentliche Dampferverbindung von Bremen nach Galveston. Die Fahrtdauer beträgt zirka 13—14 Tage. Der Fahrpreis von Bremen nach Galveston für Zwischendeckpassagiere beträgt 140 Mark. In Galveston selbst besteht ein Arbeitsnachweisbureau, das von den Eisenbahngesellschaften unterhalten wird und das die ankommenden Einwanderer in verschiedenen Plätzen des Landes unterbringt. Das'von derJto in Aussicht genommene jüdische Informationsbureau für jüdische Einwanderer in Galveston darf mit Freuden begrüßt werden. Der Arbeitsnachweis. Bon Gustav Michalski. 3u den erhebensten und schönsten Erfolgen, die der Buch Brith-Orden und speziell die Berliner Logen desselben bisher errungen, glaube ich die Gründung des Vereins für Arbeitsnachweis zählen zu dürfen. Es kann wohl kein schöneres Bewußtsein geben, als wenn wir dem nach Arbeit ringenden Familienvater, der für das karge tägliche Brot seiner Familie besorgt ist, wenn wir der Tochter oder dem Sohne, der getreu dem Grundsätze unserer Religion bemüht ist, seiner verwitweten Mutter eine Stütze zu sein, statt Almosen Arbeit verschaffen. Kann es eine schönere Beruhigung geben, wenn wir einer eheverlassenen Frau Gelegenheit bieten, sich bei uns auszuweinen, ihr das Vertrauen zu der Menschheit wiederzugeben und ihr tröstend zuzurufen, daß für sie die Sonne des Glücks noch nicht untergegangen und wir mit Erfolg bemüht sind, ihr die Sorge für ihre unmündigen Kinder abzunehmen § Gar groß sind die Ansprüche der Herren Chefs wegen Besetzung einer Stelle, die an den Verein für Arbeitsnachweis sich wenden und auch andererseits ist es nicht unschwer, nach den Fähigkeiten und Zeugnissen der Bewerber diesen das passende Engagement zu besorgen; aber wenn in dieser Hinsicht, was nicht zu bezweifeln ist, der Verein für Arbeitsnachweis zuweilen einen Fehlgriff getan, so beweist dies einzig und allein nur die Wahrheit des Spruches, daß Irren menschlich ist und niemals, daß der Verein für Arbeitsnachweis nicht die geeigneten Kräfte hat, um diese würdig zu plazieren. So passierte es vor einiger Zeit, daß ein christlicher Bewerber den Verein für Arbeitsnachweis für sich in Anspruch nahm, ihm eine Stelle zu verschaffen, in welcher er am Sonnabend nicht zu arbeiten brauchte. Er gehörte nämlich zu der Sekte der Adventisteu, die bekanntlich den Sabbat wie in unserer Religion feiern. Wir standen vor einer schweren Aufgabe, ihn: die geeignete Position zu verschaffen, da er bei christlichen Finnen wegen der Sabbatruhe nicht unterzubringeu war und andererseits bei jüdischen Firmen, die am Sonnabend und den jüdischen Feiertagen geschlossen haben, auch keine große Aussicht vorhanden war. Mit Unterstützung unseres Vereins für Arbeitsnachweis verschafften wir ihm bei einem hiesigen Rabbiner eine Aushilfsstelle als Stenotypist und für Schreibmaschine, womit derselbe sehr vertraut ist und nun zur großen Zufriedenheit des betreffenden Herrn gewissenhaft seine Pflicht erfüllte. Jedoch als das Pensum der Arbeit für den betreffenden Herrn Rabbiner beendigt, war es sehr schwer für uns. aus obigen Gründen, demselben eine Stellung zu verschaffen, bis wir schließlich ihm den Rat gaben, bei einem Fuhrherrn als Droschkenführer einzutreten unter der Verpflichtung des ersteren, am Sonnabend nicht fahren zu brauchen. Zu unserer Freude konnten wir konstatieren, daß dieses in allen Teilen gelang; der betreffende Adventist hat im Monat 150 Mark verdient, und ist, von dem Gewissenszwang befreit, an: Sonnabend nicht fahren zu brauchen, vollständig zufrieden mit sich und seinem Brotherrn. Freudigen Herzens ist es uns gelungen, ans den kleinsten Anfängen heraus, unter Beihilfe der Berliner Logen, des Vorstandes der jüdischen Gemeinde und wohltätiger Herzen, nach zehnjährigem Bestehen eine würdige und ausreichende Unterkunft für den Verein für Arbeitsnachweis zu finden, und wenn es wahr ist, daß die echte Wohltätigkeit ein einfaches, kindliches, plauderndes Dornröschen ist für diejenigen, deren Herzensgrund einem edlen Interesse offen steht und nur der Weg zu diesem einfachen Wesen durch ein wildverwachsenes, wirres Gestrüpp geht und ein guter Führer darüber hinweghebt, so glaube ich, daß wir in Herrn Dr. Max Ginsberg, dessen Familientradition sich mit den Grundsätzen des Bnai Brith-Ordens: Brüderlichkeit. Wohltätigkeit, Eintracht, stets gedeckt haben, denjenigen Steuermann gefunden haben, der den Verein für Arbeitsnachweis in: Uimc der Berliner Logen in den richtigen Hafen führen wird. Es ist uns in unserm neuen Heim durch Aufopferung von Brüdern der Berliner Logen gelungen, dasselbe nach jeder Richtung hin den heutigen 'Ansprüchen gemäß auszustatten, und gern benutze ich die Gelegenheit, an dieser Stelle den Herren Oskar Tietz, S. Weile, Dr. Max Ginsberg und I. Bodenstein unseren herzlichsten Dank auszusprechen. Ihre Opferfähigkeit hat es dahin gebracht, daß durch die würdige Ausstattung unserer Räume das Selbstbewußtsein der unr Arbeit Suchenden gestärkt wird, daß wir ferner in der Lage sind, geeigneteres und wertvolleres Material in unfern Bewerbern heranzuziehen. Leider muß ich jedoch zu meinem Bedauern sagen, daß viele Kaufleute und Industrielle den Wert unseres Arbeitsnachweises noch nicht genügend im Verhältnis zu unserer Tätigkeit würdigen. Es ist nicht genügend, daß sie Mitglieder des Vereins für Arbeitsnachweis sind, daß sie glauben, durch die Mitgliedskarte dem Verein für Arbeitsnachweis ihre Unterstützung zugesichert zu haben; diese Zeichen des Interesses sind uns wertvoll, sie genügen aber nicht, indem wir die Beweise des Erinnerns vermissen, daß, falls sie Personal, sowohl kaufmännisches wie gewerbliches bedürfen, sie sich jederzeit der Tätigkeit des Arbeitsnachweises erinnern. Es besteht, immer noch das schon lange überwundene Vorurteil, daß der Jude schwere Arbeit scheue. Falls die, welche solches Vorurteil hegen, in die Werkstatt unseres Arbeitsnachweises hineinblicken würden, könnten hunderte von Gegenbeweisen sie eines Besseren belehren. Der jüdische Arbeiter ist vor allen Dingen ein nüchterner Arbeiter, und keiner wird wohl jemals einen betrunkenen jüdischen Arbeiter in der Tätigkeit oder zur Werkstatt haben kommen sehen. Keiner wird wohl jemals ohne triftigen Grund einen jüdischen Arbeiter, wie dies sonst sehr oft der Fall und zu den größten Kalamitäten, wie die Erfahrung beweist, geführt hat, .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.